Freischwimmer

Freischwimmer, Andreas Kleinerts allegorische Parodie auf kleinbürgerliche Genügsamkeit, wartet mit einem vielschichtigen Handlungsgeflecht auf und verirrt sich dabei in einem Wald aus Zeichen.

Freischwimmer

Schulaußenseiter Rico (Frederick Lau), ein schmächtiger Junge mit Hörgerät, musste tatenlos mitansehen, wie sein Vater ertrunken ist, und nun will er ein Rettungsschwimmerabzeichen erwerben. Vielleicht geht es ihm aber auch nicht so sehr um die Erhaltung von Menschenleben. Als Sportass Robert (Philipp Danne), Freund der von Rico ebenso begehrten Regine (Alice Dwyer), mit einem vergifteten Liebesknochen ermordet wird, fällt der Verdacht nämlich auf ihn. Ein unschuldiges Reh verirrt sich in die Schule und wird sogleich vom jagdbesessenen Direktor (Jürgen Tarrach) abgeknallt. Der Deutsch- und Kunstlehrer Martin Wegner (August Diehl), der Rico zunächst den Vater ersetzt, spricht sich wiederholt für eine Reform des Schulsystems aus, hält seine Schützlinge aber für den wahren Missstand. Am Kafka-Gymnasium, der Name weist bereits darauf hin, ist nichts, wie es scheint.

Freischwimmer

Freischwimmer versucht sich permanent der Einordnung in gängige Genreformate zu entziehen. Kurz fühlt man sich an Rian Johnsons Brick (2005) erinnert, der Noir-Erzählstrukturen mit all ihren Standardcharakteren in die amerikanische High School übertrug. Als Femme fatale bietet Kleinert Regine an, die mit ihrer blonden Haarpracht ein bisschen an Patricia Arquette in Lynchs Lost Highway (1997) erinnert. Schon nach kurzer Zeit geht das Teenagerdrama dann in einen makabren Thriller mit modernen Schauermäranklängen über, in dem das „Whodunit“, die Frage nach Roberts Mörder, für eine Weile in den Schatten gestellt wird von einem Komplott, das den Liebesknochentod bald vergessen macht. Umso enttäuschender ist es, wenn dessen Aufklärung schließlich in einer Art Anti-Klimax doch wieder in den Vordergrund tritt.

Freischwimmer

Überhaupt kämpfen in Freischwimmer viele, gar zu viele Erzählstränge und Wendungen um Aufmerksamkeit. Zur Folge hat das leider, dass dem Film eine Konsistenz fehlt, die all das in Balance halten könnte, und einer sich bald breitmachenden Langeweile und Desensibilisierung vorbeugen würde. Zumal Kleinert mit seinem fröhlichen, freien Assoziationsspiel bis zuletzt am liebsten die Doppelbödigkeit seiner Charaktere und Handlungsstätten feststellt. Hinter der pittoresken Kleinstadtfassade tun sich also Abgründe auf, das Schwimmbad wird zum Austragungsort von familiären und pubertären Konflikten, der beschauliche deutsche Wald beherbergt vielleicht doch den bösen Wolf, und die Kirche, in der neben Gott eine detektivische Pfarrerin regiert, wird zum Gerichtssaal, in dem per Video die Schuld eines tyrannischen Lehrers bewiesen wird. Dann gibt es noch einen scheinbaren Psychopathen, der – in einer Szene, die all diese Orte vereint – auf der Kanzel über einem leeren Schwimmbad im Wald thront, das als Klassenzimmer herhält.

Freischwimmer

Zweifelsohne lebt der Film von selbstironischer Überzeichnung. Doch gelegentlich gelingt es Kleinert auch, das Aberwitzige einer Situation nicht gleich herauszuposaunen, sondern sie durch Understatement bedrohlich zu machen. Von diesen Augenblicken gibt es allerdings wenige, die zudem im Anschluss immer gleich wieder relativiert werden.

Ein Abziehbild der Wirklichkeit will Freischwimmer nicht sein, das wird er nicht müde zu konstatieren, seine überstilisierte Postkartenästhetik zeigt das von Anfang an. Wie Kleinert in einem Begleitkommentar vermerkt, „der Film ist eine Polemik gegen einen schicken filmischen Realismuswahn“. Und Realismus wird hier zuerst einmal als Stilkonzept verstanden, das Freischwimmer überwirft. Wenn eine der Darstellerinnen im Bild von einer großen, rechteckigen Glasfassade eingerahmt wird und man kurz den Eindruck einer zweiten Leinwand bekommt, mag das eventuell auf Bazins Theorie von Film als einem Fenster zur Welt verweisen, dann aber nur als Negation.

Freischwimmer

So weit so gut, wäre da nicht der Anspruch von Freischwimmer, zur gleichen Zeit doch eine Allegorie auf eine Gesellschaft zu sein, unter deren idyllischer, modellhafter Oberfläche sich Brüche in der Form eines übergreifenden Gewaltpotenzials abzeichnen und bewahrheiten. Und hier misslingt Kleinert ein wirksames Spannungsverhältnis, sein Film erscheint in erster Linie als Formübung, die nicht genug über sich selbst hinaus verweist. Wenn wir am Ende mit den Protagonisten in einer weiteren selbstreflexiven Dopplung im Kino sitzen und der Film diesmal als Film-im-Film beginnt, kommt man nicht umhin, das verspielte Zeichenwirrwarr von Freischwimmer als eine sehr zahme Version eines „bösen Märchens“ zu sehen. Durch das ständige Konterkarieren seiner selbst und den schicken filmischen Anti-Realismuswahn geht dem Film einfach der rechte Biss verloren.

Trailer zu „Freischwimmer“


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