Für den unbekannten Hund

Vor der Kulisse einer kargen und rauen Landschaft entwerfen die Brüder Dominik und Benjamin Reding (Oi! Warning) ein bildgewaltiges Drama um Schuld und Sühne. Dafür vertrauen sie auf junge, unverbrauchte Schauspieltalente und eine ausgefallene Ästhetik.

Für den unbekannten Hund

Ungewöhnliche Milieus scheinen es den beiden Brüdern Dominik und Benjamin Reding angetan zu haben. Nachdem sie in ihrem Regiedebüt Oi! Warning (1999) tief in die Rituale und Codes der Punk- und Skinheadszene eintauchten, wagten sie sich für ihr neuestes Projekt an den archaisch und für Außenstehende fremd wirkenden Kosmos der Wanderschaft. Die Reisen, die seit dem Spätmittelalter dem Zweck dienten, neue Arbeitspraktiken der Handwerkskunst zu erlangen, wurden mit der Industrialisierung und einer hieraus resultierenden Standardisierung der Maschinen zunehmend obsolet. Heutzutage gehen nur noch eine Handvoll ausgelernte Handwerksgesellen „auf die Walz“. Dabei pflegen sie ihre ganz eigenen Umgangsformen. Sie sprechen ihre eigene Sprache und unterwerfen sich strengen Regeln und Ritualen.

Ein Zufall will es, dass Bastian (Lukas Steltner) mit dieser Welt in Berührung kommt. Er ist gerade einmal zwanzig Jahre alt, Betonbauergeselle und hat die letzten acht Monate im Gefängnis verbracht, weil er sich erwischen ließ, als er für seinen Kumpel Maik (Josef Heynert) einen Bankautomaten knacken sollte. Maik erpresst Bastian seit jener verhängnisvollen Nacht, in der er einen Stadtstreicher tötete. Es geschah eher beiläufig, an einer Tankstelle irgendwo in Mecklenburg. Bastian will weg von Maik, weg aus diesem Gefängnis, das ihm auch nach seiner Haft die Luft zum Atmen nimmt.

Für den unbekannten Hund

Die Begegnung mit einer Gruppe Wandergesellen bietet ihm die lang ersehnte Möglichkeit zur „Flucht“. Zumindest sechs Wochen auf Probe darf Bastian mit ihnen durch Norddeutschland ziehen. Dann soll die Gesellenbruderschaft entscheiden, ob er in den Kreis der zünftigen Wandersleute aufgenommen wird. Während dieser Zeit entwickelt sich zwischen ihm und dem wilden Steinmetz Festus (Sascha Reimann) eine tiefe, stark emotional aufgeladene Freundschaft. Festus plagen Schuldgefühle, da er glaubt, seinen alten Kumpel Schmiege (Gunnar Melchers) im Stich gelassen zu haben. Kurze Zeit nachdem sich beide seinerzeit im Streit trennten, wurde Schmiege tot aufgefunden – an einer kleinen Tankstelle in Mecklenburg.

Damit schließt sich der Kreis aus Schuld und Sühne, den die beiden Filmemacher Dominik und Benjamin Reding in ihrem etwas anderen Road Movie nachzeichnen. Sie wollten eine epische Geschichte erzählen, die Fragen aufwirft, gleichzeitig dem Zuschauer aber keine belehrenden Antworten aufdrängt. Das ist ihnen gelungen, weil sie jeder einzelnen Figur zu jedem Zeitpunkt mit Respekt begegnen und auf plakative, einfache Lösungen und Kategorisierungen nach dem Schubladenprinzip verzichten. Hier gibt es kein Schwarz und kein Weiß. Eher bewegt sich Für den unbekannten Hund die meiste Zeit über in der Grauzone zwischen diesen Extremen in einer Welt, die uns seltsam fremd erscheint.

Für den unbekannten Hund

Der Film schildert das moralische und emotionale Dilemma, in das Bastian geworfen wird, glaubhaft und nachvollziehbar. Hierzu greifen die Redings vor allem auf die Authentizität ihrer Schauspieler zurück. Viele von ihnen wie der junge Lukas Steltner oder Zarah Löwenthal in der Rolle von Festus´ Ex-Freundin Leila standen zum ersten Mal vor der Kamera. Ihre Gesichter wirken ihren Charakteren entsprechend unangepasst. Da fällt es nicht weiter ins Gewicht, dass die Dialoge auch abseits der antiquierten Gesellensprache zuweilen leicht gestelzt klingen und die Darsteller – allen voran Sascha Reinmann, besser bekannt als Rapper Ferris MC – in ihrem Spiel dazu neigen, in eine für das Medium befremdliche Theatralik zu verfallen.

Bereits Oi! Warning fiel durch seine ambitionierte, kunstvolle Ästhetik auf. Die Brüder Reding huldigten darin dem in der Skinhead-Szene zelebrierten Körper- und Männlichkeitskult in expressionistischen, ausdrucksstarken Schwarz-Weiss-Bildern. Für den unbekannten Hund geht in Sachen Bildgestaltung noch einen Schritt weiter. Zusammen mit Kameramann Axel Henschel entschieden sich die Redings für eine bis ins kleinste Detail austarierte Visualisierung von Bastians Wanderschaft, die sich den Stimmungen und Empfindungen der einzelnen Charaktere angleicht und ihnen Ausdruck verleihen soll. Beispielhaft wird das an einer Szene deutlich: Als Bastian aus dem Gefängnis entlassen wird, scheint in dem Kellerraum seiner Freundin (Fiona Piekarek) die Haft ihre Fortsetzung zu finden. Die kühle Ausleuchtung lässt den praktisch fensterlosen Raum als eine nur leicht vergrößerte Gefängniszelle erscheinen.

Für den unbekannten Hund

Die meiste Zeit über dominieren kalte Farben: Grau, Weiß, Blau. Jede Einstellung sträubt sich mit aller Vehemenz gegen eine allzu romantisierende, verkitschte Vorstellung der Wanderschaft. Nur ganz selten, wie bei Bastians erstem Besuch der in einer alten Kirchenruine untergebrachten Steinmetzwerkstatt, erlaubt der Film über eine warme, kraftvolle Lichtsetzung für wenige kurze Momente eine Idealisierung der innerlich wie äußerlich größtenteils beschwerlichen Reise.

Die visuelle Umsetzung lebt von ihrer Unberechenbarkeit. Schwarz-Weiss-Einsprengsel wechseln sich mit in Sepia- und Blautöne getauchten Rückblenden ab, dynamische Kamerafahrten werden mit Nahaufnahmen und Totalen vermischt. Sogar in ein und derselben Szene kann es passieren, dass der Film mehrmals seinen Stil variiert. Ins Auge fallen dabei insbesondere einzelne Farbtupfer, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film ziehen. Durch Akzentuierungen wie ein quietschgelbes Telefon oder eine knallrote Tür gewinnt plötzlich etwas an Bedeutung, was andernfalls in der Kulisse untergegangen wäre.

Für den unbekannten Hund ist ein Film, der wie kaum ein anderer in letzter Zeit über seine Optik funktioniert, und der über die Bilder einen Zugang findet zu dem, was er uns erzählen möchte.

Kommentare


M.Holger T.

Stellvertretend für die doch seltsame Moral und Berufsauffassung der Redingbrüder und A. Henschel möge nur als Beispiel dienen, dass eben jene beschriebene Szene,so wie ein Viertel des ganzen Films, gar nicht vom genannten Kameramann, sondern von einem ganz anderen stammen.Selbstverständlich wird sich nie einer von Ihnen die Mühe machen, solche Dinge klar zu stellen. Sich mit fremden Federn zu schmücken, Leute mit übelsten Methoden auszunehmen und sich dann als "links" zu bezeichnen, ist eines der dominierendsten Charakterzüge der Redingbrüder.






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