Fuhrmann Henschel

Josef von Bákys Hauptmann-Verfilmung ist ein krachledernes Stück Alpengothic mit einer durchtriebenen Nadja Tiller und einem schmierigen Wolfgang Lukschy. Das surreale Flammenfinale sollte deutschen Psychotronikern ausgesprochen gut munden.

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Fuhrmann Henschel (Walter Richter) ist ein Baum von einem Mann, so scheint es. Groß und stämmig, fleißig und mit seinem eigenen Betrieb sehr erfolgreich – so ziemlich als Einziger in seinem Bergdorf hat er keine Geldsorgen. Der schwarze, dichte Schnauzbart kündet von Entschlossenheit, und nun wird er endlich Vater, seine Frau (Käthe Braun), eigentlich schon über das Alter, in dem man Mutter wird, hinaus, liegt im Kindbett. Fröhlich holt er die Magd Hanne (Nadja Tiller), die er eingestellt hat, vom Bahnhof ab, eine attraktive junge Frau, und berichtet ihr stolz von seinem Glück. Auch wenn man das Stück von Gerhart Hauptmann aus dem Jahr 1899, auf dem Josef von Bákys Film von 1956 basiert, nicht kennt, ahnt man da schon, dass diese Hanne das Ende des großen, starken, sorgenfreien Fuhrmanns sein wird. Henschel, der sonst alles im Griff hat, ist nämlich nicht in der Lage, die Durchtriebenheit einer Frau – schon gar nicht die Nadja Tillers in der Blüte ihrer Jugend! – zu durchschauen.

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Aber das ist ja nicht seine einzige Schwäche. Henschel ist in der Interpretation von Josef von Báky (Drehbuch: Franz Schulz, ein Hollywood-Heimkehrer, mit seiner letzten Arbeit) ein Relikt einer vergangenen Zeit, die von der Gegenwart, verkörpert durch Hanne und ihren Liebhaber Georg (Wolfgang Lukschy), gnadenlos überholt und abgedrängt wird. Für den Kapitalismus, der auch in der Abgeschiedenheit der Berge Einzug hält, ist Henschel nicht gemacht. Das Hotel „Zum grauen Schwan“ des braven Herrn Siebenhaar (Richard Romanowsky), der wichtigste Wirtschaftsfaktor des Ortes, schreibt seit Jahren rote Zahlen, und um seinem Freund zu helfen, hat Henschel große Anteile der Schulden übernommen, aber keinerlei Interesse, seine Ansprüche auch geltend zu machen. Georg hingegen, ein Städter, wie er selbst sagt, ohne Mut und Stolz, aber mit „Unternehmungsgeist“, trägt sich mit Plänen, das Hotel zu übernehmen. Dafür muss er seine Hanne mit Henschel verkuppeln. Hanne macht mit, Henschel geht ihr auf den Leim und am Ende in den Freitod.

Gerhart Hauptmann goes Heimatfilm

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Fuhrmann Henschel ist die zweite von drei Verfilmungen des Stückes und verlegt die Handlung aus dem Schlesischen in die Alpen, die damals, Mitte der 1950er Jahre, beliebtes Setting des Heimatfilm-Revivals waren. Viele Motive und Handlungselemente, die in Bákys Verfilmung in den Vordergrund treten – Hauptmanns Stück spielte bis auf eine Szene ausschließlich im Haus Henschels – sind mithin typisch für das deutsch-österreichische Genre: die Alpen als Rückzugsort vor einer aggressiven, modernen Welt, verkörpert durch die Stadt, die Brutstatt von Amoral, Korruption und Gier. Noch nicht einmal der Berliner, im Heimatfilm meist als Comic Relief eingefügter Repräsentant des ahnungslos-aufgedrehten Stadtgockels, darf hier fehlen. Fuhrmann Henschel als klassischen Heimatfilm zu charakterisieren würde ihm dennoch nicht gerecht, zumindest dann nicht, wenn man unter dem Begriff verkürzt die eskapistische Schmonzette versteht, die die gebeutelten Bundesbürger nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs auf andere Gedanken bringen sollte: Zu düster und hoffnungslos ist dieser Film, zu weit tritt alle urige Gemütlichkeit demgegenüber in den Hintergrund. Josef von Báky, dessen berühmtester Film wahrscheinlich Münchhausen (1945) ist, drehte zum Abschluss seiner überaus produktiven Karriere mit Die seltsame Gräfin (1961) auch einen Beitrag zur langlebigen Edgar-Wallace-Reihe, und in Fuhrmann Henschel scheint er sich auf diese noch in der Zukunft liegende Aufgabe schon einmal vorbereitet zu haben. Immer wieder filmt er seine Charaktere aus verkanteten Untersichten, rückt sie so überlebensgroß und dräuend ins Bild, lichtet sie vor dem imposanten Firmament mit seinen Caspar-David-Friedrich-Wolken oder vor mahnend in den Himmel stechenden Grabkreuzen ab. Wenn Henschel am Schluss dem Wahn verfällt, deliriert sich der Film endgültig in surreale Höhen, und das Finale erinnert mit seinem alles verzehrenden Flammenmeer fast ein wenig an Argentos Inferno (1980) – wenn man Fantasie hat, zumindest.

Deutsche Psychotronik, an der die Filmkritik nur wenig Freude hatte

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Auch für Kulturwissenschaftler oder deutsche Psychotroniker gibt es einiges zu entdecken: Die Empfehlung des Arztes, Henschel möge seine Frau, die eben eine Totgeburt hinter sich gebracht hat, erst einmal „belügen“, damit sie gesund wird, würde so heute wahrscheinlich nicht mehr ausgesprochen. Und Henschels unschuldig geäußerter Wunsch, mit dem Kleingeld, das er jeden Abend in die Spardose wirft, die Aussteuer der Tochter oder das Studium des Sohnes zu finanzieren, lässt einem in seiner unhinterfragten Frauenfeindlichkeit einfach die Kinnlade herunterfallen. Der Höhepunkt in dieser Hinsicht ist eine späte Szene, in der Henschel in einem schummrig-verqualmten Wirtshaus auf Hannes zurückgelassene Tochter trifft: Das vielleicht vierjährige Mädchen wird dort von seinem besoffenem Opa dazu benutzt, ihm mit kleinen Gesangseinlagen das fürs „Zwetschgenwasser“ nötige Kleingeld zu beschaffen. Da steht das kleine Mädel inmitten der Rauchschwaden absondernden Männer und tiriliert mit glockenhellem Stimmchen ein Lied, wird von Henschel zu „Sauerbraten und Klößen“ eingeladen und dann einfach mitgenommen! Weil er ihrer Mama eine „Freude“ machen will! Da geht der Naturalismus Hauptmanns natürlich vollends baden, aber das Herz frohlockt.

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Die zeitgenössische Kritik verstand damals weniger Spaß, vor allem der „Spiegel“ ging hart mit dem Film ins Gericht, bemängelte, dass Báky vom Ausgangsstoff Richtung „Ganghofer hin ausgewichen“ sei „und die verhackstückte Handlung in eine pauschale Postkartenlandschaft gestellt“ habe. Walter Richter interpretiere Henschel als anachronistisches „Urviech mit Herz“, Nadja Tiller beschimpfte man als „Pin-up-Magd Hanne auf der Ofenbank“ und kam zu dem konsequenten Schluss, dass diese Hauptmann-Verfilmung „das Letzte“ sei. Andere Zeitungen stießen ins gleiche Horn, wenn sie dabei auch weniger harsch waren. Wer sich in Deutschland an der Hochkultur vergreift, musste schon immer einiges einstecken können. Wenn man bei Fuhrmann Henschel nicht in jeder Sekunde den Abgleich zur literarischen Vorlage vornimmt, wird man mit diesem krachledernen Stück Alpengothic aber ziemlich gut bedient.

Trailer zu „Fuhrmann Henschel“


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