Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe

Die Liebesgeschichte der geistig behinderten Gabrielle ist fast ein bisschen langweilig. Doch ausgerechnet das kommt der Protagonistin zugute.

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Gabrielle (Gabrielle Marion-Rivard) ist 22, hat ein absolutes Gehör und probt mit ihren Chorfreunden einem großen Auftritt entgegen. Gabrielle ist aber auch überfordert, wenn der Toaster qualmt, und vergisst es manchmal, auf das Wechselgeld zu warten. Damit ist sie in guter Gesellschaft: Die Sänger der „Musen von Montreal“ sind allesamt das, was wir gemeinhin geistig behindert nennen – was sie nicht daran hindert, wahrlich unter der Obhut der Musen zu stehen. Denn diese „Musen von Montreal“ geben keinen geradeso vorzeigbaren Behindertenchor, der dem Zuschauer nur selbstgefälliges Mitleid abnötigt, sondern eine selbstbewusste, begabte Bande, die auf das vorgeschobene Stigma pfeift. Bei den „Musen“ lernen sich auch Gabrielle und Martin (Alexandre Landry) kennen, kommen einander näher und unterscheiden sich dabei keinen Deut von anderen Menschen im Bann der ersten körperlichen Anziehung: Sie wollen sich lieben, ungehindert und ungestört, unrationiert und unkommentiert. Würde man ihnen dabei nicht in die Quere kommen, könnte der Abspann rollen.

Sexualität als Verhandlungssache

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Um Gabrielle und Martin herum tummeln sich nahezu durchweg stereotype, entwicklungsresistente Charaktere; ein sehr funktionaler Ansatz, der an die Zusammensetzung einer Talk-Show-Runde erinnert: Hauptsache, alle zusammen bilden die Spannweite des sich anbahnenden Konflikts ab. Das geht auf Kosten der Tiefe und trägt einem zweiten Prinzip Rechnung: Hauptsache, es ist klar, wer was will. Die eine Mutter (Marie Gignac) beansprucht die alleinige Befugnis, das sexuelle Interesse ihres erwachsenen Sohnes zu deuten, und wundert sich in haarsträubender Ermangelung von Sensibilität darüber, dass man Gabrielle nicht hat sterilisieren lassen. Die andere Mutter (Isabelle Vincent) will ihre Ruhe, aber das gute Gewissen bitte auch. Und so geht das Geschick von Gabrielle und Martin wie eine Akte durch fremde Hände. Ihre sexuelle Selbstbestimmung wird am Tisch verhandelt, und sie dürfen zuschauen. Hier ist die Verbindung der beiden ungebührlich, dort stößt sie auf gutgemeinte Ablehnung; die Demütigung ist durchgängig.

Eindeutigkeit in großen Rationen

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Es hätte all dieser Staffage nicht bedurft, um das zu verstehen; all dieser Nebenfiguren, die man nur dann zu Gesicht bekommt, wenn es einen Zweck zu erfüllen gibt, wenn eine Position zu verschärfen ist, der Handlungsstrom zu verebben droht. Dazwischen ein wenig wackelige Handkamera für den letzten Anstrich von Wir-sind-ganz-nah-dabei: Gabrielles Schwester (Mélissa Désormeaux-Poulin), die Sozialpädagogin, plant, zu ihrem Lebensgefährten nach Indien zu ziehen, um hilfsbedürftige Dritte-Welt-Kinder zu unterrichten. Überhaupt tummeln sich in Gabrielle die Hilfswilligen.

So schlingert der Film angestrengt zwischen der Sozialdokumentation und einer punktuell stilisierenden Fiktion, die in der großen Kiste der künstlerischen Mittel leider immer nach dem nächstliegenden greift: Als Gabrielle sich in der Stadt verirrt, verschwimmt das Bild; als sie Martin endlich in Ruhe küssen kann, setzt die Tonspur aus. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Zuschauer dann noch Bebilderungsbedarf hat, kann er sich an einer dritten ebenso großzügig verteilten Ration Eindeutigkeit erfreuen: das gefühlige Repertoire des kanadischen Liedermachers Robert Charlebois, der einen kurzen Auftritt im Film hat und dessen Lieder sich der Chor zu eigen macht. „Ich bin einer von euch“, singt Martin. Jetzt dürfte es jeder verstanden haben.

Kraft der Normalität

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In die größte Falle, die das Thema bereithält, stolpert Louise Archambault immerhin nicht. Das wird man dem Film zweifelsohne hoch anrechnen. Weil es aber neben der Präsenz der Darstellerin Gabrielle Marion-Rivard das Einzige ist, was herausragt, führt das zum wenig schmeichelhaften Umstand, Gabrielle am Umfang der Schadensbegrenzung zu messen. Es gelingt der Regisseurin nämlich, ein vielfach mit Vokabeln des Ekels und der Verlegenheit belegtes Thema zu dokumentieren, und das heißt: so, dass es eben weder eklig aussieht noch verlegen macht. Stattdessen: stinknormal. Lasst sie doch, denkt man ein bisschen gelangweilt, und möglicherweise ist die aufkommende Langeweile der größte Gefallen, den der Film dem Paar machen kann, bescheinigt sie ihm doch eben das, worauf es pocht: Normalität. „Braucht ihr Unterricht oder geht das von allein?“, fragt die Schwester scherzhaft. Es geht von allein. Gabrielle und Martin finden selbst zu den universellen Gebärden des Begehrens und Begehrt-Werdens, und mindestens in diesem Punkt ist Gabrielle kein Film über Behinderte, sondern einer über Menschen, die behindert werden.

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