Freiheit

Locarno 2017: Johanna Wokalek und die Freiheit von und zu. Oder was mit Schauspielern in deutschen Filmen so passiert.

Freiheit 1

Es gibt Schauspieler, die sind unmittelbar da, ganz egal, wie viel sie spielen sollen oder müssen und in welche Situationen ihre Rollen geschickt werden. Schauspieler, bei denen es nicht einleuchten will, dass sie nicht viel öfter zu sehen sind, wie Johanna Wokalek. Freiheit von Jan Speckenbach schickt sie auf eine Reise, lässt erst vieles offen, um es später zu erklären. Von Beginn an steht die Gegenwart von Wokalek dem, was der Film sucht, irgendwie im Weg. Er hat eine Frau zur Protagonistin, die flieht und die ein bisschen unberechenbar ist. Wokalek ist genau das.

Unmittelbarkeit, die keiner Erklärung bedarf

Freiheit 3

Es prasseln lauter Reize auf die Frau mit den wechselnden Vornamen ein. Viele haben mit Sex zu tun, und fast alle mit der Objektivierung von Frauen. Sie lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Doch weiß sie auch nicht, wann sich den Situationen zu entziehen. Von Berlin ist sie abgehauen, über Wien reist sie, in Bratislava landet sie. Ein junger Typ quatscht sie mit lahmen Sprüchen im Supermarkt an, sie landen im Bett. Auf einer Aussichtsplattform lernt sie eine Frau kennen, die vor Publikum Sex performt und sie zur nächsten Show einlädt. Die Wirklichkeiten, die der Film imaginiert, sind mit dem heterosexuellen männlichen Blick codiert, ein male gaze guckt ihr auf die Strümpfe und will sie dabei gerne geheimnisvoll wirken lassen.

Freiheit 6

Wokalek taumelt durch die Stationen, ihr Blick schweift, wenn er schweifen soll, verengt sich, wenn die Welt sie einholt, aber sie ist dabei kein Gespenst und erst recht keine Femme fatale. Sie ist viel spannender als das, weil die Abwesenheit, die sie spielt, sich nicht aus einer Konstruktion speist, keine Reaktion ist auf die absurden Zuspitzungen eines Drehbuchs, das Weiblichkeit vom Mann her denkt. Vielleicht stimmt auch gar nicht, dass Wokalek dem im Weg steht, was der Film sucht, denn im besten Fall wollte er genau das von ihr, diese Unmittelbarkeit, die keiner Erklärung bedarf. Aber sie steht zumindest dem im Weg, was der Film kann. Sie durchkreuzt ein ums andere Mal die Strategien, Freiheit als negativen Begriff zu verstehen: als Freiheit von Abhängigkeiten und Einschränkungen, etwa durch ein bürgerliches Lebens. Wokalek spielt immerzu den positiven Begriff, den einer Freiheit zu – zum Leben, zum Träumen, zum Widerstand. Auch wenn dieser Widerstand gar keinen so klaren Gegenstand hat.

Fassaden, die sich als Story verstehen

Freiheit 2

Die Spannung zwischen dem, was die Hauptdarstellerin gibt und was zum Beispiel ihr Gegenspieler tut, der Mann, vor dem sie, wie Freiheit uns dann eintrichtern will, geflohen ist, erscheint riesig. Hans-Jochen Wagner ist, das wäre dann vielleicht auch als Meta-Kommentar innerhalb des Films zu verstehen, durch und durch im Schauspiel gefangen. Seine Präsenz ist immer eine Behauptung, eine, die vielleicht vor allem sich selbst davon überzeugen will, dass es da eine Figur gibt, die es zu erschaffen lohnt. Es gibt nicht viele Hinweise darauf, dass das zutrifft. Denn sobald der Film im Parallelschnitt zur Geschichte der Verlassenen (er, zwei Kinder und eine Freundin) schneidet, ja sobald er in Berlin ist, gibt es nur noch Fassaden. Allerdings keine glänzenden oder funkelnden, sondern solche, die sich als Story verstehen, Backstory, Hintergrund, Handlung als Offenbarung von Tiefenpsychologie. Sie genügen sich nie selbst, sondern sind das Etwas, damit es eine Freiheit von ihnen geben kann.

Freiheit 7

Jan Speckenbach, der in seinem Debüt Die Vermissten bereits einiges darauf verwandte, Stimmungen für sich sprechen zu lassen, legt mit Freiheit ein Zwischenwerk vor, das einen Realismus der Konventionen nicht hinter sich lassen kann oder will, das die Autonomie des Kinos aber sucht. Ein paar surreale Projektionseffekte zwischendrin zeigen nicht nur, wie schön es sein kann, wenn Bilder auf Menschen und Gegenstände gebeamt werden, sondern auch, wie nah das Fremde am Alltäglichen ist. Der Film spannt sich auf, als kenne er eine andere Welt, eine, die sich nicht zu erklären braucht, die den männlichen Blick auf Frauen ablegen oder sich eingestehen kann, die Sex nicht als ein zu brechendes Tabu inszeniert, sondern zeigt, was sie meint. Freiheit ist nicht dieser Film, aber Wokalek gibt eine Ahnung davon, wie er sich herausschälen ließe. Vielleicht ist es doch kein so großes Wunder, dass sie im deutschen Kino zu selten zu sehen ist.

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