Freeze Frame

John Simpsons Debüt ist ein radikaler, teilweise utopischer Mediendiskurs über die Bedeutung der Bilder im Zeitalter des Reality-TV und der Videoüberwachung. Die Kriminalgeschichte hinterfragt die Beweiskraft der Aufnahme und spart dabei nicht mit sozialkritischen Anspielungen.

Freeze Frame

Seitdem Sean Veil (Lee Evans) vor zehn Jahren vom Verdacht des Dreifachmordes freigesprochen wurde, filmt er jede Sekunde seines Daseins. Ohne Werbepause wird sein Leben von Dutzenden selbst installierten Kameras verfolgt. Was er auch tut, er glaubt an die Authentizität der Aufnahme. Sein selbsterdachtes Motto dabei lautet „Off camera is off guard“. Sollte es erneut zu einer Anklage kommen, sind es eigener Logik zufolge die tausenden archivierten Kassetten, die ihn entlasten werden. Seiner Befürchtung wohnt die Ironie inne, dass sich ein zukünftiger Gefängnisaufenthalt nur geringfügig von der selbst auferlegten Totalüberwachung der Gegenwart unterscheiden würde. Sean Veil ist Gefangener einer unaufhörlichen Sucht nach visuellen Beweisen. Sein Handeln wird von dem kafkaesken Gedanken, schuldig zu sein, ohne Schuld zu haben, determiniert. Beinahe würde sich diese Paranoia als Farce entpuppen. Ein todkranker Polizist und ein profilierungssüchtiger Autor haben es sich jedoch zur Aufgabe gemacht, Veil hinter Gitter zu bringen. Als sie ihn erneut des Mordes beschuldigen, fehlen die entscheidenden Aufnahmen, welche seine Unschuld beweisen sollten. Lediglich eine Reporterin scheint auf seiner Seite zu sein, doch ihre Gründe liegen im Dunkeln.

Veil verkörpert die Privatisierung des Orwell’schen Gedankens vom großen Bruder. In Zeiten, in denen permanente Kamerapräsenz zu einem normalen Bestandteil urbanen Lebens geworden ist, ist es nicht mehr nur der Mensch, den die multimediale Aufmerksamkeit verändert. Das Medium selbst durchläuft eine Transformation. Die Artifizialität der Aufnahme wird abgelegt und ersetzt durch den unhinterfragten Glauben an das Bild als Indikator der Wahrheit. Freeze Frame (2004) stellt diese Beweiskraft in Frage. Der Film ist inhaltlich eine klaustrophobische Kriminalgeschichte, angesiedelt im digitalen Zeitalter der Totalüberwachung und der Nivellierung des Ichs. Nicht grundlos lautet Veils Name in deutscher Übersetzung „Schleier“. Jener scheint über der Wahrheit zu liegen und von keiner Linse durchdrungen werden zu können.

Freeze Frame

Die Filmsprache nennt eingefroren wirkende Standbilder, die mehrheitlich im Eastern der 70er- und 80er-Jahre Verwendung finden, „freeze frames“. Der Begriff wird in John Simpsons Film gewollt doppeldeutig verwendet. Um ein bestmögliches Bild von Veils kalter Umgebung zu vermitteln, versieht der Autor und Regisseur die düstere Handlung mit entsprechender Kulisse. Beinahe monochrom sind die Aufnahmen, die Bilder mehrheitlich in kalten Grau- und Blautönen gehalten. Vervollständigt wird das emotionslose Erscheinungsbild durch das Einblenden von Timecodes und wechselnde Auflösungen, die nahezu alle Szenen durchziehen.

Der Zuschauer verfolgt die Handlung über lange Strecken aus einer der Überwachungskameras, was ihn unfreiwillig, aber auch unausweichlich zum Voyeur macht. Das gibt Sean die Rechtfertigung für seine Handlungen und dem Zuschauer Raum für ein Hinterfragen der Begriffe von Wahrheit und Trugschluss. Die Montage zwischen Film- und Videoaufnahmen ermöglicht dabei wechselnde Perspektiven auf die einzelnen Szenen. Das bestärkt den Glauben an die Wahrheit des Dargestellten, das aus verschiedenen Perspektiven gezeigt immer die gleiche Handlung beinhaltet. Simpsons low-budget Film spart nicht mit Sozialkritik an gegenwärtigen Medienphänomenen der Marke „Big Brother“.

Freeze Frame ist eine ambitionierte Infragestellung der gegenwärtigen Medienlandschaft. Die Kälte des Films wird sowohl von seiner Ästhetik als auch von den scheinbar gleichgültigen Charakteren ehrgeizig umgesetzt. Lee Evans spielt Sean Veil als durchweg unsympathische Figur, die kaum Raum für Identifikationen lässt. Die an Memento (2000) angelehnte Handlung komplettiert zusammen mit der an Blair Witch Project (1999) erinnernden Kameraführung den guten Eindruck. Dieser hält jedoch nur die ersten 60 Minuten des Filmes an. Die Überästhetisierung der Aufnahmen ist es, die dem Film gegen Ende zum Verhängnis wird.

Freeze Frame

John Simpson scheitert daran, offenbar gleichzeitig einen Krimi und eine Medienkritik drehen zu wollen. Die in der offiziellen Filmbeschreibung lobend erwähnten Plottwists machen aus den letzten Filmminuten ein verwirrendes und enttäuschendes Mörder-Ratespiel. Gezielt platzierte Verdachtsmomente sind von zentraler Bedeutung für jede Kriminalgeschichte. Diese liegen bei Freeze Frame aber bereits in der visuellen Umsetzung und der damit verbundenen Medienkritik. Eine verworrene Handlung wäre somit nicht notwendig gewesen. Stattdessen droht eine Überreizung und damit ein erschwerter Zugang zum eigentlichen Anliegen.

Es bleibt ein Film, der durch intelligenten Einsatz der technischen Mittel eine ungewohnt kühle, stilsicher umgesetzte Atmosphäre schafft und gekonnt zum Nachdenken über die Psychologie der Vertrauenszuschreibung im Zeitalter manipulierbarer, digitaler Medien anregt. Der dafür notwendige Rahmen ist überzeugend, lässt die Handlung jedoch zum notwendigen Beiwerk verkommen. Atmosphärische Bilder zu flachem Plot sind seit Barbarella keine Neuheit mehr. Freeze Frame lässt dagegen Potential zu mehr erkennen. Idealerweise vereinen sich Handlung und Produktion zu einem stimmigen Gesamtwerk. Man mag John Simpson für seine weiteren Filme einen Plot wünschen, der seinem technischen Können gerecht wird.

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Kommentare


7an

Gelungene Kritik. Diese Feuilleton-Sprache muss man erst mal drauf haben.


Toby

Informativ veranschaulicht und sehr ansprechend verfasst. Für den Einstand mehr als gelungen. Respekt!


John

Keine sehr gute Kritik, da der Plot absolut nicht verwirrt und logisch ist... sonst aber ok!
Freeze Frame ist einer der besten Filme des Jahres!






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