Foxcatcher

Keep your friends close, but keep your enemies closer: In Foxcatcher ist der Stärkste, wer seine Gefühle am besten äußern kann.

Foxcatcher 01

In Isao Yukisadas Go (2001) gibt es eine Szene, in der Sport und Leben sich metaphorisch ganz nahe kommen. Der Vater, ein ehemaliger Boxer, gibt Lektionen in Selbstverteidigung. Sein vielleicht fünfjähriger Sohn soll den Arm ausstrecken, die Faust ballen, sich einmal um die Achse drehen. „Wer in diesen Kreis tritt, den kannst du besiegen. Das ist deine Zone.“ So weit die Faust reicht, ist er sicher. Eine Armlänge Abstand liegt fortan zwischen ihm und der Welt, zwischen ihm und den anderen.

Ein Sport als Offenbarungseid

Beim Ringkampf sind die Regeln andere. Hier reiben sich die Körper ganz nah aneinander, hier hält man sich die Konkurrenten nicht auf Distanz, sondern lockt sie in die Intimsphäre, um sie dann zu Fall zu bringen. Ringen ist psychologisch perfide. Genau das hat Bennett Miller erkannt und in Foxcatcher angewandt: Der Ringkampf erzählt allegorisch von vertraulicher Kommunikation, und sicherlich auch von Sexualität. Wie Menschen sich auseinandersetzen, inklusive aller Finten und Bloßstellungen, in allen wechselhaften, widersprüchlichen Nuancen, all das lässt sich übersetzen in die Bewegungen der Ringenden. Vielleicht wirkt der Sport auch deshalb schnell lächerlich, weil einen Kampf zu schauen dem sprichwörtlichen Blick durchs Schlüsselloch ähnelt. Es ist peinlich.

Foxcatcher 02

In Foxcatcher werden viele psychologische Gespräche nicht ausgesprochen, sondern als Kämpfe mit Griffen, Würfen, Würgern geführt. Zwei Brüder, Dave (Mark Ruffalo) und Mark Schultz (Channing Tatum) ringen miteinander um die Alphastellung, und der Sprössling einer steinreichen Chemiefabrikantenfamilie (Steve Carell) begehrt gegen seine aristokratisch-unnahbare Mutter auf. Er, John E. DuPont, sagt, er wolle Amerika in Zeiten des Kalten Krieges zu sportlichen Siegen verhelfen, und trainiert dafür auf seinem Landsitz in Pennsylvania ein Ringerteam, mit dem ehemaligen Olympiasieger Mark als Prachtstück. Aber das sind nur Phrasen, in Foxcatcher geht es nicht wirklich um Politik, sondern um ganz elementare psychoanalytische Kriege, um Ödipus und das Reich der Brüder. DuPont stellt der Pferdezucht seiner Mutter (Vanessa Redgrave) ganz einfach seine eigene Gladiatoren-Stallung entgegen. „A low sport“, mehr hat sie, naserümpfend, nicht dazu zu sagen. Vielleicht ist auch allzu klar, dass ihr Sohnemann beim Ringen keine professionellen Interessen verfolgen kann, denn er ist offensichtlich Dilettant.

Zwei Gewichtsklassen schauspielern gegeneinander

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Sein mit viel Geld herbeigelockter Goldjunge Mark Schultz kann dafür mit Worten gar nicht umgehen. Statt mit Dave, der ihm Trainer, Ersatzvater und bester Freund in einem ist, über seine Gefühle zu sprechen, darüber, dass er sich gern aus dem Schatten des Älteren, Jovialeren befreien würde, schaltet er beim Übungsringen zu Beginn aggressiv in den Wettkampfmodus um. Doch trotz blutig gehauener Nase zwingt ihn der große Bruder auf die Matte. Channing Tatum ist eine ziemlich ideale Besetzung für Mark, weil in seiner für den Film extra muskelgepumpten Physiognomie die dumpfen Gesichtszüge, ihr derbes Element ganz deutlich hervortritt. Mark schweigt viel, schaut erbost geradeaus, weil er ohne Führung orientierungslos wird. Auf sich alleine gestellt gibt es nur die Option „Kopf durch die Wand“, oder besser: Kopf durch den Spiegel.

Diesem Ingrimm stehen mit Mark Ruffalo und Steve Carell zwei Schauspieler gegenüber, die souverän und komödiantisch auch jenseits purer Physis auftreten können. Die asymmetrischen Beziehungen, in denen Mark sowohl mit seinem großen Bruder als auch seinem Gönner (und vermutlichem, aber unausgesprochenem love interest) DuPont verbandelt ist, spiegeln sich in den unterschiedlichen schauspielerischen Gewichtsklassen der drei Männer.

Ein ewiger Kampf ohne Gewinner

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Steve Carells Figur ist dabei gewiss das Alleinstellungsmerkmal von Foxcatcher. John E. DuPont tritt auf als einer, der seine soziale Awkwardness mit Geld aufzuwiegen gelernt hat. Carell spielt ihn wie eine nur halb lebendige Wachsfigur, irgendwie zugleich lächerlich und bedrohlich. Er zwinkert nie, spricht schleppend, verzieht kaum das Gesicht, und insgesamt sorgt sein verqueres Timing für nicht wenige Pointen, aber etwas in ihm leidet schwer und sucht nach Liebe. Wie sein DuPont sich Mark mit Aufmerksamkeit, Luxus und Koks als ergebenen Schützling und muskelstrotzendes Spielzeug heranzieht, wie er ihn für sich und gegen seinen Bruder in Stellung bringt, um ihn irgendwann ganz plötzlich fallen zu lassen, das hat viel mit der homoerotischen Machtdynamik von Soderberghs Liberace (Behind the Candelabra, 2013) gemein. In karger, sexuell verdruckster Ostküstenausführung allerdings.

Muss gesagt werden, dass der Film auf wirklichen Ereignissen beruht? Dass die DuPont-Familie so was wie amerikanische Krupps sind, reich geworden mit Schießpulver im Sezessionskrieg, dass die Schultz-Brüder zu den erfolgreichsten US-Profisportlern der Geschichte gehören? Dass am Ende des Films etwas passiert, was den Stoff anfänglich überhaupt erst interessant für eine Bearbeitung gemacht haben mag? Nicht zwingend, denn Foxcatcher geht es mehr um den Schmerz undeutlich konturierter Gefühle als darum, dieselben für eine gewöhnliche Spannungsdramaturgie einzusetzen. Es geht um das Ringen und nicht ums Gewinnen.

Und so treibt Bennett Miller sein mit Moneyball (2011) begonnenes Projekt einer sanften Wiederauffrischung des eigentlich ziemlich drögen Sportfilmgenres weiter: Mehr noch als zuvor missachtet er dessen wie automatisch organisierte Dramaturgien, die auf allzu verlässliche Höhepunkte zusteuern (Turniere, Derbys, Titelkämpfe). Foxcatcher schert sich ziemlich wenig um den sportlichen Erfolg, um den Wettkampfgedanken, sondern treibt die psychologische Aufladung seiner Sportart nur immer weiter. Die Sequenz der lange herbeigesehnten und mit Kalenderblättern und Ansagen herbeigezählten Olympischen Spiele von Seoul 1988 dauert dann auch nur – wenn’s hochkommt – eineinhalb Minuten. Die Kamera interessiert sich dort mehr für Ränder des Ringes, wo Marks zwei Coaches um seine Loyalität ringen, als darum, wie der verwirrte Junge von seinem Gegner zu Boden gezwungen wird. Vielleicht hätte er  das alles besser auf Abstand halten sollen, aber dann hat er wohl den falschen Sport gewählt.

Trailer zu „Foxcatcher“


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