Forgetting Dad

Die Anatomie des Vergessens: In seinem investigativen Dokumentarfilm sucht Rick Minnich nach den Gründen der Amnesie seines Vaters und schafft so ein sehr persönliches Bild seiner Suche nach der eigenen Identität.

Forgetting Dad

21. Mai 1990: Der 45-jährige Richard will gerade auf den Parkplatz eines Shopping-Centers in Sacramento, Kalifornien einbiegen, als ein anderer Wagen von hinten auffährt. Richard besieht sich den Schaden, stellt fest, dass eigentlich nichts passiert ist, und fährt mit seiner Frau weiter. Sieben Tage später erwacht Richard in einem fremden Bett neben einer ihm fremden Frau; im Spiegel fällt sein Blick auf ein Gesicht, das er nie zuvor gesehen hat. Er hat das Gedächtnis verloren – fünfundvierzig bisherige Lebensjahre sind für immer ausgelöscht.  Er verlässt Frau und Familie und beginnt als „New Richard“ – wie er sich fortan nennt – mit einer neuen Frau an einem anderen Ort ein völlig neues Leben.

Forgetting Dad

Was in der knappen Zusammenfassung etwas konstruiert anmutet, ist die wahre Geschichte des Vaters des in Deutschland lebenden Filmemachers Rick Minnich (Homemade Hillbilly Jam, 2005; Good Guys & Bad Guys, 1997). Sechzehn Jahre nach dem plötzlichen Gedächtnis- und Identitätsverlust des Vaters kehrt Richards ältester Sohn mit einem Kamerateam zur Familie zurück, um zu ergründen, was eigentlich geschah. Dabei gilt das Interesse von Forgetting Dad nicht allein dem bizarren medizinischen Fall der bislang kaum erforschten Amnesie. Minnichs sichtlich selbsttherapeutischer Ansatz gilt zum einen dem Porträt einer durch den plötzlichen Verlust traumatisierten Familie, andererseits dem Verlust der eigenen Vaterfigur: „Wenn dein Vater sich nicht mehr an dich erinnert, hört er dann auf, dein Vater zu sein?“,  lautet die zu Beginn formulierte Grundfrage des Films.

Forgetting Dad

Mit akribisch zusammengetragenen Briefen, Unfallakten, Fotografien, altem Super-8- und Videomaterial, das mit Porträts der Familienmitglieder, Interviews und arrangierten Szenen zu einem kaleidoskopartigen Bild zusammensetzt wird, versucht Minnich das Geschehene zu verstehen und sich der ihm unbekannten Figur des Vaters anzunähern. Die Wunden, die er dabei bloßlegt, sind tief – nicht nur bei der Familie, sondern vor allem auch bei ihm selbst.

Forgetting Dad

Die objektive, jedoch kaum nachvollziehbare Ambivalenz der Figur des Vaters, Minnichs Unfähigkeit, mit „New Richard“ in einen wahren Dialog zu treten und hierdurch das Geschehene zu verarbeiten, die Widersprüche, die im Zuge der Recherche anwachsen, dies alles lässt einen tiefen Vater-Sohn-Konflikt zunehmend offenbar werden. Denn auf die Fragen, die Rick Minnich stellt, findet sich keine leichte Antwort. Hingegen nähren die Fakten, die der Film zu Tage fördert, zunehmend Zweifel an der Krankengeschichte, bieten Raum für Verdachtsmomente und Mutmaßungen. Was ist, wenn sich Ricks Vater nicht mehr erinnern will? Ist Richards Amnesie am Ende keine unbewusste, sondern eine bewusste Flucht aus seiner bisherigen Realität – eine Methode, um seinem beruflich undurchsichtigen und privat problembehafteten Leben zu entkommen? Die Amnesie des Vaters als Realitäts- und Identitätsflucht und die damit einhergehende Selbstverortung des Sohnes, die Rekonstruktion eines wesentlichen Teils seiner eigenen Identität – das ist der Kern von Rick Minnichs Film.

Forgetting Dad

Dabei will sich Forgetting Dad nicht auf reine Beobachtung beschränken. Der Versuch der Wahrheitsfindung erfolgt durch ins Spekulative getriebene Wertung und Selbstreflexion, verbunden mit der Frage, ob man sich der eigenen Verantwortung für sein Leben entledigen kann, indem man die Vergangenheit einfach ausschaltet.

Forgetting Dad

Minnich nutzt hierfür nahezu alle narrativen Mittel von einem stets kontemplativen Voice-over-Kommentar bis hin zu dem die Spannungsbogen verstärkenden, jedoch etwas überladen wirkenden Soundtrack von Ari Benjamin Meyers. Axel Schneppats Kamera muss sich nicht des Dokumentarischen versichern, sondern ergänzt das zusammengetragene Archivmaterial in ruhigen, ästhetisch wirkungsvoll gestalteten Bildern.

Das beabsichtigte Gesamtbild zielt denn auch mehr auf emotionale Wirkungen als auf bloße Abbildung der Realität und gerät so zu einem dokumentarischen Essay, der den Zuschauer in den geradezu kriminalistisch aufgerollten Fall zu involvieren versteht.

Trailer zu „Forgetting Dad“


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