Garden State

Die charmante, teils autobiographisch inspirierte Komödie beschreibt, wie ein erfolgloser Schauspieler seine Psychosen meistert und lehrt uns, dass Lachen das beste Heilmittel gegen Lebensängste ist.

Garden State

Im Prinzip ist Komik eine einfache Sache. Zu ihrer Beschreibung hat die linguistische Humorforschung den Begriff der Inkongruenz geprägt: Der Rezipient baut eine bestimmte Erwartungshaltung auf, die durch das plötzliche Auftauchen eines inkongruenten, d.h. unangepassten Elements enttäuscht wird. Aus der Kollision zwischen Erwartetem und Geschehendem entsteht ein komischer Effekt, der den Rezipienten zum Lachen bringt. Die Sprachwissenschaft analysiert die Inkongruenz auf der Basis des sprachlichen Witzes, der meistens über die Mehrdeutigkeit von Worten funktioniert. Das Zeichensystem Film ist audiovisuell und damit komplexer als die Sprache; seine Komik funktioniert jedoch grundsätzlich nach dem gleichen Prinzip.

Wohl nirgends wird das filmische Basisrepertoire zur Produktion humoristischer Inkongruenz intensiver durchgespielt als in amerikanischen Sitcoms. In gewissem Sinne sieht man Garden State an, dass sein Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Zach Braff durch die Hauptrolle in der erfolgreichen Comedy-Serie Scrubs (auf ProSieben lief im Herbst 2004 die zweite Staffel) bekannt geworden ist. Wie in einer Sitcom jagt in seinem ersten Spielfilm stellenweise ein Lacher den anderen. Man wird das Gefühl nicht los, dass Braff beim Schreiben seines Drehbuchs ein Notizheft mit lustigen Ideen Punkt für Punkt abarbeitet. Wo bringe ich am besten den Joke mit dem Mann in Ritterrüstung unter?

Garden State

Seine Erfolge als Schauspieler in L.A. sind so mäßig, dass Andrew Largeman (Zach Braff), genannt „Large“, nebenher in einem asiatischen Restaurant als Bedienung jobben muss. Seine Familie in New Jersey, dem Garden State, hat er seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr besucht. Zurück in sein Heimatstädtchen reist er nur, um an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen, die unter einer körperlichen Behinderung und Depressionen litt und sich in der Badewanne ertränkt hat. Zu Hause wird er mit seinem ihm vollkommen entfremdeten Vater (Ian Holm) konfrontiert, der früher zugleich sein Psychoanalytiker (!) gewesen ist.

Garden State erzählt, wie Large sich während des Aufenthalts in der heimatlichen Umgebung endlich von väterlicher Autorität emanzipiert und von bis in die Kindheit zurück reichenden Psychosen therapiert. Die Selbstbefreiung von Lebensängsten, die – so Braff – eine echte Generationskrankheit der 20-somethings sind, gelingt Large mit Hilfe eines Mädchens, das er bezeichnenderweise im Wartezimmer eines Neurologen kennen lernt: Sam (Nathalie Portman) ist das genaue Gegenteil von Large, lebenslustig, draufgängerisch, frech. Sie kommt aus einer warmherzigen, unkonventionellen Familie, deren Alltag sich in einem chaotischen, sehr bunten Haushalt widerspiegelt. Das aseptische Weiß in Larges Apartment in L.A. hingegen, die farblose Inneneinrichtung seines Elternhauses in New Jersey repräsentieren die klinische Reinlichkeit eines emotional missglückten Familienlebens. Sie weint über den Tod ihres Hamsters, während er nicht einmal um seine eigene Mutter trauern kann.

Garden State

Sam wird Large aus seinem lithiumumnebelten Kokon herausholen und ihm zeigen, dass Leben vor allem heißt, sich mit Humor auf seine Umgebung und seine Mitmenschen einzulassen. Am Ende wird Large sprichwörtlich den Blick in den „infinite abyss“, in den endlosen Abgrund der eigenen Psyche wagen und diesen mit einem trotzigen Schrei herausfordern. Mit der Härte lebensweltlicher Kontingenz konfrontiert, ist Lachen vielleicht einfach das bessere Programm als Weinen und im Vergleich zu Psychopharmaka die effizientere Medizin. Eine ordentliche Dosis davon bekommt man auch als Zuschauer verabreicht – einige Szenen sind richtig lustig. Aber leider ist Sams selbstbewusste Exaltiertheit auf die Dauer nervig. Zu dem Zwecke, etwas Einzigartiges, noch nie Dagewesenes zu tun, wirbelt sie einmal Arme und Beine durch die Luft und stößt bizarre Laute aus.

Für eine Geschichte über die Zurückweisung von Konformismus bleibt Garden State letztendlich in enttäuschender Weise dem Klischee treu. Der Gemütszustand des Protagonisten oszilliert zwischen totaler Betäubung und verrückter Durchgeknalltheit, die Stimmung des Films wechselt von liebenswürdiger Verschrobenheit zu triefender Sentimentalität. Die filmische Ästhetik fällt durch die sparsame Verwendung von Kamerafahrten, ein häufig statisches Bild und einen bedachten Umgang mit dem Schnitt auf – den filmischen Rhythmus gibt vor allem eine sehr präsente Auswahl zeitgenössischer und klassischer Songs vor. In der filmischen Umsetzung sticht aber der bewusste Einsatz von Weitwinkeln, Kranfahrten und Vogelperspektiven hervor, der einen fast übermenschlichen Blick auf das Geschehen bietet. Aus dieser Perspektive erscheinen die Figuren und ihre existentiellen Probleme ziemlich klein.

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