Franz + Polina

Ein weißrussisches Bauernmädchen und ein SS-Soldat verlieben sich und versuchen gemeinsam, den Zweiten Weltkrieg zu überleben. Eine schwierige Konstellation, die der Regisseur Michail Segal zugleich in schrecklichen und schönen Bilder zeigt.

Franz+Polina

Im Wasser tollen die Kinder, die rotbackigen Äpfel wollen gepflückt werden, und allmählich kehren die Dorfbewohner aus ihren Verstecken im Wald zurück in ihre Häuser. Die hässliche Fratze des Krieges hat sich für kurze Zeit als sonnenbeschienenes Sommeridyll maskiert. Doch die in goldenes Licht getauchten Postkartenbilder tragen das falsche Datum: „Weißrussland 1943“. Über den friedvollen Hochglanz ziehen auf Unterhemden oder Armbinden hin und wieder die zackigen Runen der Waffen-SS schwarze Schlieren, der fröhliche Klang der Orchestermusikbegleitung verdichtet sich im Verlauf des Films mehr und mehr zum zynisch dröhnenden Score, zur schmerzvollen Erinnerung an bessere Zeiten.

Wenn die Zeiten bessere wären, dann wäre der junge deutsche Soldat Franz (Adrian Topol) Polinas (Swetlana Iwanowa) Freund und könnte dem weißrussischen Mädchen weiterhin unbedarft nachstellen. Als ihr Feind aber soll er sie vergewaltigen. Bevor er zu dieser Tat gedrängt werden kann, sammelt seine SS-Einheit nach nur kurzer Verschnaufpause erneut ihre Kräfte, und die deutschen Soldaten liquidieren die Bevölkerung des kleinen Bauerndorfes. Der verliebte Franz verhindert indes den Tod Polinas und ihrer Mutter; die drei überleben den grausamen Angriff im Kellerloch verkrochen. Anfangs noch kitschig-naiver Heimatfilm geht Franz + Polina mit diesem Massaker in einen Antikriegsfilm über, indem er nicht mehr die unschuldige Verliebtheit, sondern die verzweifelte Lage der beiden Protagonisten fokussiert. Sie kämpfen gemeinsam um ihr Überleben, gegen Kälte, Hunger und Schmerzen – überdies von der Angst besetzt, Franz’ Identität könnte entweder von russischen Partisanen oder den deutschen Truppen enttarnt werden.

Franz+Polina

Nach der Novelle Der Stumme des weißrussischen Schriftstellers Ales Adamowitsch (1927-1994) übersetzt Regisseur Michail Segal die schwierige Liebesgeschichte von Franz und Polina in eine Bildsprache, die vom schmerzenden Kontrast zwischen Schönheit und Hässlichkeit getragen wird. So sind die Landschaftsaufnahmen seines Kameramannes Maksim Trapo stets von großer Schönheit, doch, was sich vor dieser Kulisse abspielt, ist grauenvoll. Polinas Dorf am Fluss brennt in einer Panoramaeinstellung ab, das Farbenspiel zwischen Feuer und der anbrechenden Nacht verschmilzt zum visuellen Erlebnis, dessen malerischer Anblick unerträglich ist. Ähnlich furchtbar wie ästhetisch gestaltet sich eine von Franz und Polinas Fluchten durch den Wald. Während sie um ihr Leben rennen, stellt sich ihnen der Wald in einer vom Schnee weichgezeichneten Totalen mit romantisch-verwunschenen Baumstammreihen entgegen, zwischen denen die Silhouetten deutscher Soldaten nur schemenhaft zu erkennen sind. Dass die Sonne trotzdem ungerührt untergehen und die Jahreszeit immer noch wechseln kann, scheint angesichts der furchtbaren Taten der deutschen Truppen zynisch.

Obwohl Segal auf die Bedeutung seiner Bilder mit zum Teil recht plakativen kontrastiven Mitteln hinweist, wie zum Beispiel dem Wechsel von den warmen Farbtönen des kitschigen Filmanfangs zu den kalten, grauen Bildern ab der Auslöschung von Polinas Dorf, bietet der russische Theater-, Musikvideo- und Werbefilmregisseur in seinem Spielfilmdebüt einen bedrückenden Einblick in die Situation der weißrussischen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. Wenngleich häufig vorhersehbar und wenig subtil inszeniert, gelingt es insbesondere den beiden Hauptdarstellern, der Unfassbarkeit des Krieges ein Gesicht zu geben. Sowohl Adrian Topol als auch Swetlana Iwanowa schaffen es verstörend gut, den Wandel von anfänglicher Unschuld und naiver Verliebtheit zu Verzweiflung, Todesangst und einer tiefen Liebe wiederzugeben. In ihren Gesichtern, aber auch in denen anderer, steht die heikle seelische und körperliche Verfassung der Zivilbevölkerung geschrieben. Wie Stolpersteine im Bilderfluss spiegeln wiederkehrende frontale Großaufnahmen verschiedene mentale Zustände der Filmfiguren wider – vom unbekümmerten Spiel am Flussstrand bis zum Mord aus Rache.

Franz+Polina

 Es ist das Lesen in ihren Gesichtern und die ungeschönte Darstellung von verfolgten Menschen, die weder in der Natur noch in Flüchtlingstrecks Schutz finden, mit denen Franz + Polina mit den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs abrechnet. Beim Festival des Osteuropäischen Films in Cottbus 2006 erhielt Segal für diese Kriegsaufarbeitung und Liebesgeschichte den Dialog-Preis für die Verständigung zwischen den Kulturen.

Aber obwohl Franz + Polina ambitioniert und eindrücklich die NS-Verbrechen in Weißrussland zeigt, bleibt eine differenzierte Auseinandersetzung durch die größtenteils gefühlsgeführte Inszenierung und eine kolportagehafte Liebespaarkonstellation aus. Ambivalente Figuren wie Franz’ Vorgesetzten oder Polinas Partisanen-Bruder streift der Film nur am Rande; die Konzentration auf zwei aufgrund ihrer Jugend und Arglosigkeit unschuldige Figuren verengt den Plot auf die Opferperspektive, was Mitgefühl ? auch für den deutschen Soldaten ? einfach macht. Dies kann allerdings in Bezug auf diesen nur entstehen, weil dessen aktive SS-Vergangenheit ausgeklammert wird. Die anrührende Geschichte von Franz und Polina überschreitet dennoch selten die Grenze zum Kitsch, nimmt von jeglichem Optimismus Abstand und hinterlässt viele Fragen, die zur weiteren Auseinandersetzung anregen.

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