Für Marx...

Russische Gewerkschaftsmitglieder gehen in die Offensive, und ein Film marschiert entschlossen mit.

For Marx 03

Der Titel deutet es schon an: Für Marx ... (Za Marksa ...) ist eine filmische These und keine dialektische Gegenwartsstudie zur sozialen Ungerechtigkeit in Russland. Er ist ein Appell, einer, der sich gleichsam einer Tradition verpflichtet, mit welchen Augen man die Welt betrachtet. Die Regisseurin Svetlana Baskova behauptet selbst, dass ihr Film die entstehende Gewerkschaftsbewegung in Russland unterstützen soll. Ihr Anspruch ist also ganz klar nicht einfach der, einen radikalen Realismus zu schaffen oder einen distanzierten Zwischenbericht zur sozialen Lage Russlands vorzulegen, nein: Es geht darum, Partei zu ergreifen, selbst Widerstand zu leisten, sich zu solidarisieren. Natürlich ist die Form, die aus einem solchen Vorhaben notwendig hervortritt, eine kritische. Für Marx ... polarisiert, radikalisiert und manifestiert. Mittlerweile sind wir es gewohnt, auf solche Formen mit Vorsicht, ja vielleicht sogar mit Reserviertheit zu reagieren, und das gegenwärtige Arthousekino trägt einen guten Teil dazu bei: Vieles wird nicht mehr auserzählt, klassische Protagonist-Antagonist-Strukturen werden suspendiert, Voyeurismen und Obsessionen werden umgewertet, finden ihren Weg nicht mehr ins Bild, sondern verspielen sich im Off und werden gerade dadurch wieder obsessiv. Der klassische Held ist vorsichtig geworden, nicht etwa in seinen Taten, sondern in seiner Funktion als potenzieller Ideologievertreter, die man ihm zur Last legen könnte. Darf ein Mann noch eine Frau aus den Flammen retten? Vermutlich schon. Aber wäre dann diese Inszenierung, eines gegenderten Zuschauerblicks gewahr, nicht höchst umsichtig, bedacht darauf, nicht aus der Zeit zu fallen? Darf sich der Abendländler noch erfolgreich in die Thailänderin verlieben? Ja, er darf. Aber Vorsicht sei geboten vor den postkolonialen Metaphern obszöner Penetration. Darf der Autounfall noch in allen Einzelheiten im Bild sich vollziehen, oder wäre das nicht der archaische Fressfetzen für unseren primitiven Popcornvoyeurismus? Passiver Radikalismus, der eine Unmenge hervorragender Filme hervorgebracht hat, die mit gutem Grund im ersten Gang fahren, um zu zeigen, was auf der Strecke bleibt, wenn man zu erregt nach vorne peitscht. Für Marx … ist weder primitiv obszön, noch unzeitgemäß oder exhibitionistisch, aber in seiner Form ist er konsequent initiativ, provokativ und offensiv und gerade deshalb so bemerkenswert und eindrucksvoll.

For Marx 04

Während sich die gnadenlos ausgebeuteten Arbeiter einer Stahlfabrik in der Mittagspause über Godard, Brecht und Gogol unterhalten, beschließt der cholerische Manager des Unternehmens aus narzisstischer Selbstdarstellungswut, getarnt als repräsentatives Kalkül, ein Malewitsch-Gemälde zu ersteigern, um es in sein Büro zu hängen. Auf der einen Seite werden Angestellte entlassen, Löhne gekürzt und gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen ignoriert, auf der anderen Seite wird spontan das Werk eines Künstlers gekauft, der im derzeitigen Auktionsgeschehen in der obersten Preisklasse mitspielt. Natürlich ist das eine groteske Zuspitzung totalitären Machtmissbrauchs und ein geradezu schonungsloser Abgesang auf die Geldelite, und trotzdem verklärt sich hier der brutale Klassenkampf in eine sensible Metapher. Künstlerische Formen der Verfremdung bei Brecht und Godard und der volkstümliche Romantizismus bei Gogol treten stellvertretend für die Gewerkschaftsbewegung in den Kampf gegen die ebenso stellvertretend einstehende fortschrittseuphorische russische Avantgarde. So wird der Klassenkampf, trotz aller empirischen Härte, auf einmal zu einem ästhetischen Frage-Antwort-Spiel – eine Mischung, die nur selten gelingen will, aber hier glücklich überzeugt. Wenn sich der verlorene Sohn des Großunternehmers der Arbeiterbewegung anschließt und durch die Hand seines skrupellosen Halbbruders erbarmungslos zu Tode kommt, sich dadurch eine ordentliche Portion Bibelmythos wachrütteln lässt, dann geschieht das nicht, ohne dass Baskova diesen selbst wieder verfremdet. Zarte Metaphorik und gebrüllte Proklamation, Für Marx... ist beides und wiederbelebt ein offensives Kino, das sich selbst ein wenig verlernt hat.

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