Focus

Viel Style um nichts: In Glenn Ficarras und John Requas Film um zwei sich liebende oder betrügende Schwindler wartet man eher unaufgeregt auf die abschließende Wendung.

Focus 01

Von seinem Balkon guckt Nicky (Will Smith) auf den Mardi-Gras-Umzug von New Orleans und sieht Dinge, die anderen verborgen bleiben. Ein zweites Schauspiel spielt sich dort ab, für das die aufwändigen Kostüme und Musikkapellen nicht mehr als ein geeignetes Setting sind. Hände flitzen da unten in Handtaschen mit Geldbeuteln oder technischem Gerät, Uhren werden von ihren Handgelenken gelöst, Kreditkarten aus Hosen genommen, Objektive von ihren Kameras geschraubt. Andere Hände sind zur Stelle, nehmen sich der Beute an und leiten sie weiter in wieder andere Hände: Keine Einzeltäter arbeiten dort unten, sondern Nickys professionelle Abzockerbande, ein stark besetzter Kader von Trickbetrügern, der bald Millionen unter sich aufteilen kann. Und mittendrin „Praktikantin“ Jess (Margot Robbie), der Nickys besonderes Interesse gilt, weil Mardi Gras auch ihr Begrüßungsbeutezug ist. Schon bald wird Nicky ihr nicht mehr nur Tipps geben, nicht nur mit ihr schlafen, sondern ihr auch gestehen, dass er in seiner Betrügerlaufbahn ein solches Talent wie sie noch nicht gesehen hat. Eine gewisse Spannung ergibt sich in Focus deshalb schon aus der Frage, ob der Con-Man-Film sich der RomCom bemächtigt oder andersrum; ob das ganze Wer-ist-wem-voraus die Liebe nur verzögern soll oder ob die angetäuschte Romanze im Dienste der abschließenden Alles-doch-nochmal-ganz-anders-Wendung steht, auf die solche Filme in der Regel hinauslaufen.

Wie auf unsichtbaren Schienen

Focus 13

Auch Glenn Ficarra und John Requa (Crazy, Stupid, Love, 2011), die diesen Film geschrieben und inszeniert haben, sehen von ziemlich weit oben auf das von ihnen orchestrierte Treiben hinab. Auch sie wissen, was wann und wie passieren soll, erkennen jene Struktur, die uns verborgen ist. Doch anders als Nicky tragen die beiden ihr Gewinnerlächeln dort oben nicht zur Schau, weil sie der von ihnen erdachten Figurenkonstellation vertrauen, sondern weil sie die Fäden ganz fest in ihren Händen wissen. Ihr eigener Coup ist gerade nicht perfekt durchdacht, sondern kennt einfach von vornherein keine Hindernisse, spielt sich ab in einer perfekten Welt, in der die Handtaschen und Armbanduhren an Körpern baumeln, die eh keinen Widerstand leisten. Ein bisschen erzählerische Willkür gehört natürlich zum Genre, wir lassen uns an und für sich ja nur allzu gern für die unwahrscheinlichsten Tricksereien begeistern; aber doch immer noch am liebsten, wenn die Achterbahn der überraschenden Wendungen so schnell und glatt über die Schienen brettert, dass wir schwindelerregt über Richtungswechsel und mögliche Endpunkte gar nicht erst nachdenken können. Focus jedoch fährt eigentlich eher gemächlich, eben nur auf unsichtbaren Schienen, sodass wir nie überhaupt nur eine Chance haben herauszubekommen, wo es vielleicht langgehen könnte.

Stylish und brav

Focus 04

Man kann dann wenigstens die schöne Aussicht genießen: auf den Charme von Will Smith etwa, der nach all den Mühen ums große Ganze endlich mal wieder ganz er selbst oder zumindest Will Smith sein darf; auf die bisweilen geradezu knisternde Erotik zwischen ihm und Margot Robbie; auf die schicken Kostüme und überhaupt die Coolness dieses Films, der sich konsequenterweise so selbst gefällt, wie seine stylishen Figuren sich eben selbst gefallen. Focus ist dann aber doch längst nicht so smart, wie er es von seinen Protagonisten behauptet; schade vor allem, dass bei so viel schickem Aussehen der Inhalt so bieder ist. Der Genuss der Enthüllungen gleich zweier Subclous setzt jedenfalls weniger eine suspension of disbelief voraus als eingeübten BWLer-Positivismus – den Glauben an die Prämissen von Marketing-Psychologie und Verhaltenssoziologie. Entsprechend brav auch der in Focus ausgefochtene Geschlechterkrieg; Jess soll diesen dann doch lieber nicht in der eigentlich angekündigten Rolle des gleich smarten Gegenüber ausfechten, sondern mit den Waffen einer Frau.

Focus 06

Mitten im Film ein Zeitsprung: „Three years later.“ Die Zähler auf null gesetzt, ein neues Match beginnt. Im Unklaren gelassen über die vergangene Zeit. Zwei Figuren aufs Neue kennenlernen, die man auch vorher noch nicht richtig kannte. Und schon wieder das Gefühl, das dieser Film nicht genial betrügt, sondern fies cheatet. Und so ist der zweite Teil von Focus noch viel stärker dem Gestus der Beliebigkeit ausgesetzt als der erste. Man riecht die Wendepunkte zwar nicht zehn Meilen gegen den Wind, wie es oft heißt – aber auch nur, weil der Film seinem Zuschauer von vornherein die Nase zuhält, auf dass dieser gar nicht erst zu schnuppern beginnt. Während sich Sicarra und Requa dort oben auf dem Balkon die Hände reiben, wartet man dann eigentlich nur noch aufs Endergebnis.

Trailer zu „Focus“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.