Full Metal Village

Sung-Hyung Cho hat mit ihrem dokumentarischen „Heimatfilm“ über das norddeutsche Dorf Wacken und seine Bewohner zahlreiche Preise gewonnen – zuletzt den Max-Ophüls-Preis 2007.

Full Metal Village

Wacken ist das, was man umgangssprachlich wohl ein Kuhdorf, wenn nicht gar unfreundlicher ein Kaff, nennen würde: eine kleine Ortschaft in der schleswig-holsteinischen Provinz, in der tatsächlich noch eine Reihe von Bauern ihre eigenen Kühe halten, auch wenn längst nicht mehr alle Bewohner von der Landwirtschaft leben können. Es gibt einen kleinen Supermarkt, eine Feuerwehr und eine Gastwirtschaft, in der man sich zum Kartenspielen trifft.

Man hätte als Außenstehender also wohl keinerlei Grund, an- und innezuhalten und sich den Ort genauer anzusehen. Sung-Hyung Cho hat es doch getan – die aus Südkorea stammende Regisseurin, die in Deutschland studiert hat und jetzt in Hessen lebt, nennt ihren Film über Wacken einen „Heimatfilm“. Den Vorwand für die Dreharbeiten zu Full Metal Village und zugleich den Namen lieferte ihr das Wacken Open Air, eines der weltweit größten Musikfestivals der Hardrock- und Heavy Metal-Szene, das seit fast zwanzig Jahren alljährlich auf einer Wiese bei Wacken stattfindet.

Es ließe sich hier ganz lustvoll ein „Clash of Civilizations“ inszenieren und zelebrieren, und Cho gewinnt auch immer wieder sehr komische Momente aus dem Missverhältnis, das sich da plötzlich auftut. Ruhig dahin ziehende Kühe scheinen auf einmal deutlich schneller zu laufen, als aus dem Off harte Gitarrenakkorde eingespielt werden; und alle Erwartungen auf echte Konflikte zwischen den Dorfbewohnern und den Konzertbesuchern verschwinden spätestens dann, wenn diese sich zu Hunderten zu der Blasmusik der örtlichen Feuerwehrkapelle in die Arme nehmen und zu schunkeln beginnen.

Aber in Full Metal Village geht es überhaupt nicht darum, welche Musik auf dem Festival gespielt wird oder ob da wirklich gelegentlich kleinen Tieren die Köpfe abgebissen werden, denn Cho hat glücklicherweise nur wenig Interesse an einer Konfrontation der einen mit der vermeintlich so anderen Kultur.

Full Metal Village

Auch zeigt sie nur bescheidenes Interesse am großen Festival, das für den Film vor allem die Fragestellungen, Gesprächsgrundlage und den formalen Rahmen liefert. Alles läuft zwar, das ist dramaturgisch äußerst geschickt komponiert, auf das Wochenende des Festivals zu, und doch dominiert es den Film nicht, im Gegenteil: nur am Rande zeichnet Full Metal Village auch die Vorgeschichte dieses Festivals nach.

Der harte Kontrast zu den Massen freundlicher junger Menschen in Schwarz dient der Regisseurin vor allem – und darin liegt das kleine Wunder dieses Films – als Mittel, um das verschlafene Städtchen mit seinen meist menschenleeren Straßen umso deutlicher in den Blick zu bekommen.

Natürlich haben in Wacken alle ihre Ansichten zum Festival. Norbert grämt sich ein wenig, dass er schon in den Anfangsjahren des Festivals aus der Organisation ausgestiegen ist. Jetzt ist er arbeitslos und soll Computerkurse belegen, sieht aber darin keinen Sinn für seine Arbeitssuche – „das machen doch alle“.

Irma, einer alte Dame, die am Ende des Zweiten Weltkrieges aus Ostpreußen nach Schleswig-Holstein kam, ist das Konzert vor allem wegen seiner Besucher suspekt, denen sie auch allerlei heidnisches Tun zutraut. Für ihre Enkelin Katrin hingegen verbindet sich mit dem Wacken Open Air eine Ahnung von Freiheit: die 16jährige macht erste Versuche, ein paar Modeljobs zu bekommen und träumt, in die große weite Welt nach Süddeutschland gehen zu können.

Außerdem gibt es noch den bescheidenen Bauer Plähn, der es gerne ruhig angehen lässt und der Regisseurin geduldig die verschiedenen Varianten des deutschen Begriffs „Rind“ aufzählt, und den geltungsbewussten Großbauer Trede, der sein Land für das Rockfestival verpachtet und immerfort nach neuen Geldquellen sucht, um sein Einkommen als Landwirt sichern zu können.

Full Metal Village

Vor allem Trede gerät sehr freimütig ins Plaudern. Gelegentlich tritt dann die Regisseurin selbst als geduldige Zuhörerin ins Bild, fragt ab und an nach. Sie gibt sich ahnungslos, arglos und freundlich lächelnd und spielt damit womöglich all jene Stereotypen durch, die ihr als „Fremder“ auf den Leib projiziert werden. Aber es macht möglich, dass die Leute ihr viel, gelegentlich fast zu viel erzählen.

Cho ist jedoch alles andere als naiv. Denn nicht nur versteht sich die Regisseurin auf effektvolle Montagen und Bild-Ton-Scheren, sie lässt ihren Kameramann Marcus Winterbauer auch ruhige Naturaufnahmen einfangen, die in ihrer Bildstruktur an Landschaftsgemälde erinnern. Die Gespräche sind zwar meist ohne große filmische Spielereien aufgenommen, aber eingeschobene Aufnahmen zeigen deutlich, wie gut sich Cho auf Kameraeinstellungen und Bildauswahl versteht.

Und dann ist da noch die Musik. Natürlich gibt es gelegentlich Metal zu hören und Blasmusik, die bestimmenden Töne stammen jedoch vom persischen Komponisten Peyman Yazdanian, dessen Musik dem Dorf einen eigenen Ton gibt, sehnsüchtig, melancholisch und zugleich sehr vergnügt, spitzbübisch sogar. Cho sieht darin einen musikalischen Kommentar zu ihrem Film, der „weder vom Dorf ist, noch vom Heavy Metal kommt, und auch nicht aus Deutschland.“

Das alles verbindet sich im Kino zu einem ungeheuer starken Film, der eben nicht nur ein vorsichtiges und sehr liebevolles Portrait einiger Bewohner Wackens und provinziellen Alltagslebens ist, sondern auch filmisch mit all seinen Möglichkeiten – Bild, Musik, Sprache – in Wacken das Schöne und Besondere, ganz Eigene findet.

 

Kommentare


Michael

das ist das tolle am internet - die wahrheit kommt immer ans licht. anstelle des verfassers würde ich mal nachrecherchieren wieviel wahrheit hinter dem kommentar steckt - wäre sonst ganz schön peinlich!






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