Football Under Cover

Ein Fußballspiel zwischen einer Berliner Multikulti-Truppe und der iranischen Frauen-Nationalmannschaft birgt allerlei politischen Sprengstoff. Die deutsch-iranische Co-Produktion Football Under Cover begleitet die Spielerinnen bei ihren Vorbereitungen auf diese in vielerlei Hinsicht bedeutsamen 90 Minuten.

Football Under Cover

Über den Iran und sein radikales Mullah-Regime erfährt man hierzulande nicht allzu viel. Präsident Mahmud Ahmadinedschad ist ein Hitzkopf und notorischer Amerika-Hasser, so viel ist bekannt. Wie jedoch der Alltag der Menschen aussieht und wie besonders die Frauen seit der islamischen Revolution unter der ständigen Beobachtung durch die strenggläubigen Sittenwächter ihr Leben meistern, das wird in den Nachrichtenbeiträgen, die sich zumeist auf die diplomatischen Spannungen zwischen der dortigen Regierung und dem Westen konzentrieren, nur am Rande thematisiert.

Als der iranische Regisseur Ayat Najafi im Rahmen des „Berlinale Talent Campus“ 2005 seinen Kurzfilm über ein Fußball spielendes Mädchen vorstellte, ging es ihm auch darum, dem Publikum ein anderes Bild seiner Heimat zu präsentieren. „Der Iran ist mehr als nur ein freudloses Terrorregime“ lautete die Botschaft. In Berlin traf Najafi auch die junge deutsche Filmemacherin Marlene Assmann, die über ihre eigene Fußballmannschaft, den BSV Al-Dersimspor aus Berlin-Kreuzberg, einen kurzen Dokumentarfilm abgedreht hatte. Beide kamen ins Gespräch, und schon kurze Zeit später war die Idee zu Football Under Cover geboren.

Football Under Cover

Marlene, ihr Bruder David und Ayat Najafi hatten sich in den Kopf gesetzt, ein Freundschaftsspiel zwischen den Berlinerinnen vom BSV Al-Dersimspor und der iranischen Fußballnationalmannschaft der Frauen zu organisieren und sowohl die mehr als steinigen Vorbereitungen als auch die eigentliche Partie filmisch festzuhalten. Immerhin wäre das ein historisches Ereignis. Noch nie traten die Iranerinnen gegen ein westliches Team an. Mehr noch: Es ist ihnen sogar verboten, ihre Spiele vor Zuschauern zu absolvieren, und so blieb ihnen bislang nichts anderes übrig, als abgeschottet von der Öffentlichkeit zu trainieren. Die Mullahs wollen es so.

Von den Spielerinnen der iranischen Nationalmannschaft lernen wir zwei näher kennen. Narmila hat die Liebe zum Fußball von ihrer Mutter „geerbt“, die vor der islamischen Revolution selbst das Nationaltrikot trug. Nach dem Tod ihres Mannes, der ihr einst das Fußballspielen verboten hatte, kickt sie wieder zusammen mit ihrer Tochter auf der Straße. Und Niloofar, die David Beckham für seine sanfte Ballbehandlung verehrt, zockt auf ihrer Playstation virtuelle Fußball-Matches, wenn es ihr draußen nicht mehr erlaubt ist, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen. Sie beide stehen stellvertretend für eine junge, selbstbewusste Frauen-Generation im Iran.

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Bis sich schließlich die zwei Mannschaften auf dem Rasen gegenüberstehen, müssen Najafi und die Assmanns allerlei Hürden überwinden. Behörden in beiden Ländern gilt es für das Projekt zu begeistern, Sponsoren müssen gewonnen, Vorurteile und Ängste abgebaut werden. Immer wieder steht das Vorhaben auf der Kippe. Im fortlaufenden Wechsel zwischen Berlin und Teheran fängt Football Under Cover diese mitunter nervenaufreibenden Vorbereitungen ein, wobei er vornehmlich die Akteure – auf beiden Seiten – selber zu Wort kommen lässt.

Der Film leistet Beachtliches und das auf ganz unprätentiöse Weise. Zunächst einmal liefert Football Under Cover einen vorurteilsfreien Einblick in das Leben junger Iranerinnen, die über ihre Freude am Fußballspiel Selbstbewusstsein entwickeln und lernen, sich zu emanzipieren. Gleichzeitig schlägt Najafis und Assmanns deutsch-iranisches Projekt eine Brücke zwischen zwei vollkommen unterschiedlichen Kulturkreisen, wobei ihr Film die fragwürdigen Moralvorstellungen des Mullah-Regimes quasi im Vorbeigehen der Lächerlichkeit preisgibt. Als westlicher Zuschauer mag man den Kopf schütteln, wenn in der Halbzeitpause des Freundschaftsspiels eine Sittenwächterin an das Mikrofon tritt und die rund 1000 Zuschauerinnen auffordert, ihre Begeisterung zu zügeln und sich sittsamer zu benehmen. Für die iranischen Spielerinnen gehören solche Schikanen jedoch zum Alltag.

Football Under Cover

Die Frauen haben sich mit der Situation in ihrem Land arrangiert, was nicht heißt, dass sie den Status Quo akzeptieren würden. Sie üben vielmehr stillen Protest, indem sie immer wieder den geltenden Moralkodex unterlaufen. Niloofar verkleidet sich beispielsweise als Junge, um so auch einmal ohne Kopftuch im Park trainieren zu können. Dennoch hat das Patriarchat zu jeder Zeit unmissverständlich das Sagen. Umso amüsanter ist es daher mitanzusehen, wenn plötzlich die Männer ihre Grenzen aufgezeigt bekommen. In der Umkehrung einer Szene aus Jafar Panahis Spielfilm Offside (2006) müssen Najafi und der Präsident des BSV Al-Dersimspor vor den Toren des Fußballstadions warten, während die beiden Frauen-Mannschaften im Inneren ihr Freundschaftsspiel bestreiten.

Bei allem, was die Spielerinnen aus Deutschland und dem Iran auch trennen mag – ihr Alltag, ihre Lebenswirklichkeit in ganz unterschiedlichen Gesellschaftssystemen –, letztlich sind es die Gemeinsamkeiten, die in Erinnerung bleiben und auf die Football Under Cover abstellt. Im Sport, dessen Sprache bekanntlich universell ist, finden alle Freude und Bestätigung, ganz gleich, ob sie in Teheran oder Berlin-Kreuzberg aufgewachsen sind. Aber gerade für die jungen Iranerinnen besitzt das erste Spiel vor Publikum auch eine nicht zu unterschätzende symbolische Bedeutung, brauchen sich die Frauen doch nicht länger zu verstecken. Und so kann bereits ein eigentlich harmloses Fußballspiel zum politischen Statement werden.

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