Fußballgöttinnen

Man muss sich nicht für Fußball interessieren, um die Dokumentation von Nina Erfle und Frédérique Veith zu mögen. Fußballgöttinnen porträtiert vier gut ausgesuchte Protagonistinnen und ihr Leben am und auf dem Spielfeld.

Fußballgöttinnen

Die Prä-WM-Werbung „Die Welt zu Gast bei Freunden“ mit all ihren Begleiterscheinungen in Medien und öffentlichem Raum kann einem schon auf die Nerven gehen. Die diesjährige Berlinale war bereits von einem Themen-Schwerpunkt Fußball heimgesucht worden, es folgten und folgen zahlreiche Fernsehbeiträge, Gewinnspiele, umfassende Werbepenetration – sogar der Berliner Fernsehturm ist als pinkgefleckter Spielball verpackt. Mitglieder von Hertha BSC plädieren pünktlich zum Frühjahrsbeginn auf Plakatwänden der Stadtreinigung dafür, anfallenden Müll mit einem sportlichen Kick in die dafür vorgesehenen Behältnisse zu entsorgen; und selbst zum Amt der Bundeskanzlerin gehört es automatisch, sich öffentlich zu Deutschlands Spielchancen zu äußern. Das ledernde Rund drängt sich auf – und es wird noch schlimmer werden.

In die Warmlaufphase der Weltmeisterschaft fällt auch der Kinostart von Fußballgöttinnen, einer kleinen Digitalproduktion, die sich angenehm vom Hype um die Großveranstaltung absetzt. Zunächst einmal geht es um Frauen: Der Film verfolgt vier Spielbegeisterte unterschiedlichen Alters, die in der „Männerdomäne“ Fußball ihren festen Platz suchen oder bereits gefunden haben. Da ist Platzwartin Trautchen, die über die Ordnung auf einem Spielfeld in Berlin-Mitte wacht. „35 Männer, und alle tanzen nach meiner Pfeife“, kommentiert die 62-jährige den Job, der ihr Leben ist. Früher hatte sie gescherzt, dass sie einst in einer Urne auf der Mittellinie begraben werden will, „aber so verrückt ist man dann doch nicht.“ Dass ein Fußballfan-Dasein vor allem die Möglichkeit bietet, außerhalb des geregelten Alltags ungezügelte Emotionen und Gruppenzugehörigkeit zu empfinden, ist an Versicherungskauffrau Bettina zu sehen, die seit über 20 Jahren mit den Offenbacher Kickers im Stadion fiebert. Sie steht ganz selbstverständlich zwischen sonnenbrand-geröteten Bierbäuchen in der Fankurve und schreit sich die Seele aus dem Leib. Beatrix rennt selbst auf dem Spielfeld auf und ab – als eine der jüngsten Schiedsrichterinnen Deutschlands. Wenn die 16-jährige vor Spielbeginn allein über den noch leeren Rasen läuft und die Tore kontrolliert, wird sie schon mal für eine Joggerin gehalten, berichtet sie, und ein Spieler pfeift ihr hinterher. Das wird dann peinlich für den betreffenden Herren, wenn sie später in Schiedsrichterkluft auf dem Platz steht. Denn Teenager Beatrix ist immerhin diejenige, die gegenüber den teilweise erheblich älteren Männern die gelben und roten Karten zückt. Die vierte der porträtierten Frauen ist Viola Odebrecht, die 2003 mit der Nationalmannschaft Weltmeister wurde und für Turbine Potsdam kickt. Die Belastung durch den eigenen Ehrgeiz und die ständige Leistungskontrolle ist ihr anzusehen, realistischerweise denkt sie schon über ihr späteres Leben außerhalb des Profisports nach.

Fußballgöttinnen

Frauen im Kanzleramt, Frauen in der Bundeswehr und jetzt noch Frauen am Ball – schon der Titel Fußballgöttinnen lässt einen gut platzierten Schuss Feminismus erwarten, doch die Regisseurinnen haben ihren Film nicht programmatisch angelegt, sondern mit einer augenzwinkernden Rahmung versehen: Die Mädels wissen schon, wie sie über kurz oder lang an die Bälle kommen. Dass sie dabei immer ein wenig gewitzter, besser, durchsetzungsfähiger sein müssen als die Männer, wird auch klar. Nicht umsonst errangen die Frauen in den letzten Jahren wichtige Titel, während es im Herrenfußball vorrangig um Wettskandale ging. Dennoch drehen sich öffentliche Wahrnehmung, Werbebudgets und hohe Spielergagen um die männlichen Waden, beziehungsweise den Kaugummi-mahlenden Kiefer von Oliver Kahn. Ein weibliches Wunder von Bern – undenkbar.

Aber dem Film geht es gar nicht um einen Vergleich von Damen- und Herrenballsport, sondern ausschließlich um die Leidenschaft seiner Protagonistinnen. Die Fußball-Obsession, die im Spielfilm gern zur weiblichen Selbstbehauptung und zum persönlichen Befreiungskampf stilisiert wird (Kick it like Beckham, Bend it like Beckham 2002; Eine andere Liga, 2005), wird hier als zum Alltag gehörig gezeigt – das macht sie nicht minder sympathisch.

Fußballgöttinnen

Nina Erfle und Frédérique Veith bringen die Erfahrung zahlreicher Arbeiten fürs Fernsehen mit, ihre vier „Göttinnen“ auf den unterschiedlichen Schauplätzen und in verschiedenen Lebensaltern ergänzen sich wunderbar und sorgen dafür, dass abwechslungsreich geschnitten werden konnte. Auch bislang Fußball-Desinteressierten erscheint das ganze Drama, Gerenne und Geschrei ums Leder plötzlich spannend – und sehr menschlich.

 

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