Fünf mal Zwei – Kritik

In umgekehrter Chronologie erzählt Ozon die fünf wichtigsten Momente im gemeinsamen Leben von Gilles und Marion, von der Scheidung bis zum Kennenlernen. Mit hervorragenden Darstellern und einem verblüffend einfachen Plot überzeugt der Film auch stilistisch als Zitat unterschiedlicher ästhetischer Strömungen.

5 x 2

Valeria Bruni-Tedeschi gehört momentan ohne Zweifel zu den spannendsten Schauspielerinnen Frankreichs. Die Schwester des ehemaligen Topmodels Carla Bruni ist spätestens seit Noémie Lvovskys Oublie-moi (Vergiß mich, 1994) auf neurotische Frauenfiguren spezialisiert, die einem unmöglichen Ideal von Liebe und Glück hinterher jagen. In François Ozons neuem Film 5 x 2 darf sie hinter ihrem bekannten verletzlichen Erscheinungsbild eine wunderbare innere Stärke zum Vorschein bringen. Zusammen mit Stéphane Freiss spielt sie ein Paar, das in seiner Liebe scheitert.

Im Stil von Ingmar Bergmans Scener ur ett Äktenskap (Szenen einer Ehe, 1973) erzählt 5 x 2 fünf Schlüsselmomente in der Beziehungsgeschichte von Marion und Gilles, von der ersten Begegnung bis zur Scheidung. Dazwischen liegen die Hochzeit, die Geburt des Sohnes und ein Abendessen mit Gilles’ Bruder. Der Clou des Films jedoch ist, dass er die Chronologie umkehrt und die einzelnen Stationen des Paares rückwärts erzählt. So kann Ozon mit der kitschig-romantischen Einstellung aufhören, in der alle Liebesfilme enden: die Liebenden am Meer vor einem Sonnenuntergang.

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5 x 2 erzählt das Universale durch das Partikulare. Die Episoden in der Beziehung von Marion und Gilles stehen für die verschiedenen Abschnitte einer jeden Liebesbeziehung. Ihr Schicksal hat gewissermaßen Allgemeingültigkeit, die Figuren selbst bleiben Archetypen. Es gibt kaum Informationen über Beruf und Interessen der beiden, die sie als konkrete Personen individualisieren würden. Das soziale Umfeld beschränkt sich auf ihre Eltern und seinen schwulen Bruder. Gilles ist einfach „der Mann“, Marion „die Frau“. Somit findet sich auch der Zuschauer leicht in den fünf Lebensstationen der Figuren wieder. Die Leerstellen, die der Film bewusst zwischen den einzelnen Episoden lässt (man erfährt z.B. nicht den genauen Scheidungsgrund) eröffnen ihm die Möglichkeit, seine eigene, ganz persönliche Liebesgeschichte in die Figuren hinein zu projizieren. Gilles verkörpert die Sorte Mann, den eine Frau genau solange reizt, bis er sie erobert hat. Bezeichnenderweise schläft er in der Hochzeitsnacht ein, bevor er die Ehe vollzogen hat. In Beziehungsangelegenheiten neigt er dazu, sich aus der Verantwortung zu stehlen – seine Frau lässt er bei der Geburt des gemeinsamen Sohnes im Stich - und das Thema Treue nimmt er nicht allzu ernst. Marion hingegen ist einem romantischen Ideal von Liebe und Treue verhaftet. Mit Gilles’ laxer Einstellung konfrontiert, kämpft sie sichtlich gegen die Eifersucht und erliegt doch selbst auch, mit schlechtem Gewissen, der Anziehung anderer Männer. Im Endeffekt erweist sie sich als die stärkere, die Beziehung tragende und schließlich auch konsequent beendende Persönlichkeit.

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François Ozon prägte in früheren Filmen eine quasi manieristische Ästhetik, wovon vor allem die überstilisierten an Theaterbühnen erinnernden Räume in seinen Filmen Gouttes d’eau sur pierres brûlantes (Tropfen auf heiße Steine, 2000) und 8 Femmes (8 Frauen, 2002) zeugen. In 5x2 versucht er sich mit einer filmischen Stilübung. Die Geschichte ist zunächst in engen, und dann immer weiter werdenden Räumen inszeniert. Jedes der fünf narrativen Kapitel scheint einer bestimmten Stilrichtung verpflichtet. Die erste, bedrückendste Episode beim Scheidungsrichter und in einem anonymen Hotelzimmer ist inszeniert wie ein Kammerspiel. In langen und statischen Großaufnahmen heftet sich die Kamera an die Gesichter der Figuren. Rostrote und blaugrüne Farben symbolisieren die emotionale Kälte und das tote Ende der Beziehung. Die zweite Episode konstituiert eine klassische Dialogszene während eines Abendessens unter Freunden, wie man sie aus unzähligen französischen Filmen kennt; im Ping-Pong-Prinzip wechselt die agile Kamera zwischen den Gesprächsteilnehmern. Bei der Hochzeitsszene wiederum sieht man sich an die großen Familienfeste in Coppolas The Godfather (Der Pate, 1971-1990) – wenn auch in kleinerem Rahmen - erinnert. Die letzte Episode, das Kennenlernen am Strand, wirkt wie eine Hommage an den Altmeister Eric Rohmer. Durch dessen gesamtes Werk, und immer an den schönsten Sandstränden, spaziert paradigmatisch das junge, hübsche Liebespaar in Bikini und Badehose. Bei Ozon ist das alles zudem mit einem schmachtenden Liebeslied unterlegt. Überhaupt ist die Musik in 5 x 2 – alles italienische Chansons – sehr klug eingesetzt als kitschiger, manchmal ironischer Kontrapunkt zur Geschichte. Der Film endet in einer Totalen, mit dem Sonnenuntergang am Strand. Von der klaustrophoben Enge eines kahlen Hotelzimmers spannt sich der narrative Bogen rückwärts zur lichtdurchfluteten Weite des Meeres. Hier ist man versucht, trotz allem aufs Neue an die Liebe zu glauben.

 

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