fucking different Tel Aviv

Nach Berlin (2005) und New York (2007) stellt Kristian Petersens dritter Kompilationsfilm der Fucking Different-Reihe die Stadt in den Fokus, die für die amerikanische Zeitschrift Out die „Gay-Metropole des Nahen Ostens“ ist: Tel Aviv.

fucking different Tel Aviv

Ein Patchwork aus zwölf Kurzfilmen im Puls der Hauptstadt eines Landes, in dem erzielte Fortschritte in Bezug auf Rechtslage, politische Mitbestimmung sowie gesellschaftliche Akzeptanz von schwulen, lesbischen, bisexuellen und transidenten Bürgerinnen und Bürgern der radikalen Ablehnung, gar Ächtung von Homosexualität seitens orthodoxer und chassidischer Kreise gegenüberstehen, gedreht von schwulen Regisseuren, die sich mit lesbischer Liebe und Sexualität auseinandersetzen und lesbischen Filmemacherinnen, die in ihren Beiträgen schwule Thematiken aufgreifen – das ist Fucking Different Tel Aviv.

Die einzelnen Auflagen der Kurzfilm-Anthologien, seit 2005 im Zweijahresturnus erschienen,  erfuhren hinsichtlich ihres Facettenreichtums und Fantasiespektrums eine graduelle Steigerung. Präsentierte sich das Erstlingswerk Fucking Different noch recht schwerfällig, gab es, abgesehen von Ades Zabels Beitrag Die Fahrradbotin, auch keinen Spielraum für die Irritation von Geschlechtergrenzen. Fucking Different New York erschien im Gesamterscheinungsbild sehr experimentell, essayistisch und teilweise skurril, wohingegen Fucking different Tel Aviv das Motiv Homoerotik in geschlossenen Geschichten mit ernsten Themenkomplexen wie Politik, Religion und Kultur einzubinden sucht.

fucking different Tel Aviv

In dem selbstironischen Kurzfilmbeitrag A.S.P.H.A von Jossi Brauman haben zwei militante Lesben Ninet Tayeb, Israels Repräsentantin für den Eurovision Song Contest, gekidnappt, um die Freilassung eines palästinensischen Terroristen aus dem israelischen Gefängnis zu erpressen. Die Besetzung der Popsängerin mit einem Transvestiten wirkt wie eine parodistische Reminiszenz an die transsexuelle Popsängerin Dana International, die 1998 mit ihrem Song Diva den Contest gewann.

Der minimalistisch anmutende Kurzfilm Unabhängig davon (Does Not Depend On) von Avital Barak und Sie Gal könnte auch in Slow Motion gedreht worden sein, so langsam und bedächtig sind die Bewegungen der Akteure. Der Protagonist, ein yeshiva-Schüler, durchlebt während der Gebetstunde eine existenzielle Krise. Seine Homosexualität lässt sich mit seinem orthodoxen Glauben nicht vereinbaren, denn im Talmud und der Thora ist die körperliche Liebe unter Männern streng untersagt. Ein Bote veranlasst ihn, eine Entscheidung zwischen Glauben und Liebe zu treffen. In einer Vielzahl von Detail-Einstellungen wird der innere Kampf des Protagonisten zum Ausdruck gebracht.

fucking different Tel Aviv

Der Dokumentarfilm Ich bin Brigitte (I am Brigitte) von Stephanie Abramovich stellt den Mensch hinter der Maske in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Während der Oboespieler Emanuel Danan Mundstücke schnitzt und sich als Drag Queen Brigitte Delarue zurechtmacht, beantwortet er/sie die persönlichen Fragen, die die Regisseurin aus dem Off stellt und reflektiert dabei über sein/ihr (Liebes-)Leben und die Schwierigkeiten, die sich für Emanuel und Brigitte in ihren unterschiedlichen Rollen ergeben.

Auffallend an der Gesamtkomposition ist, dass die lesbischen Liebes- und Erotikszenen - gegenüber den sehr zärtlich und subtil in Szene gesetzt schwulen - durchaus aggressiv daherkommen. Eran Koblik Kedar und Ricardo Rojataczer montieren beispielsweise in The Shame per Splitscreen-Verfahren einzelne pornografische Szenen lesbischer Interaktionen zu einem Gesamtbild. Der Schwarzweißfilm Auf der Suche nach der Frau (Cherchez la femme) von Eyal Bromberg und Sivian Levy spielt fast choreografisch verschiedene Macht- und Unterwerfungskonstellationen in einem Szene-Club aus. Das metallische Kreischen der Atmo geht bis aufs Mark und auch visuell provoziert er durch die per Nachkolorierung in Knallrot gesetzten Aufmerksamkeitsschwerpunkte.

fucking different Tel Aviv

Die Kurzfilme sind teilweise mit sehr einfachen technischen Mitteln gedreht und dennoch ist Fucking Different Tel Aviv die gelungenste Kompilation der Trilogie, auch deshalb, weil Begrifflichkeiten wie schwul/lesbisch wesentlich diffuser behandelt werden als dies in der ersten Anthologie der Fall war, so dass sie im Endeffekt nur noch Selbstdefinition sind und dadurch ein klares Plädoyer für Akzeptanz unter den verschiedenen Communities innerhalb der queeren Szene abgegeben wird. „Getting to know a new city is like falling in love. You discover yourself anew“, heißt es in Désarmés von November Wanderin. Genau dieses Gefühl müssten viele Zuschauer und Zuschauerinnen gespürt haben, die sich auf die cineastische Entdeckungsreise nach Tel Aviv begeben haben.

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