Funny Games U.S.

Vor über zehn Jahren kritisierte Michael Haneke mit Funny Games die unangemessene Darstellung von Gewalt im Kino. Nun hat er in den USA ein Remake seines Films gedreht.

Funny Games U.S.

Mit Funny Games (1997) drückte Michael Haneke seinen Unmut über verharmlosende Gewaltdarstellungen im amerikanischen Thriller- und Horrorkino aus. In seiner „Parodie eines Thrillers" wollte der österreichische Filmemacher verhindern, dass Gewalt zum bloßen Stilmittel verkommt und seinen Zuschauern den Spaß am Leid der Figuren gründlich verderben. Haneke zeigt wie in die Ferienidylle einer bürgerlichen Familie das Unheil in Gestalt zweier Unbekannter hereinbricht und greift damit auf einen altbekannten Plot des Genres zurück. Auch der Film selbst funktioniert über weite Strecken wie ein Thriller. Doch Haneke enttäuscht die mit dem Genre verknüpften Erwartungen und bricht die filmische Illusion durch selbstreflexive Momente. Mehrmals wenden sich die Täter direkt an den Zuschauer und machen ihn zum Mitwisser und Beteiligten ihres perversen Spiels. Dabei verfehlt Haneke teilweise sein Ziel durch eine allzu didaktische und moralisierende Vermittlung seiner Botschaft.

In den nächsten Jahren entwickelte Haneke mit überwiegend französischen Produktionen wie Code Unbekannt (Code inconnu, 2000), Die Klavierspielerin (La Pianiste, 2001) und Caché (2005) seine analytische Blickweise auf die Abgründe der Bourgeoisie auf subtilere Weise weiter. Währenddessen erlangte Funny Games durch eine Renaissance des sadistischen Horrorfilms (Saw 1-4 (2004-2007), Hostel 1+2 (2005, 2007)) neue Aktualität. Der Augenblick für ein Remake hätte nicht besser gewählt sein können.

Funny Games U.S.

Nun handelt es sich bei Funny Games U.S. jedoch nicht um eine Aktualisierung des Stoffes oder eine Anpassung an amerikanische Verhältnisse, sondern um ein stringent durchgezogenes Shot-by-shot-Remake, in dem nicht nur jede Einstellung aus der früheren Fassung entlehnt ist, sondern auch jeder Satz aus dem Originaldrehbuch peinlich genau ins Englische übersetzt wurde. Einer ähnlichen Vorgehensweise bediente sich auch Gus Van Sant in Psycho (1998). Allerdings stand hier der experimentelle Grundgedanke im Vordergrund, einen Filmklassiker vierzig Jahre später in Farbe, mit neuen Darstellern und kleinen Veränderungen zu rekonstruieren. Haneke dagegen beruft sich auf keinen konzeptionellen Ansatz, sondern möchte mit einem höheren Budget, der englischen Sprache und internationalen Stars wie Naomi Watts, Tim Roth und Michael Pitt lediglich ein größeres Publikum erreichen. Ob man Hanekes Weigerung inhaltliche und formale Änderungen vorzunehmen als Konsequenz oder Arroganz interpretiert, bleibt jedem selbst überlassen. Der Regisseur sieht ohnehin keinen Grund Funny Games U.S. anzusehen, wenn man die frühere Fassung bereits kennt. 

Eigentlich müsste Funny Games in seiner US-Version seine wahre Vollendung erfahren. Immerhin spielt Haneke darin mit den Konventionen eines typisch amerikanischen Genrekinos. Sowohl der Trailer, der einen gewöhnlichen Horrorfilm vermuten lässt, als auch die Wahl von Schauspielern wie Tim Roth und Naomi Watts, die beide in einschlägigen Produktionen mitgewirkt haben, täuschen über die wahre Intention des Films hinweg. Das Einzige, was gegen die subversive Platzierung von Hanekes Botschaft innerhalb des Genrekinos spricht, sind die amerikanischen Zuschauerzahlen.

Funny Games U.S.

Das Remake unterscheidet sich aber natürlich nicht nur durch die Sprache und ein höheres Budget, sondern auch durch den Unterschied zwischen amerikanischer und europäischer Schauspielerei. Schon im Original handelte es sich bei dem Ehepaar Anna und Georg mehr um Typen als um realistisch gezeichnete Charaktere. Doch während Susanne Lothar und Ulrich Mühe dennoch das für die Wirkung des Films notwendige Grauen vermitteln konnten, wirken ihre amerikanischen Pendants zu formelhaft und künstlich um mit realer Gewalt in Verbindung gebracht zu werden. Im Gegensatz zur verquollenen und verheulten Susanne Lothar aus der früheren Fassung sieht Naomi Watts selbst in den brutalsten Szenen des Films noch anmutig wie ein Fotomodell aus. Michael Pitt als Bösewicht Paul ist dagegen zu sehr Karikatur und erreicht nicht annähernd die zwischen diabolischer Grausamkeit und guten Manieren wechselnde Intensität von Arno Frisch.

Haneke konzentrierte sich schon bei seiner früheren Fassung mehr auf die Schaffung bürgerlicher Archetypen als um direkte Identifikationsfiguren. Trotzdem funktioniert der Film nur, wenn einem die Familie nicht egal ist. Während Naomi Watts und Tim Roth nur wie Figuren aus einem Thriller wirken, bekam man bei Lothar und Mühe eine Ahnung von der Zerstörungskraft realer Gewalt. Wer die frühere Fassung von Funny Games nicht kennt und die Neuverfilmung mit unvorbelastetem Blick sieht, für den mag sich eine ähnliche Wirkung einstellen. Doch im direkten Vergleich kann die optische Brillanz und technische Perfektion von Funny Games U.S. gegenüber der brutalen Wucht des Originals nicht bestehen.

Trailer zu „Funny Games U.S.“


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Kommentare


druckagentur

Sicherlich ein Kammerstück mit perfekt inszenierter Beklemmung und auch relativ perfekt inszeniert. Auch können wir uns vorstellen, daß es solch kranke Gestalten wie die beiden Peiniger auch im realen Leben gibt.

Wären alle Menschen wachsamer, intelligenter und generell durchtrainierter und würden sich nicht generell für unsterblich/unverwundbar halten, sobald sie wirtschaftlich und sozial erfolgreich sind, hätten solche Tiere (Mensch kann man solche Individuen sicher nicht nennen) weniger Chancen.
Wer dreht schon im eigenen Hause einem behandschuhten, leicht abgedreht wirkenden Menschen den Rücken zu ... zumal dieser gerade in der Nähe von Golfschlägern steht?


HF

Überflüssiges Remake.


jeanniespn

Jetzt wo ich sehe, was dahinter steckt, fällt meine Kritik nicht so brutal aus, wie sie es ohne Hintergrundwissen geworden wäre. Trotz allem Geplänkel über den Sinn die Gewaltverherrlichung in Horrostreifen zu kritisieren, hat mich der Film jedoch in keiner Weise unterhalten und das sollte doch Sinn und Zweck sein- irre ich mich da??
Jeder Zuschauer, Horrorfan etc. wurde eiskalt hinter Licht geführt, mehr war es nicht. Eher ein "Haha, das habt ihr davon, wenn ihr solche Sachen gucken wollt!"Ist es denn Ziel, sich vor jedem Film zu informieren oder doch eher danach?? Wie auch immer, Spaß hatte ich beim zusehen jedenfalls nicht, ich hatte eher das Gefühl das mir wichitge Minuten meines Lebens gestohlen werden. Alles in allem, hat der Film Fragen aufgeworfen, aber das macht ihn nachträglich auch kein Stück besser.


Moviejunkie

Was auch immer dieser Film verdeutlichen will; Bei mir kam nichts als groteske unglaubwürdige Handlung an.
Er gehürt meiner Meiung nach inhaltich zu den schlechtesten Filmen der letzten Jahre.


Davidka

Ich habe das Original nicht gesehen und da ich mehrere positive Kritiken über den Film gelesen hatte wollte ich ihn mir unbedingt anschauen. Jedoch habe ich mir nur das US-Remake angeschaut und muss sagen, ich war sichtlich enttäuscht. Die Thematik, die dieser Film verdeutlichen will scheint mir einfach nicht wichtig genug zu sein um ein längerbleibenden Eindruck zu hinterlassen.Der schauspielereschen Leistung ist nichts entgegenzusetzen, zumal die eigene Dummheit der Familie wohl absichtlich dargestellt werden sollte. Trotz alle dem war schon von Anfang an klar, dass es keiner von denen schaffen würde am Ende zu überleben. Muss nicht unbedingt negativ sein, sofern der Film ein einziges Ziel verfolgt, nämlich wie schon von anderen erwähnt, das Leiden der Familie in all ihren Facetten aufzuzeigen. Aber genau an diesem Punkt scheiden sich die Meinungen über die aus den Leiden der Opfer entstehende Spannung. Was bringt mir das Leiden der Opfer wenn ich weiss , dass sie eh nicht überleben?






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