Frozen Angels

Die Zukunft hat längst begonnen: Frauke Sandig und Eric Black porträtieren eine Reihe von Menschen in Los Angeles, die einen Einblick in die neusten Techniken der Reproduktionsmedizin gewähren - und in die Schicksale, die damit verbunden sind.

Frozen Angels

Es gibt eine Stelle in Frozen Angels, an der besonders deutlich wird, wie tief das alles die Protagonisten berührt. Wie schnell eine Verletzung entsteht, trotz aller kalifornisch-optimistischen Leichtigkeit. Da sitzt das Ehepaar Amy und Steve auf dem Sofa, und Steve erzählt gerade von den langen und quälenden Versuchen, Kinder zu bekommen und von der Leihmutter Kim, die für die beiden nun das Baby austragen wird. Und als er von Kim erzählt, und dabei das Wort „Mutter“ verwendet, da unterbricht ihn seine Frau, und sie sagt: „Nur die leibliche Mutter. Die Mutter bin ich.“

Frauke Sandig und Eric Black, deren Dokumentarfilm über Berlin nach dem Ende der DDR (Nach dem Fall, 1999) erfolgreich auf internationalen Filmfestivals lief, haben sich dieses Mal der Reproduktionstechnologie angenommen. Dabei ist ein komplexes Werk entstanden, das sich jeden Kommentars enthält, seine zahlreichen Figuren für sich selbst sprechen lässt und dabei geschickt einen Handlungsfaden erzeugt.

Kalifornien gilt als Zentrum der Welt für alles, was mit bizarren Technologien und Fortschritts-Fanatismus zu tun hat. Mitte der 90er Jahre waren das Ufo-Sekten und „Cyborgs“, die davon träumten, ihren Körper mit mechanischen Erweiterungen zu perfektionieren; oder Kryoniker, die sich nach ihrem Tod einfrieren lassen wollten, um in der vermeintlich besseren Zukunft aufzuwachen. Heute geht es nicht mehr um nachträgliche Optimierung, sondern darum, gleich von Beginn an alles richtig zu machen: Der neueste Trend ist das Baby-Design.

Frozen Angels

Neben den Zukunftsaussichten à la Brave New World zwischen Nachwuchs-Optimierung und Zucht-Fantasien ist daran vor allem eins verstörend: Wie sympathisch viele der Menschen sind, die sich an vorderster Front damit beschäftigen, die Grundlage des Lebens zu verändern. Sie alle eint eine so erfrischende wie beängstigende Unbeschwertheit. Bill Handel, Radiomoderator und Inhaber der größten Agentur für Eizellen-Spenderinnen, bringt es auf den Punkt: „Ich verstehe nicht, warum Leute Sex haben, um Kinder zu bekommen.“ Handel, selbst Vater von künstlich gezeugten Zwillingstöchtern, meint das nur halb im Scherz.

Dass es dabei längst nicht mehr nur darum geht, Erbkrankheiten auszuschließen, wird wohl nirgendwo so deutlich wie in dem Zitat der Direktorin eines Programms für Eizellen-Spenderinnen: „Wenn ich einem Paar, das gerne jemanden mit hoher Bildung hätte, zwei verschiedene Spenderinnen vorschlage - die eine hat einen außergewöhnlichen akademischen Hintergrund, die andere sieht einfach nur gut aus - dann werden sie sich für das Aussehen entscheiden. Alle tun das.“

Zu den Hauptfiguren des Films gehören Menschen, die dem Ziel der machbaren Perfektion dienen: die Leihmutter, die ihre Beziehung zu dem Ehepaar mit Kinderwunsch als „Arbeitsverhältnis“ bezeichnet und die behauptet, keine Empfindungen für das Baby zu haben. (Ihr Gesicht nach der Geburt, eine der stärksten Szenen des Films, sagt etwas anderes.) Die blonde Eizellen-Spenderin, die etwas Sinnvolles tun will: „Andere spenden Geld für Arme oder die Opfer von Katastrophen. Ich spende Eizellen.“ Der Reproduktionsarzt, der Cabrio fährt, Golf spielt, ein riesiges Haus hat und die neuen Methoden für den Kindersegen mit der Hundezucht vergleicht. Und zwar ernsthaft.

Frozen Angels

Das Amerika in Frozen Angels ist ein kalter Ort, eine Vision, die in der Gegenwart spielt und Bilder liefert, die nach Zukunft aussehen. Mauern, Industrieflächen, Autoschlangen, Hochhäuser, Tiefgaragen, Tunnel, Öl-Raffinerien, ein Rummelplatz - daraus setzt sich die Welt zusammen, in der diese Menschen leben, fotografiert mit einer digitalen Video-Kamera, die auch Michael Mann (Heat, 1995, Collateral, 2004) hätte halten können. Wie ein Leitmotiv taucht immer mal wieder die amerikanische Flagge auf, als Leuchtreklame, als Fahne am Rollstuhl eines Obdachlosen.

Der Antagonismus Amerika-Europa spielt unterschwellig eine große Rolle. Handel, der Radiomoderator, wundert sich über die restriktive Gesetzgebung in Europa, und freut sich gleichzeitig über 40 Prozent Kunden aus dem Ausland für seine Agentur. Handel bildet den Mittelpunkt des Films. Wenn er im Radio spricht, hören die anderen Protagonisten ihm zu, meistens im Auto. So werden die unterschiedlichen Stränge verbunden und es entsteht ein Kaleidoskop skurriler Figuren, die sich gegenseitig Stichwörter zuwerfen, obwohl sie sich während des Films gar nicht begegnen. Sandig und Black haben selbst darauf hingewiesen, wie nah diese Vorgehensweise an Spielfilme wie Magnolia (2000) und Short Cuts (1993) angelehnt ist, die beide ebenfalls in Los Angeles spielen. Die kompakte Struktur hilft sehr dabei, die ständig wechselnden Orte und Personen kennenzulernen und ihr weiteres Schicksal mit Spannung zu verfolgen.

Frozen Angels, der Anfang Oktober auf dem DokFilmFest in Leipzig im Wettbewerb lief und auch in Sundance gezeigt wurde, mag manchen Zuschauer durch die Verbindung von großem Ensemble, komplizierter Struktur und komplexem Inhalt überfordern. Aber mit seiner adäquaten Bildsprache und seiner dramaturgisch interessanten Erzählhaltung nähert er sich auf künstlerisch anspruchsvolle Weise einem Thema, das den meisten Menschen - zumindest noch hier in Europa - einen kalten Schauer über den Rücken jagt.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.