For Ahkeem

Berlinale 2017 – Forum: Zwischen großen Träumen und trister Realität zeichnet For Ahkeem exemplarisch nach, mit welchen Widersprüchen junge schwarze US-Amerikaner heutzutage konfrontiert sind. Dabei irritiert der Film auf produktive Weise gängige Vorstellungen von Dokumentation und Inszenierung. 

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„If you really want it, nobody can stop you!“ – „Nothing is impossible.“ – „Learn to live!“ Motivationssprüche zieren die Wände der Innovative Concept Academy in Missouri, einer Schule für die, die aus anderen Schulen geflogen sind. An den Wänden sind überall Bilder schwarzer Helden: Muhammed Ali, Martin Luther King, Barack Obama. Im Unterricht wird den ausnahmslos afroamerikanischen Problemschülern eingebläut: „You can do it!“ Wie Oprah. Wie Mae Jamison, die erste schwarze Astronautin. Doch im Fernsehen wird über den Tod Michael Browns berichtet. Über den Gerichtsprozess. Über die Riots. Und so prallen schwarze Träume und schwarze Realitäten aufeinander

Ein Hoch auf die Schule

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For Akheem begleitet eine junge schwarze Frau von heute über einen Zeitraum von drei Jahren und zeigt, wie sie mit dem Leben ringt. Bonnie ist eine gute Schülerin, aber manchmal rastet sie aus. Sie ist ein empfindsamer Mensch, aber manchmal droht sie durch das triste Leben am Rande von St. Louis abzustumpfen. For Ahkeem wählt einen dokumentarischen Zugang, um den Weg Bonnies durch die Schule, ihren Kampf mit sozialen und persönlichen Hindernissen nachzuzeichnen. Gleichzeitig setzt der Film stark auf dramatische Zuspitzungen und arbeitet so eine fast schematisch wirkende Story heraus, die von ungewollter Schwangerschaft, knapp verpassten Examensnoten und straffälligem Boyfriend wenige, nun ja, Klischees von Filmen à la Dangerous Minds, Precious oder The Blind Side auslässt. In seiner ausnahmslos positiven Zeichnung der Schulangestellten drückt sich auch ein etwas arg affirmatives Verhältnis zur Institution Schule aus, als dem Ort, an dem der American Dream immer wieder aufs Neue auf verhandelt wird. For Ahkeem wird so ein ziemlich einzigartiger, weil sehr um Authentizität besorgter Mix aus Tearjerker und Feel-Good-Film, der großes Hollywoodkino im zeitgenössischen Leben des Black America freilegt.

Wie man damit umgeht, hängt letztlich stark davon ab, ob man den Doku-Fiction-Hybrid eher von seiner dokumentarischen oder seiner inszenatorischen Seite her erlebt. Zum Beispiel die Bildlichkeit: Die Kamera kommuniziert mit vielen Close-ups unablässig Effekte ganz großer Nähe, ständige Schärfeverlagerungen können schnell manieristisch wirken. Aber wenn man die weiche Bildlichkeit auch als Ergebnis spontanen, im Jetztmoment improvisierenden Filmemachens sieht, scheint es auf einmal, als würden die Protagonisten der Kamera immer wieder entgleiten. Als würden sie in die Unschärfe abrutschen, wie etwa Bonnies Konzentration ein ums andere Mal auf Wanderschaft geht, wenn ihr Lehrerinnen, Richter und Sozialarbeiter einbläuen, was sie zu tun und zu lassen hat. Und in Momenten großer Wut und großer Enttäuschung halten sich die beiden (weißen) Regisseure Jeremy S. Levine und Landon von Soest auch zurück, geben ihren Protagonisten Raum zum Dampf ablassen. Dabei kann man oft Spekulationen nicht unterdrücken, welchen Einfluss die ständige Präsenz von mindestens drei weißen Männern (Kameramann Nicholas Weissman eingeschlossen) auf das sich oft in engen, intimen Settings ereignende Leben haben mag. Zumindest thematisiert der Film seinen eigenen Standpunkt nie, behandelt ihn stattdessen konsequent als Binnenperspektive.

Das Wie und das Was des Bildermachens

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Aber all diese Unwägbarkeiten brechen sich an der bewundernswerten Präsenz Bonnies. Wenn man sie sieht, mit aufgeworfenen Lippen wütend die Berichterstattung über Ferguson verfolgend, dann versteht man ihre Stimmungsschwankungen sofort. Dann spürt man, warum sie den Sozialarbeitern, die sich sämtlich rührend um sie kümmern, auch einmal entgegen schleudert: „Not everybody can be helped!“ Warum sie manchmal lieber einen draufmacht als für die Schule zu lernen. Weil schwarze Leben eben ständig bedroht sind in den USA, und die Reaktion darauf auch Carpe Diem heißen kann. Ob Bonnie immer so ist, oder ob sie für die Kamera spielt, ist schnurzpiepegal. Denn sie überzeugt. Im Film ist sie wirklich.

Letztlich ist die Unsicherheit, ob man Doku oder Fiction zu sehen vermeint, ohnehin immer produktiv. Weil man sich Fragen über das Wie und Was des Bildermachens zu stellen beginnt. Weil man Gefühle und Beobachtungen zueinander in Beziehung setzt. Und so bleibt es jeder und jedem von uns überlassen, ob wir in den vielen Großaufnahmen von Bonnies kleinem Sohn Ahkeem einen manipulierenden Einsatz des Kindchen-Schemas spüren, oder eine uns direkt aus dem Leben anblickende Frage erkennen – schmerzhaft, ja zum Heulen intensiv. Wie kann man diesem Kind nicht das Beste wünschen? Und wie kann man nicht wütend sein, wenn man weiß: Seine Chancen stehen schlecht. „I know I might probably die at a young age“, sagt sein 17-jähriger Vater Antonio. Solange junge Männer zu solchen Einsichten gezwungen sind, so lange läuft etwas schief in Amerika.

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