Fremde Stadt

Fremde Stadt ruft liebevoll die Eckpunkte eines filmischen Schwabing-Kosmos auf, der einige Jahre zuvor leuchtete, aber 1972 schon am Zerfallen war. Auf alleskino.de ist der Film nun wie alle anderen langen Regiearbeiten Rudolf Thomes erhältlich.

Fremde Stadt 1

Fremde Stadt (1972) beginnt wie Rudolf Thomes bekanntester Film Rote Sonne (1970) mit einem Mann, der alleine in München ankommt und dort eine Ex wiedertrifft, die er noch immer liebt. Aber der Film macht aus dieser Ausgangssituation nicht nur etwas völlig anderes; man hat darüber hinaus das Gefühl, dass sich in den lediglich zwei Jahren, die zwischen den Filmen liegen, etwas Grundlegendes verändert hat. In Thomes Kino, aber vielleicht auch in der Welt, in die es eingebettet ist. Nicht nur diese eine, sondern jede Stadt ist fremd geworden.

Besser kann man einen Trenchcoat nicht tragen

Fremde Stadt 2

Was ist Fremde Stadt für ein Film? Laut Thome war das ein Versuch, einen echten B-Film zu drehen, so billig wie möglich, und im Gegensatz zu seinen ersten drei Arbeiten in Schwarz-Weiß. Fremde Stadt fügt sich in das Werk der Thome-Lemke-Zihlmann-Gruppe, weil es offensichtlich wieder um angewandte Cinephilie geht, diesmal um den Versuch, einen Poverty-Row-Cheapie [LINK: https://de.wikipedia.org/wiki/Poverty_Row ] in München zu inszenieren. Mit einem Genreplot, der von Max Zihlmann nach allen Regeln der Kunst entworfen wird, zumindest bis kurz vor Schluss (der Schluss hat es in sich). Gegossen in atmosphärische, kontrastarme Scope-Bilder. Dazu ein wunderbares, ironisch-desillusioniertes Titellied („I only hope you find it easy / and easy is the answer when it comes“), bei dem man sich fast so sehr wie bei dem zugehörigen Film wundert, wie es derart komplett in Vergessenheit geraten konnte. Und als Hauptdarsteller Thomes Regiekollege Roger Fritz, was sich als regelrechter Besetzungscoup erweist: Besser als Fritz in diesem Film kann man einen Trenchcoat nicht tragen.

„Psychopath, wa?“

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Der Bankraub, der vorderhand das Thema ist, wurde schon erfolgreich durchgeführt, wenn der Film anfängt. Was wir sehen, ist der Nachhall: Kontaktaufnahmen, Beschattungen, Verhandlungen, Verwicklungen, Verstrickungen. Man merkt, während Fremde Stadt sich dann eben doch so gar nicht in B-Movie-Hektik, sondern in Thome-typischer Seelenruhe durch München bewegt, dass es dabei weniger um Spannungsaufbau geht als um einzelne Gesten. Wie Fritz tänzelnd einem Hund ausweicht. Die ausnehmend elegante Art der überhaupt äußerst lässigen Karin Thome, eine Süßspeise zu verzehren. Oder auch einzelne Dialogzeilen: Während einer Geiselnahme fragt eine der bedrohten Frauen spöttisch, wie unbeteiligt, mit einem fast schon neckischen Seitenblick in Richtung Geiselnehmer: „Psychopath, wa?“ Eine andere (wieder Karin Thome) antwortet noch ungerührter, selbstsicher im Bild rumstehend, als befände sie sich auf einer etwas langweiligen Party: „starke Neurose“. Ein Film, der sich immer wieder von großartigen Nebendarstellern ablenken lässt, in der die Kamera den für die Handlung nebensächlichen Hotelangestellten, Sprechstundenhilfen und Untermietern ganz selbstverständlich genauso viel Aufmerksamkeit schenkt wie den Hauptfiguren. Ein Film, dem Fritz’ schwarze Handschuhe lange Zeit wichtiger sind als der Koffer voller Banknoten, der in seinem Hotelzimmer liegt.

Fremde Stadt ruft noch einmal liebevoll, allerdings nicht nur ein wenig melancholisch, einige Eckpunkte des Schwabing-Kosmos auf, den Thome-Lemke-Zihlmann und auch andere Mitstreiter wie May Spils und Werner Enke einige Jahre lang zum Leuchten gebracht hatten, der aber Anfang der 1970er bereits am Zerfallen war. Am schönsten vielleicht im von Christian Friedel gespielten, schluffigen Untermieter Schrott, der von einem blauen Diskusfisch am Amazonas träumt, während um ihn herum bereits alle damit beschäftigt sind, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. „Alle müssen erfahren: Auch die Zukunft ist nicht mehr, was sie einmal war.“ (Enno Patalas)

Eine eigenwillige Form bürgerlicher Autonomie

Fremde Stadt 4

Fritz und sein love interest Karin Thome sind zwar durchaus so etwas wie das ultimative Glamour-Paar der Schwabinger Gruppe, aber wenn die beiden mit ihrem gemeinsamen Sohn beim Frühstück sitzen, dann könnte das bereits fast eine Szene aus einem Thome-Film der 1980er oder 1990er Jahre sein. Der wie erwähnt wirklich außergewöhnlich letzte Akt soll hier nicht vorweggenommen werden, aber der Fluchtpunkt von Fremde Stadt ist offensichtlich nicht mehr, wie noch in Rote Sonne, die Kommune, in der Leben, Kunst und Arbeit auf oft blutige Art ineinander übergehen. Sondern eine eigenwillige Form bürgerlicher Autonomie, deren Schönheiten, Ironien und Utopien Thome sein Werk ab den 1980er Jahren verschreibt.

Insofern ist Fritz ist ein Vorgänger insbesondere von Hanns Zischlers Figur in Berlin Chamissoplatz, aber auch von vielen anderen späteren Thome-Hauptfiguren: Männer, die sich zwar auf alles Mögliche einlassen, vor allem auf und für Frauen, die dabei aber stets auf einen gewissen Bewegungsspielraum achten. In diesen Figuren spiegelt sich ein Regisseur, der sich bald nach Fremde Stadt komplett vom Genrekino abwendet und der sich stattdessen das Recht herausnimmt, komplett unabhängig von allen Trends und Moden eine eigengesetzliche, autarke filmische Welt zu erschaffen. Damit in Verbindung steht ein neuer, entspannterer Zeithorizont. Es geht nicht mehr darum, sich in jedem Moment, mit jedem Film neu zu erfinden, sondern darum, das eigene Werk als etwas Kontinuierliches zu betrachten, als etwas, das man pflegt wie einen Garten.

Bei alleskino.de kann man Fremde Stadt jetzt kaufen oder onlineschauen: https://www.alleskino.de/fremde-stadt-1972-stream.html

Und hier gibt es das gesamte Langfilmwerk von Rudolf Thome: https://www.alleskino.de/rudolf-thome/

 

Trailer zu „Fremde Stadt“


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