Free Rainer

Der Kampf geht weiter. Nach einem Angriff aufs Kapital mit Die fetten Jahre sind vorbei nimmt Hans Weingartner nun die Quotendiktatur des deutschen Fernsehens aufs Korn und verpasst der Unterschichtsdebatte einen Schuss utopische Energie.

Free Rainer

Wer jemals für das Privatfernsehen gearbeitet hat, der weiß, dass Sprüche wie „Unsere Zuschauer sind opportunistisches Pack“ nicht Zuspitzungen eines Drehbuchautors sind, sondern manchen Programmachern leicht über die Lippen gehen. Schlimmer noch als diese offene Verachtung der eigenen Zielgruppe ist die gebührenfinanzierte Hinwendung zu Billig- und Boulevard-Formaten mit der öffentlich-rechtlichen Begründung, man sei doch verpflichtet, für die größtmögliche Masse zu produzieren. Bildungsauftrag? Wir finanzieren doch schon arte als Feigenblatt. Wer etwas für manchmal nostalgisch anmutende Werte wie Aufklärung und Diskussionskultur übrig hat, den macht die hiesige Senderpolitik fassungslos. Und der hat sich vielleicht schon einmal einen richtig bösen Film über die Glotze als Verdummungsinstrument gewünscht.

Free Rainer

Einen richtig bösen Film hat Hans Weingartner nicht gemacht, dafür einen, der die Kraft positiver Veränderung feiert. „Ich glaube an die Intelligenz der Masse“, erklärt der Regisseur im Interview. Und so entwirft er in Free Rainer – dein fernseher lügt das satirische Szenario einer deutschen Selbstbefreiung vom sogenannten Unterschichtsfernsehen. Moritz Bleibtreu mimt Quotenkönig Rainer, der zunächst alle TV-Produzenten-Klischees mit Verve erfüllt: dickes Auto, dünne Blondine als Freundin, Luxusloft über den Dächern Berlins, Zynismus als Erfolgsrezept und Koks, bis das Blut aus der Nase spritzt. Unvermittelt stürmt die junge Pegah (Elsa Sophie Gambard) als Racheengel in Rainers Leben. Ihr Großvater wurde durch eine Sensationsshow in den Suizid getrieben, jetzt rammt Pegah mit voller Wucht den Jaguar des Programmmachers. Auf dem Weg zur Notaufnahme wird Rainer von Visionen entsetzlicher Freakformate heimgesucht: Ein debiles Saalpublikum soll entscheiden, ob ihm die lebensrettende OP gewährt wird. Der Daumen der Moderatorin zeigt zwar nach unten, doch Rainers schockstarre Augen gehen auf. Schon im Krankenhaus humpelt er zur verletzten Pegah und gesteht: „Ich hab’s nicht anders verdient. Du kannst mich unmöglich mehr hassen als ich mich selbst.“

Die moralische Kehrtwende, die Rainer daraufhin vollzieht, ist so unglaubwürdig, dass der Film sie möglichst schnell hinter sich bringt. Mit einigen Plotsprüngen wird der Produzent zum Quotenrevolutionär, der gemeinsam mit Pegah ein Grüppchen sozialer Problemfälle um sich schart und aus den ehemaligen Arbeitslosen subversive Volkserzieher macht. Mastermind der Anti-Trash-TV-Bewegung wird Verschwörungstheoretiker Phillip (Milan Peschel), der über das nötige Insiderwissen der „IMA“ – der Gesellschaft zur Quotenermittlung (in der Realität die Gesellschaft für Konsumforschung GfK) – verfügt. Dort werden täglich aus den Daten der rund 5500 deutschen Testhaushalte die einzelnen Marktanteile des gesamten Fernsehprogramms hochgerechnet – Zahlen, von denen die Werbeeinnahmen und damit Wohl und Wehe der Sendungen abhängen. Was, wenn nun plötzlich arte oder Phönix aus dem nichtmessbaren Bereich aufstiegen und zu Marktführern würden? Was, wenn Fassbinderfilme zur Prime Time liefen und nicht mehr das Musikantenstadl? Rainer und seine Mitstreiter manipulieren die Quoten, verändern damit das Programm und schließlich auch die Sehgewohnheiten der Menschen. „Hirn an, Glotze aus“, so die fiktive Schlagzeile der taz, die von einem geistigen Frühling in Deutschland kündet. Bücher und Sozialkontakte sind plötzlich wieder in.

Free Rainer

Hans Weingartner glaubt daran, mit seinen Filmen die Welt verändern zu können, zumindest ein bisschen. Das mag naiv, absolut unterstützenswert oder beides auf einmal sein. Wie schon bei Die fetten Jahre sind vorbei (2004) will der Regisseur mit seiner dritten Kinoarbeit im Zuschauer eine beschwingte, positive Energie erzeugen. Die drei Freunde aus Die fetten Jahre sind vorbei, TV-Aussteiger Rainer und Weingartner selbst, sie alle sind „Erziehungsberechtigte“, die gesellschaftliche Missstände mit Humor und Kreativität anprangern. Richtig weh tut Free Rainer dabei nicht, auch wenn der Film in seinen besten Momenten und ganz nebenbei Parallelen zwischen Massenmanipulation und faschistischer Propaganda zieht, Redakteure als „Mitläufer“ beschimpft werden und der Senderchef Gründgens (Peer Jäger) sein Büro in einem NS-Bau hat. Dennoch entsteht der Eindruck, es mit einem Weltverbesserungs-Franchise zu tun zu haben, das sich zu sehr ans bewährte Muster des vorigen Films hält, bis hin zum Marketinggag für die urbane Sichtbarkeit: Was der Aufkleber „Die fetten Jahre sind vorbei“ für Laternenpfähle oder Fußgängerampeln war, ist nun der Slogan „Befreiter Haushalt“ als Schlüsselanhänger und das Signet einer Sonne als Markierung auf Verteilerkästen. Am Ende wartet auf die Gesellschaftsutopisten schon die nächste Mission. „Wir machen weiter!“ hieß es auch in Die fetten Jahre sind vorbei.

Schade ist, dass vor lauter Plot die Figuren nicht differenzierter entwickelt werden. Selbst als Karikatur bleiben sie etwas zu eindimensional – so wie Rainer, als er noch auf der bösen Seite stand. Auch Pegahs Aufgabe besteht ein wenig zu häufig darin, in einer engen Lederjacke gut auszusehen und von schräg unten rebellische Blicke zu werfen. Vielleicht ist das ja gut für die Quote. Aber reicht es für die Revolution?

Kommentare


Dino Martini

Sehr gute Kritik.


hqz

Schöne Kritik!


tilman

kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen.. Die fünfte Kritik die ich zu diesem Film lese und die mit Abstand beste.






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