Frank

Von der Pose der losen Teppichfluse zur verschrobenen Popminiatur – zusammen mit den Soronprfbs tobt sich Michael Fassbender unter einem großen Kopf aus Pappmache zwischen Can und Joy Division aus.

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Geworfen in den unaufgeregten Alltag eines harmlosen Mittelklasselebens, ringt der von Mixtapes und Streaming-Diensten durchinformierte Songwriter Jon (Domhnall Gleeson) quäntchenweise um Schöpfergeist und künstlerischen Ausdruck: „Ladies have babies, that’s how it works“, dichtet er angestrengt, während er durch die Straßen einer englischen Kleinstadt läuft und an einer Frau mit Kinderwagen vorbeigeht. Für viel mehr reicht es in der Regel nicht. Hat sich doch mal eine Songidee vor der des Künstlers Schaffen bedrohenden Mittelmäßigkeit – in persona: Ma, Pa und der Nudelauflauf – bis ins Homestudio gerettet, wütet auch prompt Jons innerer Kritiker los und drückt auf Delete. In knappen Einstellungen huscht der Film durch diese anscheinend eingespielten Abläufe, zeigt Jon im aufgeräumten Jugendzimmer, den hübsch bereitstehenden Nord-Lead-Synthesizer und das Apple-Notebook. Mit nur einem Klick ist Jon auch schon von der Recordingsoftware zu Twitter gesprungen, von wo aus er statt an Songs lieber vor einer knapp zweistelligen Follower-Gemeinde – die anschauliche Zahl und ihr langsamer Anstieg ist dem Film wichtig – an der eigenen Künstleridentität weiterschreibt.

Der Mann ohne Eigenschaften

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Jons kleinkünstlerischem Zaudern wird in Frank die ganzheitliche Kunstbegegnung der titelgebenden Figur entgegengestellt, die lose auf einem Alter Ego des hierzulande wenig bekannten britischen Komikers Chris Sievey beruht: Frank (Michael Fassbender) ist der geheimnisvolle Sänger einer experimentellen Rockband mit dem sprechenden Namen Soronprfbs, auf deren Bühne sich Jon nach einer Verkettung unwahrscheinlicher Zufälle als Aushilfskeyboarder wiederfindet. Irritiert muss Jon feststellen, dass Frank einen großen Kopf aus Pappmache auf den Schultern trägt, der sein wahres Gesicht nicht nur auf der Bühne verbirgt.

Denn dieses Utensil ist für Frank nicht bloß karnevaleske Maskerade. Zunächst funktioniert der Kopf in seiner betonten Ausdruckslosigkeit wie eine ausgestellte Auslöschung persönlicher Eitelkeit und bewahrt seinen Träger so vor Abgebrühtheit, Professionalität und Zynismus. Im Gegensatz zum selbstkritischen Jon ist für Frank dementsprechend keine Beobachtung zu profan, um nicht in einer seiner verschrobenen Popminiaturen zelebriert werden zu können: Selbst im Idiom einer knarrenden Tür oder in der eigenwilligen Pose einer losen Teppichfluse, der Film dekliniert das in kurzen Montagesequenzen verspielt durch, findet Frank noch Inspiration, die er in einen hitzig herbeiassoziierten Sprechgesang gießt – Jons minimal expressiver Lyrik vom Anfang gar nicht unähnlich.

Beständiges Entziehen

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Mit solcher Kreativstrahlung befeuert Frank wie ein leuchtender Inspirationspulsar auch sein unmittelbares Umfeld: Die dauerhaft erratische Miene des Bandleaders verweigert eindeutige Lesbarkeit und zwingt seine Mitmusiker, auf ihre eigenen Impulse zu hören. Doch solch eine Spiegelsituation muss natürlich erst mal ausgehalten werden, was eben gerade Jon von Anfang an, man kann es sich denken, sehr schwerfällt. Denn in seinem künstlerischen Programm ist kein Platz für die Idee, dass Franks beständiges Entziehen eine Spannung erzeugt, die gerade nicht gelöst, sondern nur ausgehalten werden kann. Und so ist auch die einzige Frage, die Jon zu Franks Marotte überhaupt sinnvoll erscheint, ob er die Maske denn jemals absetze.

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Jon kann dem wandelnden Enigma nur dadurch begegnen, dass er es aus dem Schatten ins Licht ebenjener Bretter zerrt, die zumindest für ihn selbst und seine Geltungssucht die Welt bedeuten: Kaum zum festen Bestandteil der Band avanciert, beginnt er heimlich, Franks eigenwillige Aktionen mit dem Smartphone zu filmen, um die Clips mithilfe von YouTube & Co ins Scheinwerferlicht einer immer weniger imaginierten Öffentlichkeit zu stellen. Denn im Netz werden Franks erratische Probe- und Kompositionstechniken dankbar angenommen. Die Zahl von Jons Twitter-Followern steigt, und schließlich steht der Band gar ein Auftritt beim legendären Musikfestival SXSW bevor. Jons Vereinnahmung glückt, Franks Schaden ist gründlich – sein Leuchten erlischt.

Joy Division, Can und Daniel Johnston

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Auf solche Art spielt der Film zwei grundsätzlich unterschiedliche Popzugänge stellenweise durchaus unterhaltsam gegeneinander aus. Besonders wenn die Soronprfbs im Proberaum gemeinsam losrocken, setzt der Film ihren Sound schön dreist zwischen die Stühle von Joy Division, Can und Daniel Johnston. Überhaupt nutzt der Film zum Beispiel während der Szenen von den Proben der Band Franks avanciert nach vorn preschendes Popfunkeln gut, um selbst etwas an Fahrt zu gewinnen. An anderer Stelle funktioniert das Gefälle zwischen Jon und Frank allerdings kaum: So ist zum Beispiel durch das Vorführen von Jons hilflosem Umgang mit den katalysatorischen Fähigkeiten sozialer Netzwerke nicht viel gewonnen, vielmehr verliert sich der Film hierüber in altväterlichem Kopfschütteln. Vor allem jedoch ist es höchstens mäßig interessant, Jon bei dem fehlgeleiteten Versuch zuzugucken, Franks Kunstwillen als direkte Folge einer psychischen Störung zu entlarven. Indem der Film Jon auf diesem Weg so bereitwillig folgt, ist Frank, wenn man so will, dem kategorischen Denken von Jon näher als der spannend uneindeutigen Haltung seines Titelhelden. Mit dieser doppelten Bewegung – also Frank psychologisch zu erklären und Jon dabei als hampeligen Antagonisten vorzuführen – richtet sich der Film etwas zu bequem in Drehbuchkonventionalitäten ein und opfert die bisweilen inspirierend zupackende Naivität seiner Titelfigur wenig geschickt auf dem Altar schmalspurigen Durcherzählens.

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