Free Fire – Kritik

Genre auf einem Reiskorn: Ben Wheatley kocht seine Gangsterkomödie auf eine lange Schießerei herunter – und konzentriert sich dabei so sehr auf sein ironisches Gehabe, dass auch nach tausend Kugeleinschlägen kein Blut fließen will.

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Wie kaum ein zweites geißelt sich das Genre der Gangsterkomödie selbst – mit Zynismus, Ironie und dem Zwang zur Selbstreferenz. Innerhalb dieses Rahmens gelingt es nur wenigen, aus dem gewaltigen Schatten auszutreten, den die Popularität von Tarantino auf das Genre geworfen hat. Oft bleibt zwischen Schusswechsel und hoffentlich humorvollem Popkultur-Gefasel vor lauter Ironie nicht der Mut übrig, eine Inszenierung ohne permanentes Augenzwinkern zu betrachten. Dass nun gerade Ben Wheatley und Drehbuchautorin Amy Jump sich der Gangsterkomödie widmen, lässt zumindest auf einen Querschläger hoffen, wie ihn etwa Paul Schrader mit Dog Eat Dog (2016) abgeliefert hat, finden sich in Wheatleys Filmografie doch zahlreiche Beispiele für mutige und durchaus auch nervige Genre-Experimente auf mitunter sehr dünnem Plotfundament. Bereits in seinem Debütfilm Kill List (2011) verwob er okkulten Horror à la Wicker Man (1973) mit der kargen Härte eines Cronenberg-Thrillers. Mit A Field in England (2013) strich Wheatley den Plot fast vollständig und schuf eine Art Bottle-Episode-Kinofilm, der sich, lose im Horrorfilm verankert, mit Hilfe einiger Pilze ins Psychedelische auffächerte.

Reduktion bis zur Ursuppe

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Free Fire verkehrt diesen Effekt ins Gegenteil, bleibt aber gleichzeitig grundlegend der Bottle-Episode-Logik treu: Fast der gesamte Film spielt am gleichen Handlungsort und entpuppt sich als eine einzige, durchgehende Szene. So vereint er die Fallstricke der Gangsterkomödie mit denen des fast vollständigen Verzichts auf einen Plot. Das klingt erstmal nach einer sehr reizvollen Idee: Warum nicht das Genre auf eben jene Elemente reduzieren, die häufig der Grund für sein Scheitern sind? Wheatley kocht den Film also so weit ein, dass nur eine Essenz aus Ironie, Zynismus und Gewaltexzessen übrigbleibt.

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Um dieses Experiment auszutragen, kommen zwei Gangster-Fraktionen vor einer Lagerhalle zusammen: eine aus Großbritannien und Irland, geführt von Michael Smiley und Cillian Murphy, eine andere aus Nordamerika, geführt von Armie Hammer. Zwischen ihnen steht Justine (Brie Larson), die Frau, die den interkontinentalen Deal mit eingefädelt hat. Nach ein paar Dialogscharmützeln ziehen die in 1970er-Kostüme gehüllten Gangster im Gänsemarsch in die Halle ein, in der das Waffengeschäft stattfinden soll. Nur hat der Händler Vernon (Sharlto Copley) nicht die bestellten Gewehre anzubieten, sondern nur Kisten voll veralteter Modelle. Mit dem Tempo einer Pornoszene eskaliert das Geschehen dann, von Faustschlägen bis zur Schießerei, bis alle Anwesenden in einer der zahlreich verstreuten Deckungen der Lagerhalle kauern. Von dort aus wird erstmal geballert, während metallische und verbale Querschläger für ein gefordertes Mindestmaß an Exposition und Dynamik sorgen.

Postmoderne Pappkameraden

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Dabei ziehen die Schusswechsel zwar kontinuierlich an, von Streifschuss bis Schädelspalter, doch je mehr Figuren Wheatley vom Brett räumt, desto deutlicher wird, dass Schlagabtausch und Genre-Reduktion auf einen Patt zusteuern. Wheatley zwängt sich mit der rigorosen Reduktion so sehr ein, dass er schließlich nichts mehr mit ihr anzufangen weiß. Nachdem mit dem ersten Schuss auch ein Adrenalinstoß ausgelöst wird, gibt es lange nur trockenes Brot zu kauen. Lustlos arbeitet sich Free Fire durch die Spleens der einzelnen Figuren, die als reine Platzhalter seiner Humormasche immer wieder mit ironischem Gehabe die Situation kommentieren. Entsprechend dieser Platzhalterrolle ist es eben auch völlig egal, ob und wann diese Figuren mit welcher Verletzung aus dem Rennen scheiden.

Wheatley inszeniert das aus der sicheren Distanz, lässt kein Interesse an seinen Figuren erkennen, bringt dabei aber auch nicht die Stärken seines postmodernen Modus hervor. Weder lenkt er den Film auf eine Meta-Ebene noch zu den Vorbildern hin, die er mit den 1970er-Köstumen beschwört. Free Fire bleibt 1990er-Pastiche, ein mit Zynismus und Ironie zusammengestutzer Leerkörper, aus dem auch nach tausenden Kugeleinschlägen einfach kein Blut mehr austreten will.

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