Garage

Einsamkeit und soziale Kontrolle: Diese beiden Seiten dörflichen Lebens zeigt Larry Abrahamson unaufgeregt am Beispiel eines unbeholfenen Tankwarts.

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Das Filmplakat zeigt zwei Fotos aus der titelgebenden Garage. Auf dem oberen sitzen dort nebeneinander ein dicklicher Mann in Monteurkluft und ein schlaksiger, langhaariger Junge mit Brille, jeder mit einer Dose Bier in der Hand, ein ungleiches, wie zufällig zusammengewürfeltes Paar. Auf dem unteren Foto ist der Stuhl neben dem Mann leer. Diese beiden Bilder erzählen im Grunde schon die ganze Geschichte des Films, die Geschichte einer Vereinsamung.

Josie (Pat Shortt), so der Name des Mannes, arbeitet seit 20 Jahren an einer kleinen Tankstelle in einem irischen Dorf. Eine Aufgabe, bei der es fast nichts zu tun gibt und die er dennoch sehr ernst nimmt. Da wird die Frage, ob man das Regal mit dem Motoröl nun besser vor oder in der Garage aufstellt, schon mal zu einem tagesfüllenden Problem. Er selbst wird hingegen von niemandem im Dorf so recht ernstgenommen. Abends im Pub ist der etwas zurückgebliebene Mann leichtes Opfer für kleine, schnelle Demütigungen. Wenn er allzu emphatisch von seinem Job erzählt, sich gar mit dem Wörtchen „wir“ mit seinem Arbeitsplatz identifiziert, wird er von den Tresenkollegen auf seinen Platz verwiesen. Schließlich ist er kein Kompagnon, sondern nur die ewige Aushilfe, sprich: der Depp vom Dienst für den Tankstellenbesitzer Tom Gallagher (Jon Keogh), seinen früheren Schulkameraden. Der auch nur auf die Gelegenheit wartet, den wenig lukrativen Betrieb zu verkaufen.

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Eigentlich ist Josie eine klassische Nebenfigur. Der prototypische gutmütige Trottel von nebenan, leicht einsetzbar als Sidekick oder für Running Gags. Indem Abrahamson ihn zum Protagonisten macht, gelingt ihm ein genaues Porträt der Dorfgemeinschaft und der Rolle, die ein solcher Typus darin zu spielen hat. Und obwohl der Film seinen lakonischen Tonfall keinen Augenblick ändert, wandelt sich die anfängliche Belustigung über diesen so unbeholfenen wie einsamen Helden, der mit seinen skurril-begriffsstutzigen Kommentaren für manche Pointe sorgt, bald in Mitleid und schließlich in Beklemmung. Dass Hauptdarsteller Pat Shortt, der die Figur sehr leise und zurückgenommen spielt, in Irland ein bekannter Komiker ist, dürfte für dortige Zuschauer das tragikomische Gefälle noch steiler ausfallen lassen.

Unaufgeregt folgt der Film Josies gleichförmigem Tagesablauf, zeigt in meist statischen, nur gelegentlich mit Musik untermalten Einstellungen seinen Arbeitsalltag, seine Pub-Abende und viele Spaziergänge, auf denen er anderen Bewohnern begegnet. Denen er nicht nur als Spottzielscheibe, sondern auch als vertrauenswürdiger Ansprechpartner dient – oder genauer: als Müllhalde für ihre Alltagssorgen. Denn wenn auch seine tröstenden Antworten nicht viel Sinn ergeben und er vielleicht nicht alles versteht – er ist jemand, dem man alles erzählen kann, der, darauf ist Verlass, immer freundlich und loyal bleibt. In dieser Funktion ist er akzeptiert, und solange er diesen Rahmen nicht verlässt, ist alles in Ordnung. Da gewährt ihm die Supermarktkassiererin Carmel (Anne-Marie Duff) sogar mal einen Tanz. Allerdings stößt sie ihn von sich, als ihr dämmert, dass er sich mehr versprechen könnte als das, was sie „Freundschaft“ nennt.

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Eines Tages stellt ihm sein Chef seinen Neffen David (Conor Ryan) als Assistenten zur Seite. Beim gemeinsamen Zeittotschlagen entsteht zwischen den beiden dann tatsächlich etwas, was man entfernt „Freundschaft“ nennen könnte.  Oder doch freundliche Notgemeinschaft. Allerdings gerät Josie damit bald in Schwierigkeiten: Nach allgemeinem Rechtsverständnis sind Pornovideos und Dosenbier nicht der richtige Zeitvertreib für einen 15-Jährigen. Was der Tankwart nicht mal zu ahnen scheint – doch seine Ehrlichkeit wirkt auf den Zuschauer entwaffnender als auf die Dorfbewohner.

Ein Ort, an dem jeder jeden kennt und jeder seinen festen Platz hat, ist für einen wie Josie das denkbar schlechteste Zuhause. Er unterliegt ständiger sozialer Kontrolle, und er ist immer alleine. Der einsame Narr muss einsamer Narr bleiben: Dass Josie dies nun selbst bemerkt, ist der eigentliche Umbruch des Films. Ein hinter ein Gatter gesperrtes Pferd, das er auf dem Heimweg manchmal mit Äpfeln füttert, fungiert – vielleicht etwas überdeutlich, aber stimmig – als sein symbolischer Widerpart. Zuletzt befreien sich beide auf ihre Weise.

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