Gandu

Kaushik Mukherjee erweist sich in seinem mitreißenden Experimentalfilm als Zauberer von Kalkutta.

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Diese Farben! Man nimmt sie mit ganz anderen Augen wahr, denn in den ersten 65 Minuten von Gandu hat man die Welt als ausschließlich in Graustufen existierend akzeptiert. Dann, ganz plötzlich, schlägt – ähnlich wie in Der Zauberer von Oz (The Wizard of Oz, 1939) – das Schwarzweiß in Farbe um. In grelles Pink, blendendes Weiß und warmes Orange. Auch das Leben von Gandu (Anubrata), dessen Rufname sich als „Arschloch“ übersetzen lässt, ist bis zu diesem Zeitpunkt ziemlich trist-grau gewesen. Als frustrierter Slacker in Kalkutta kennt er nur die Leere – im Bett, im Portemonnaie, im sozialen Umfeld. Befreiung erfährt er ausschließlich in eskapistischem Drogenkonsum und wütenden, dreckigen, voller sexueller Fantasien steckenden Raptexten, die den Rhythmus und die Atmosphäre des Films prägen. Nun aber, nach 65 Minuten, steht Gandu einer Prostituierten (Rii) gegenüber und wird – nach einer enorm erotischen Verführungsszene – zum ersten Mal Sex haben. Dass Rii, die Darstellerin dieser mit einer pinken Perücke und einer futuristischen Sonnenbrille ausgestatteten Hure, die Frau des Regisseurs Q (bürgerlich: Kaushik Mukherjee) ist und mit ihrem Schauspielerkollegen Anubrata unsimulierten Geschlechtsverkehr vor Qs Kamera haben wird, deutet bereits an, dass Gandu dem internationalen Extreme Cinema deutlich näher steht als Bollywood oder dem spezifisch indischen Parallel Cinema.

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Rein narrativ betrachtet gibt der Film in fast sozialrealistischer Manier (samt in die fiktiven Passagen eingeschobenen dokumentarischen Interviews) den Alltag der jungen Hauptfigur wieder. Gandu hat keinen Job, keine Freunde, keine Ziele – er vertreibt sich die Zeit mit Ballerspielen am PC, (explizit dargestellter) Masturbation und aggressivem, punkigem Rap, dem Ventil für seine Aggressionen. Gerade daran mangelt es Gandu nicht, schließlich muss er seiner Mutter (Kamalika) immer wieder unfreiwillig beim Sex mit dem schmierigen Internetcafé-Besitzer Dasbabu (Shilajit) zuhören – visuelle Eindrücke davon bekommt er auch, da er währenddessen ins Schlafzimmer der Mutter kriecht und Geld aus Dasbabus Portemonnaie stiehlt. Eines Tages fährt ihn der nach seinem Beruf benannte Rikscha-Fahrer Rickshaw (Joyraj) an, und die beiden beginnen sich anzufreunden, auch wenn Gandu Rickshaws (immer wieder komödiantisch eingesetzte) Bruce-Lee-Obsession nicht ganz nachvollziehen kann und der wiederum das Rap-Faible seines Kumpels nicht teilt.

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Doch letztlich wird man diesem grandiosen Film kaum gerecht, wenn man sich allein auf seinen Plot um einen grimmigen, von Triebstau geplagten Jugendlichen, wie es ihn überall gibt, konzentriert. Denn Gandu begeistert vor allem mit seiner stilistischen Fulminanz, seiner schier unerschöpflichen Innovationskraft, die zugleich die kinetische Quirligkeit des Protagonisten widerspiegelt. Die von Q geführte Kamera rast mit dem Energiebündel Gandu durch die Straßen Kalkuttas, das Bild wird häufig geschnitten, mitunter in Split Screens aufgeteilt und an einer Stelle sogar rückwärts abgespielt. Diese optische Dynamik, bei der Untertitel zu eigenständigen filmischen Elementen werden und sich in die Bildsprache integrieren, gipfelt in hektisch montierten, tranceartigen Visualisierungen von Drogenerfahrungen. Der mitreißende Soundtrack wiederum transportiert den Zuschauer atmosphärisch in die Welt Gandus und vermittelt dessen Lebensgefühl höchst authentisch. Schließlich gehen Jugendliche, die sich von der Welt um sie herum missverstanden fühlen, oft besonders stark in ihrer Musik auf, die sie sozial repräsentiert und für sie spricht.

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Die stilistische Verspieltheit Qs zeigt sich auch, als ganze 25 Minuten vor dem Ende bereits erste Credits auftauchen und den Zuschauer gezielt in die Irre führen. Kurz davor ist in Qs Film Gandu die Figur Q aufgetaucht, die ebenfalls Regisseur ist und einen Film über Gandu machen will. Vollends verwirrt von dieser selbstreflexiven Meta-Ebene (und den nächtlichen Drogentrips), starrt Gandu aus der Ferne Q an. Die sonst zumeist stabile filmische Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, Kamera und Figur, Beobachter und Beobachtetem wird unterminiert – in einem zweigeteilten Bild sehen wir zeitgleich den Schuss und den Gegenschuss: Q blickt auf Gandu, Gandu blickt auf Q, das Publikum blickt auf die einander anschauenden Figuren und auf das fertige Werk von Q. Es schwirrt der Kopf – doch dann setzt wieder diese Musik ein, bei der man unweigerlich aufstehen und mitgrölen will. Als dann auch noch die Farben und schließlich die tatsächlichen Credits kommen, wird klar, dass Gandu zu den ganz großen Highlights des Filmjahres 2011 zählt.

Trailer zu „Gandu“


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Kommentare


Alexander Beneke

Sehr schöne Review!
Gandu gibt es 2012 bei Bildstörung auf DVD & BluRay.


dvtom

Gibt es denn schon einen angepeilten VÖ-Termin? ;-)






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