Frohes Schaffen - Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral

Wir sollten weniger arbeiten, rät uns Regisseur Konstantin Faigle. Schade, dass er sich selbst nicht an diese Empfehlung gehalten hat.

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Ein Friedhof irgendwo in Deutschland. Hier liegen keine Menschen begraben, sondern Steuerberater, Fabrikanten und Rechtsanwälte. So steht es auf den Grabsteinen. Gleich unter dem Namen und noch vor Geburts- und Todesdatum. Kein Wort hingegen etwa von des Toten früherer Leidenschaft für klassische Musik, der liebevollen Hingabe an die Kinder oder vom Glück, das er einst beim Rosenzüchten empfand. Frohes Schaffen – Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral (2012) zeigt mit dieser Szene, wie sehr die Arbeit nicht nur unser Leben, sondern auch unser öffentliches Image prägt.

Man kennt das auch aus Small-Talk-Situationen: Eine der ersten Fragen von neuen Bekannten gilt fast immer dem Beruf. Die Arbeit ist ein wichtiger Teil unserer Identität. Konstantin Faigle untersucht deshalb in seinem Film, wie die Arbeit unser Leben bestimmt, welche Folgen das hat und was man dagegen tun könnte. Es sei aber gleich gesagt: Über die intellektuelle Höhe eines Erstsemester-Vortrags im Soziologie-Seminar kommt seine Analyse nicht hinaus. Wir erfahren, dass Arbeit Fremdbestimmung bedeutet und der Mensch überhaupt sehr mit seiner Hände Werk fremdelt, seit die Arbeitsteilung alles in kleine Einzelprozesse zerlegt und die Computertechnologie die Resultate unserer Mühen in Zahlen- und Datenreihen verwandelt hat. Weiter erklärt uns Faigle, dass Outsourcing keine gute Sache ist, viele ABM-Aufgaben sinnfrei sind und Arbeitslosigkeit in unserer Gesellschaft als Defizit gilt. Burnout fetzt übrigens auch nicht.

All dieses Populärwissen präsentiert uns der Film mit einer Mischung aus Talking-Heads-Interviews und von Schauspielern inszenierten Einzelfällen. Dass diese persönlichen Geschichten allesamt exemplarische Erfindungen sind, raubt ihnen jegliche Kraft. Ein Ingenieur, der aufgrund einer beruflichen Degradierung den Suizid erwägt, oder eine Filmproduzentin, deren Dauerstress zum ewigen Single-Dasein führt, können schockieren und bewegen – allerdings nur, wenn sie authentisch sind oder als glaubwürdige Charaktere in ein rundum fiktives Spielfilmkonzept eingebettet werden. Selbigen Ingenieur jedoch mit Hilfe des Bluescreen-Verfahrens wie einen Vogel über Köln flattern zu lassen, sorgt nicht unbedingt dafür, dass man sein Leid ernst nimmt. Billige CGI-Horrorsequenzen übrigens erst recht nicht.

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Und wenn Faigle Bilder von Angela Merkel und Hans-Werner Sinn mit dunklen Wolken oder Blitz und Donner unterlegt, um sie als böse abzustempeln, führt das am ehesten dazu, dass man sie – ungeachtet ihrer oder der eigenen politischen Standpunkte – innerlich gegen den Filmemacher verteidigt. Mit solch schlichten Manipulations-Techniken geizt Frohes Schaffen ohnehin nicht. Besonders arg ist eine animierte Szene, in der neben einem Embryo mehrere Dollarscheine dräuen. Aber auch wenn Faigle Michael-Moore-artig mit einem Kohlrabi in die Frankfurter Börse spaziert, um der fiktiven Finanzwelt reale Werte gegenüberzustellen, kommt die Holzhammer-Methode zum Einsatz. Und dann ist da noch der glückliche Müßiggänger, der in den Tag hineinlebt und selig auf seiner Gitarre rumklimpert (sich aber trotzdem eine schicke Wohnung mitten in der City leisten kann). Wie ein Messias bekehrt er die Arbeitenden, öffnet ihnen die Augen für das Gute und Wahre im Leben und führt sie am Ende zur Parkbank im Sonnenschein, wo in verklärter Weichzeichner-Optik gemeinsam ein Liedchen gesungen wird.

In gewisser Weise passt diese krude Befreiungstheologie aber zum Rest des Films, denn Faigles Hauptthese lautet, dass Arbeit zu unserer neuen Religion geworden sei. Diese Behauptung wird leider nie näher begründet, sodass unklar bleibt, welche strukturellen Gemeinsamkeiten das Arbeiten mit dem Glauben hat. Stattdessen sucht der Regisseur sich einfach gleichgesinnte Interviewpartner, die ihm seine Meinung bestätigen, und legt ordentlich Sakralmusik drunter.

Auch die These, dass früher weniger gearbeitet wurde als heute, steht in ihrer Pauschalität auf wackligen Beinen. Faigle hat natürlich Recht, wenn er erklärt, dass die protestantische Ethik und die industrielle Revolution unser Verständnis von Arbeit grundlegend verändert haben – auch der heutige Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt und die stigmatisierende Darstellung von Erwerbslosigkeit peitschen uns vor Angst zu immer höheren Leistungen. Aber ob die antiken Sklaven oder die Bauern in aller Welt wirklich weniger gearbeitet haben als wir?

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Doch die entscheidendere Frage ist ohnehin, wie wir denn ganz praktisch unser Arbeitspensum verringern könnten. Darauf weiß der Film, der sich genau dafür einsetzt, leider keine Antwort. Das bedingungslose Grundeinkommen wird nur mal am Rande gestreift – das Gleiche gilt für die Teilzeit. Beides ohnehin nicht sonderlich innovativ für ein monatelang ausgefeiltes Plädoyer mit dem Ziel einer besseren Work-Life-Balance. Frohes Schaffen hält es angesichts eines ganz realen Problems lieber mit esoterischem Gesäusel: Wichtiger als der Broterwerb, so zeigt uns der Film, sei doch ohnehin das Gefühl des Gebraucht-Werdens, die Bestätigung durch Mitmenschen statt durch Geld. Schade, dass sich all diese schönen Dinge so schlecht aufs Brot schmieren lassen. Oder mit (dem nicht eben als arbeitnehmerfeindlichen Kapitalismusverteidiger bekannten) Bertolt Brecht gesprochen: Erst das Fressen, dann die Moral.

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