Flying Scotsman – Allein zum Ziel

Jonny Lee Miller radelt sich frei. In Douglas Mackinnons Kinodebüt spielt der Brite die schottische Radsportlegende Graeme Obree, der in den neunziger Jahren zweimal Weltmeister in der Einerverfolgung wurde und nebenbei gegen seine Depressionen kämpfte.

Flying Scotsman – Allein zum Ziel

Die Engländer hatten immer schon ein besonderes Verhältnis zu den Schotten. Es ist ein bisschen so wie bei Asterix, Obelix und den Römern. Wobei die Schotten in diesem Fall natürlich die Gallier darstellen: Immer gegen die Obrigkeit, in diesem Fall die Engländer. Schotten tragen Röcke, werfen Baumstümpfe, trinken Whisky, sind einfach ein bisschen rauer als ihre südlichen Nachbarn. Der flinke und filigrane Radsport ist also nicht unbedingt das erste, was man mit dem Volk im Inselnorden verbindet.

In den Neunzigern war es dennoch ein Schotte aus ärmlichen Verhältnissen, der gleich zweimal den Stundenweltrekord im Bahnradfahren aufstellte und zweifacher Weltmeister in der so genannten Einerverfolgung wurde. Er baute sich dafür sein eigenes Fahrrad aus Alteisen und den Lagerschalen der Waschmaschine seiner Frau. Dass er damit den Stundenweltrekord brach, war dem Radsportverband UCI wenig angenehm – einflussreiche Sponsoren wurden unruhig. Obrees Gegner war übrigens – Ironie des Schicksals – ein Engländer.

Flying Scotsman – Allein zum Ziel

Diese, zugegebenermaßen beeindruckende, Geschichte erzählt der britische Regisseur Douglas Mackinnon nun in Flying Scotsman – Allein zum Ziel. Der Film beginnt mit dem Blick auf einen Mann, der durch den Wald geht. Auf seinen Schultern trägt er ein Fahrrad. Er wirft ein Seil über einen Baum: Der Mann will sich erhängen. Es folgt eine Rückblende, optisch an die Ästhetik der Super-8-Filme angelehnt: Der junge Graeme, Sohn eines Polizisten, wird in der Schule regelmäßig verprügelt, auch weil er den Verfolgern nicht schnell genug entkommen kann. Die Eltern schenken ihm ein Rad. Von nun an ist er schneller als die prügelnden Knaben.

Es ist die alte Geschichte des Underdogs, der sich mit zähem Willen nach oben beißt und sich gegen seine Gegner durchsetzt, die Mackinnon erzählt – durchaus auch auf symbolischer Ebene, immerhin besiegt ein Schotte einen Engländer. Diese Story paart der Regisseur mit der des vergangenheitsgeplagten Jungen, der lernen muss, sich seinen Ängsten zu stellen. Mit dem Rad kann Graeme seinen Verfolgern zwar entkommen. Schließlich sieht er sich dennoch gezwungen, sich diesen, Jahre später am selben Ort, zu stellen. Und damit, so suggeriert der Film, auch dem Grund seiner Depressionen, die ihn seit der Kindheit plagen.

Flying Scotsman – Allein zum Ziel

Regisseur Mackkinnon erzählt die Geschichte Obrees, mit Ausnahme vereinzelter Rückblenden in die Kindheit des Protagonisten, sehr geradlinig. Der Ausschnitt aus Obrees Erwachsenenleben, den Mackkinnon gewählt hat, erstreckt sich über die erfolgreichen Jahre des Radrennfahrers. In 96 Minuten möchte der Regisseur dabei den Charakter eines ungewöhnlichen Sportlers zeigen, eingebettet in die spannende Geschichte eines Einzelkämpfers, der sich mit beschränkten Mitteln gegen die Konkurrenz durchsetzt.

Dabei bedient sich Mackkinnon visuell einer eher konservativen Bildsprache, es gibt wenige Ausbrüche aus der starren Kameraperspektive. Zwar zeigt Kameramann Gavin Finney Millers angestrengtes Gesicht während der Rundfahrten in Großaufnahme in einer fast surrealen Umgebung und filmt den Schattenwurf des Fahrrads auf der Rennbahn, meist beobachtet jedoch die Kamera schlicht die Gesichter der Schauspieler.

Sie sind es wohl auch, die den Film tragen sollen. Dies gelingt im Falle des Hauptdarstellers sehr gut. Jonny Lee Miller spielt Graeme Obree als willensstarken, besessenen Mann, der es dank der Unterstützung seiner Frau (Laura Fraser) schafft, neben seiner Radsport-Leidenschaft eine Familie zu gründen. Millers Spiel ist subtil, mit kleinen Gesten macht er die inneren Konflikte seines Charakters deutlich. Die übrigen Personen hingegen verblassen in Flying Scotsman zu Stereotypen: Die gute Ehefrau, der gütige Priester, der böse – übrigens deutsche – Chef des Radsportverbands. Die Darsteller dieser Figuren werden in ihren Möglichkeiten in einer auf Obree fixierten Dramaturgie beschränkt.

Flying Scotsman – Allein zum Ziel

Auch die Depressionen Obrees werden als Randnotiz behandelt und im Wesentlichen auf die Kindheitserlebnisse zurückgeführt. Zwar gibt es immer wieder Momente, in denen man Miller starr vor sich hinblickend sieht, und es wird auch mehrfach auf seinen labilen psychischen Zustand hingewiesen. Dennoch ist es kaum nachzuvollziehen, warum dieser Mann schließlich sein Fahrrad schultert und im Wald Selbstmord begehen will. Man bekommt den Eindruck, dass Obrees Krankheit vor allem dramaturgisches Mittel ist, nämlich die Motivation, die er braucht, um mittels der sportlichen Leistungen seinen Problemen zu entfliehen.

Regisseur Mackkinon scheint sich nicht so recht entschieden zu haben, wie er seine Geschichte erzählen möchte. Einerseits liegt in Flying Scotsman der Fokus auf der Psychologisierung des Charakters Obrees, andererseits will Mackkinnon die spannende Erfolgsstory eines Außenseiters darstellen. Beides muss sich nicht von vorneherein ausschließen. In diesem Fall ist das Ergebnis ein zwar straff erzählter Film, über dessen Charaktere man aber zu wenig erfährt, um wirkliches Interesse für sie zu entwickeln.

 

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