Ganges – Fluss zum Himmel

Lebensfreude und Tod liegen eng beieinander in der heiligen indischen Stadt Varanasi. Eine dokumentarische Meditation über vier Familien, die ihre Sterbenden in Würde begleiten.

Ganges – Fluss zum Himmel

Der Tod mag ein Meister aus Deutschland sein, aber wir wollen ihn nicht sehen. Das Sterben findet hinter verschlossenen Türen statt, weggesperrt von der Gesellschaft. Ganz anders etwa in Indien. Leben und Sterben gehören hier zusammen, die Religion ermöglicht einen unverkrampften Umgang mit dem Unvermeidlichen. Wie groß der Kontrast zwischen Ost und West in dieser Frage noch immer ist, macht der Dokumentarfilm Ganges – Fluss zum Himmel anschaulich.

Eine alte Frau, 96, liegt auf einer Matratze am Boden. Sie hat die Augen geschlossen, bewegt sich kaum. Seit zwei Wochen hat sie nichts mehr gegessen, inzwischen kann sie auch nichts mehr trinken. 15 Stunden Reise liegen hinter ihr, die zwei Kilometer auf dem Rücken ihres Sohnes zur Bushaltestelle, dann die Busfahrt, gehalten auf den Knien ihrer Familienangehörigen, der Zug nach Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges, und schließlich die Autorikscha in eines der Hospize. Hier will sie sterben, und ihr Sohn tut alles, um es ihr zu ermöglichen. Denn wer am Ufer des Ganges verbrannt wird, erlangt Glückseligkeit. Davon sind die Hindus überzeugt.

Regisseurin Gayle Ferraro hat vier Familien im Hospiz getroffen und mit den Angehörigen gesprochen. Sie beobachtet den langsamen Abschied, die Rituale, mit denen die Angehörigen den Sterbenden den Weg aus der materiellen Welt weisen. Sie schaut sich um in der Großstadt, in der jeden Tag hundert Tote verbrannt werden. Sie lässt Experten zu Wort kommen, die über Mythen und religiöse Hintergründe ebenso informieren wie über die Wasserqualität des Ganges und die generellen Probleme Indiens. Und sie ist oft auf dem Fluss, schweift mit der Kamera über das Wasser, hin zu den sieben Kilometer langen Stufen am Ufer.

Ganges – Fluss zum Himmel

Der Schnitt und die Schwenks führen zusammen, was in diesem Land und in dieser Stadt zusammengehört. Hier die Lebensfreude der Badenden, die ihre Seele im heiligen Fluss reinigen. Dort die brennenden Toten am Ufer, die von ihren Angehörigen in den Himmel geschickt werden. Der Film webt die Stationen ineinander, schneidet hin und her zwischen Hospiz, Stadt und Fluss. Das erzeugt eine sinnenfrohe, meditative, kreisförmige Bewegung, so wie nach dem Glauben der Hindus das Geborenwerden und Wiedergeborenwerden einen ewigen Zirkel beschreibt.

Die Haltung der in New York, Boston und Rom lebenden Regisseurin ist geprägt von Neugier und Sympathie. Sie lässt ihren Gesprächspartnern Raum, um die für westliche Ohren oft sehr fremdartigen Glaubensgrundsätze auszubreiten. Sie hört zu und nimmt auf. Immer wieder kehrt die Kamera zu den Sterbenden zurück, beobachtet das stumme Atmen, den nach innen gekehrten Blick, die wenigen mühsamen Bewegungen, die vom schmerzenden, wund gelegenen Rücken herrühren. Gayle Ferraro folgt auch in ihrem dritten Dokumentarfilm dem Ziel, das sie für alle ihre bisherigen Arbeiten formuliert hat: außergewöhnliche Geschichten zu zeigen und den Menschen die Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, die ihnen gebührt.

Nur bei einem Thema nimmt der Film eine kommentierende, kritische Haltung ein: bei der Umweltproblematik. Durch die wachsende Urbanisierung und Industrialisierung ist der „Fluss zum Himmel“ selber vom Sterben bedroht. Die Zahl der Kolibakterien ist um das 200-fache überschritten, nach westlichen Maßstäben dürfte im Ganges niemand mehr baden. Der Glaube sagt, Gangeswasser könne per se nicht verschmutzt werden, weil es heilig sei. Die Regisseurin dagegen lässt einen Professor zu Wort kommen, der das bestreitet, obwohl er selbst gläubig ist. Und der eindringlich vor den Folgen der rasanten industriellen Entwicklung in Indien warnt.

Ganges – Fluss zum Himmel

Durch die vielen Facetten und die zahlreichen Details verlangt der Film dem Zuschauer eine hohe Aufmerksamkeit ab. Ob er das Publikum dennoch bei der Stange halten kann, hängt vor allem von dessen Interesse an einer fremden Religion ab.

Von der Technik her setzt die Distribution von Ganges auf einen neuen Weg, der sich insbesondere im Dokumentarfilmbereich bereits in den letzten Jahren abzeichnet hat und seit 2005 vom delicatessen-Netzwerk in ausgewählten Kinos praktiziert wird. Der Kinostar Filmverleih startet mit Ganges zum ersten Mal bundesweit einen Film, der ausschließlich als digitaler Kinofilm vorliegt. Er wurden von der digitalen Vorlage also keine 35-Millimeter-Kopien gezogen, was einen deutlichen Kostenvorteil bringt. Der Verleih geht davon aus, dass dadurch das Angebot an interessanten Filmen jenseits des Mainstreams in den deutschen Kinos zunehmen wird. Ein Kinostart für einen Film wie Ganges wäre noch vor zwei Jahren unmöglich gewesen, meint Kinostar-Geschäftsführerin Nicole Ackermann in einer Pressemitteilung des Verleihs. Inzwischen hat sich die Lage geändert – die Indien-Fans wird’s freuen.

 

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