For Ellen

For Ellen erzählt eine Geschichte der Kontraste, ohne dabei von Kontrasten zu erzählen.

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Auf einer kaum befahrenen Straße im Norden des Staates New York, kurz vor der kanadischen Grenze, fährt der drittklassige Rockmusiker Joby Taylor (Paul Dano) mitten in der Nacht zum ersten Mal den existenziellen Fragen des Lebens entgegen. Die erste Einstellung, die mit etwas Ruhe auf der Leinwand verharrt, zeigt ein Verkehrsschild, das sowohl einen Pfeil nach rechts als auch einen nach links abbildet. Hier geht es in beiden Richtungen weiter. Aber das Schild zeigt weder für die eine noch für die andere Richtung an, wohin die Straße jeweils führt. Dieses Bild hätte zu einem Symbol bedeutungsschwangerer Melodramatik verwahrlosen können, trüge es nicht auch eine ungemein ironische Substanz in sich.

Joby ist einer dieser Menschen, die abseits der Rhythmik des Alltags leben. Mal kommt es möglicherweise dazu, dass er abends ein Konzert mit seiner Rockband gibt, ansonsten betrinkt er sich die ganze Nacht und verschläft dafür die hellen Stunden des Tages. Das ist die Fantasie vom Leben eines Rockstars, die umso mehr in den Vordergrund rückt, als Joby auf der musikalischen Ebene keinen Schritt vorankommt. Für ein Kind lässt sich so jedenfalls nicht sorgen, und deshalb fordert seine Frau Claire (Margarita Leviava) sowohl die Scheidung als auch seinen Abtritt des Sorgerechts für ihre gemeinsame Tochter Ellen (Shaylena Mandigo). Für die Unterzeichnung der Scheidungsurkunde kommt Joby aus dem turbulenten Los Angeles in die verschneite und vereinsamte Heimat seiner Exfrau angereist, und vor der Kulisse dieser kalten Tristesse kollabiert die naive Haltung jäh, die Joby als Weisheit seines Lebens verstand.

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Wie schon in ihrem mehrfach ausgezeichneten Film Treeless Mountain (2008) erzählt die Regisseurin So Yong Kim von der Zerrüttung einer Familie, von Verantwortung und Reifung, und das im Modus einer nicht allzu pessimistischen Naturalismustradition. Treeless Mountain führte die Regisseurin zurück in ihre koreanische Heimat, und derselbe biografische Selbstbezug stellt sich auch in For Ellen her, da auch So Yong Kim ihrem leiblichen Vater nur einmal im Alter von fünf Jahren begegnete. Diesem Drift ins Autobiografische ist es wohl geschuldet, dass sich die Filmemacherin höchst umsichtig an so zentralen Fragen bemüht, die allzu schnell zur konservativen Doktrin über den Wertekomplex der Familie abflachen, wie ihn das amerikanische Kino nicht selten als göttliche Ordnung glaubt wiederherstellen zu müssen. Joby hat seine Tochter noch nie zu Gesicht bekommen, und anscheinend lag ihm auch noch nie wirklich etwas daran. Aber in dem Moment, in dem er, vertraglich dazu verpflichtet, für immer Abschied von Ellen nehmen müsste, schrecken sämtliche vermeintlich aus dem Bewusstsein gesoffene Vaterinstinkte auf, und dann gleich mit doppelter Härte.

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For Ellen ist ein Spiel mit Kontrasten: Ein alkoholsüchtiger Kettenraucher, der an der Bar immer gleich zwei Shots bestellt, sieht sich mit einem Mal in der Rolle des Schutzbefohlenen. Auch hier läuft dieses Narrativ Gefahr, sich im Kitsch zu verfangen und in eine mittelmäßige Dramaturgie einer Menschen-ändern-sich-Idee auszuschlagen. Natürlich kompensiert Joby in der harten Rockmusik seinen allzu verweichlichten Kern, seine Infantilität und seine Verantwortungslosigkeit. Paul Danos Spiel aber lässt diesen Charakter stets behutsam in der Schwebe, und weil sich die Figur einer linearen Entwicklung so konsequent verweigert, entzieht sich ihr jegliche Aufdringlichkeit einer moralischen Sittenlehre.

Jobys Unbeholfenheit im Umgang mit seiner Tochter, die sich auch in einer sensiblen Kameraarbeit niederschlägt und gleichsam durch sie verdoppelt wird, verharrt immer im Spannungsfeld seiner inneren Zerrissenheit, ohne dass sich die charakterlichen Oppositionen jemals als Schauwerte anbiedern. Die Kontraste, die in For Ellen miteinander in Konflikt treten, werden nicht mit aller Sorgfalt auserzählt, auch werden sie nicht als verstörende Effekte aneinander montiert oder zum sublimen und allgemeinen Gleichnis der Menschwerdung missbraucht. Im Gegenteil: Die Kontraste bilden einen Rahmen außerhalb der Leinwand. For Ellen zeigt, was sich in diesem Magnetfeld gegensätzlicher Pole in der Schwebe hält, wie an dem, der da schwebt, schmerzliche Reibungskräfte wirken und wie das energieschwache Zittern dieses schmerzlich Schwebenden in einem Kino von beachtlicher Behutsamkeit beobachtbar wird.

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Diesem Spiel der feinen Nuancen liegt auch der ironische Tonfall der Anfangseinstellung zugrunde. Die Frage nach einer bestimmten Richtung stellt sich nämlich gar nicht. Alles bleibt im Hier und Jetzt verwurzelt, und die tiefe Depression, deren Joby nicht Herr zu werden weiß, bleibt eine konstante, auch wenn es an einer Stelle im Film für einen kurzen Moment den Anschein hat, als könnte sie doch aufgebrochen werden. Diese Ironie, sei sie auch nur eine formale, entzieht dem Film jedoch nicht seine Tragik, vielmehr rettet sie ihn vorzeitig vor der Drucklast der Tragödie.

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