Fraktus - Das letzte Kapitel der Musikgeschichte

Revival! Das Hamburger Spaß-Trio Studio Braun lässt eine Legende der elektronischen Musik wieder aufleben.

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Wer kennt sie nicht, die Urväter des Techno, die Vorreiter minimalistischer Selfmade-Musik: Fraktus. Das Trio um Dirk Schubert, Bernd Wand und Thorsten Bage, das durch seinen enormen, aber auch sehr kurzlebigen Erfolg – die Band trennte sich ohne nennenswerten kommerziellen Durchbruch bereits nach wenigen Jahren im Streit – Anfang der 1980er zum Ursprungsmythos elektronischer Pop-Musik aufstieg.

Moment mal. Da waren Kraftwerk, die schon 1974 mit „Autobahn“ im massenkompatiblen Sound angekommen waren, das Schweizer Duo Yello und im experimentellen Noise-Bereich Einstürzende Neubauten. Aber Fraktus? Völliger Blödsinn. Für dessen schnoddrig-konfuse Variante sind Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jaques Palminger bereits seit Ende der 1990er Jahre einem breiteren Publikum bekannt. Als Studio Braun produzierten sie damals im Windschatten aktueller Radio-Trends Telefonstreiche, verfuhren dabei aber deutlich dreckiger und anarchischer als Heiner Knallinger und Co. Mit ihren seltsam zwischen grobschlächtigem Nonsens und feiner Ironie schwankenden Gags feierten sie in den Nullerjahren dann sowohl solo als auch als Trio zahlreiche Erfolge mit diversen Bühnen-, Theater- und CD-Projekten, als Radiomoderatoren und Romanautoren (Fleisch ist mein Gemüse, Dorfpunks). Ihre künstlerischen Wurzeln liegen aber vor allem in der Musik: Schamoni begann in den 80ern als Punkmusiker, ging als Schlagerbarde mit den Goldenen Zitronen auf Tour und schreibt heute unter anderem die Musik zu zahlreichen Theaterstücken; Palminger war Schlagzeuger der legendären Hamburger Band Dackelblut und ist heute Kopf des poetischen Jazz-Projekts Jacques Palminger & 440 Hz Trio. In dieses ungebändigte und überaus vielseitige Netz an Output werfen die drei Spaßmacher nun ein weiteres, nie ohne Referenz zu denkendes Stück Kunst. Ihren ironischen Humor behalten sie sich dabei auch in der filmischen Form: Fraktus, ein als Band-Doku getarnter Musikfilm beginnt mit Scooter-Frontmann H.P. Baxxter.

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Die Anekdote: Musikproduzent Roger Dettner (Devid Striesow) will die als Vorreiter der Techno-Musik geltende Band Fraktus zu einer Reunion bewegen. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht: Der leicht geistesschwache, aber voller Ideale steckende Dirk „Dickie“ Schubert (Rocko Schamoni) betreibt mittlerweile das Internetcafé Surf’n’Schlurf in Hamburg, Thorsten Bage (Heinz Strunk) ist geldgeiler Musikproduzent (Hierro de Puta Studios) auf Ibiza, Bernd Wand (Jaques Palminger) arbeitet im Optikerladen seiner Eltern und betreibt mit ebendiesen nebenbei auch noch das Experimental-Projekt Fraktus II. Ansprüche und Interessen haben sich verschoben, man hat sich nicht mehr viel zu sagen. Doch dem trickreichen Dettner gelingt es, die drei schrägen Köpfe zusammenzubringen und das Feuer neu zu entfachen – zu stark und verlockend ist die Sehnsucht nach Erfolg.

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Das Spiel zwischen Fakt und Fiktion eröffnet eine sehr dichte und kreativ gestaltete Anfangsviertelstunde: Im fernsehdokumentarischen Stil wird über (rekonstruierte) Film- und Bilddokumente der Band deren Geschichte nachgezeichnet, zusätzlich bezeugt von Originaltönen zwischengeschnittener Talking Heads. Und das sind nicht irgendwelche: Dieter Meier, Sänger der ehemaligen Elektropop-Formation Yello, betont den avantgardistischen Zeitgeist von Fraktus, Blixa Bargeld bewundert die selbstgebauten Instrumente von Bernd Wand, und die DJ-Größen der 90er Jahre Marusha und Westbam bekommen gar nicht genug davon, den Einfluss des Trios immer wieder zu bekräftigen. Die überbordende Liebe zum Detail der Bild- und Grafikdesigner und die mythologisierenden Floskeln der Interviewten, welche die verklärende Scheinheiligkeit der Musikindustrie immer wieder ironisch entlarven, machen diesen Prolog neben dem witzigen und gut getroffenen Soundtrack von Schamoni und Elektro-Troubadour Erobique zum spaßigsten Teil des Films.

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Was dann folgt, ist ein filmisches Zwitterwesen, das nie wirklich zu seiner Form findet. Eine ständig folgende Handkamera begleitet fortan Dettner und die Band in der Gegenwart. Alle Codes dokumentarischer Authentizität werden dabei ausgereizt, immer wieder kommt es zum Einbruch der Meta-Ebene: Szenen werden geprobt und nochmal wiederholt, es wird direkt in die Kamera gesprochen, der Zuschauer ist immer mittendrin. Gleichzeitig aber unterlaufen ein arg nach fiktionalem Märchen schmeckendes Präteritum-Voice-Over und das überhöhte Schauspiel der Protagonisten diese dokumentarischen Strategien. Die Tatsache, dass die Rolle von Dettner eben mit einem sehr präsenten Schauspieler wie Striesow besetzt wurde und auch die Studio-Braun-Mitglieder sich nicht – wie zum Beispiel Joaquin Phoenix in I’m Still Here (2010) – selbst spielen, lässt die den Authentizitätseindruck blockierende Verfremdung in eine Art Flachwitz kippen. Vor allem Rhythmus und Timing der drei Komiker brechen den audiovisuellen Fluss immer wieder unangenehm, weil auch unlustig auf. Die einzelnen Szenen wirken wie eine Aneinanderreihung von abgefilmten Sketchen, die kurzen Dialoge und überzogenen Gesten erinnern mehr an ein Sitcom-Format – nur ohne Konservenlacher, dafür mit Wackelkamera. Der Film enttarnt sich so allzu leicht selbst als genau kalkulierter Gag und verpasst es, diese Tatsache erneut wirksam ironisch zu brechen und sich so zumindest über den quasi unangreifbar gewordenen Anarcho-Humor von Schamoni und Co. zu retten.

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