Flucht nach Berlin

„Es lebe die Freiheit!“ 1960 drehte Will Tremper einen hitzigen Genrefilm über zwei Männer, die aus der DDR flüchten wollen. Gelungen ist ihm damit ein frühes Meisterwerk des jungen deutschen Films, das endlich auf DVD erhältlich ist.

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Filmemacher sollten mehr Zeitung lesen. Sie würden darin eine Vielzahl spannender Kinostoffe finden, aus denen sie nur noch etwas machen müssten. Dieser Meinung war zumindest Will Tremper, der mit seiner abenteuerlichen Lebensgeschichte bewies, dass ein Reporterjob bei der B.Z. ohne Weiteres ein Filmstudium ersetzen kann. Schlagzeilenkino wurden seine Filme genannt – und häufig schwang dabei ein verächtlicher Tonfall mit. Tremper wusste jedoch, wie man eine Geschichte erzählen muss. Bereits in seinem Regiedebüt Flucht nach Berlin (1960), der auf einem für die Zeitschrift Stern verfassten Tatsachenroman basierte, setzte er einen aktuell brisanten Stoff als hitzigen Genrefilm um. Man glaubt es kaum, aber Flucht nach Berlin war erst der dritte Film aus der BRD, der sich mit der Teilung Deutschlands beschäftigte. Ein finanzieller Erfolg wurde er dennoch nicht. Dafür aber ein frühes Meisterwerk des jungen deutschen Films, noch bevor die Unterzeichner des Oberhausener Manifests ihre Kugelschreiber zücken konnten. Das DVD-Label Darling Berlin hat Trempers Debüt nun neu herausgebracht – als liebevoll gestaltete Edition, die sich ihrer filmhistorischen Bedeutung bewusst ist.

Populär und unbequem

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Ein Jahr, bevor die Mauer gebaut wurde, erzählt Tremper von zwei Männern aus dem Osten, die von einem Tag auf den anderen ihren Lebensinhalt verlieren. Einer von ihnen, der Bauer Hermann (Narziß Sokatscheff), lebt in einem Dorf, das sich gegen die landwirtschaftliche Zwangskollektivierung auflehnt. Als er sich eingestehen muss, dass dieser Kampf nicht gewonnen werden kann, haut er ab und versucht mit einer Schweizer Touristin über die Havel nach Westdeutschland zu fliehen. Die vernebelten Felder, verlassenen Straßen und finsteren Wälder Sachsen-Anhalts (tatsächlich wurde in Hessen gedreht), an denen die beiden vorüberziehen, haben so gar nichts mit der quietschbunten, verniedlichten Ostalgie-Welt zu tun, die uns hierzulande immer wieder aufgetischt wird. Flucht nach Berlin ist aber auch kein Schauermärchen über den düsteren Osten. Tremper bezweifelt, dass es auf der anderen Seite wirklich besser ist. Das dekadente Großbürgertum, das sich im Grenzbereich auf seinen Jachten aalt, lässt zumindest daran zweifeln. Das „Es lebe die Freiheit“ einer beschwipsten westdeutschen Society-Lady, mit dem der Film ursprünglich enden sollte, war dem Verleih denn auch zu zynisch. Stattdessen bleibt der Schluss in der heutigen Fassung offen – und damit zwar mysteriös und ungewiss, aber eben auch weniger beißend.

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In Flucht nach Berlin präsentiert sich das deutsche Kino von einer viel zu selten gezeigten Seite, bei der sich das Populäre und das Unbequeme nicht ausschließen müssen. Wie in amerikanischen B-Movies wird hier nicht nur hartes, unsentimentales Genrekino mit Schlägereien und Verfolgungsjagden geboten, sondern auch eine Bühne für Figuren geschaffen, die in größeren Produktionen keinen Platz finden. Hermann ist zwar mehr oder weniger der Held des Films, aber kein Mensch, den wir mögen müssen. Er ist ruppig zu seiner Frau und schlägt seinen Sohn. Ein Lächeln sucht man in seinen Gesichtszügen vergebens. Mit dem jungen Parteifunktionär Claus (Christian Doermer) – einem linientreuen Ekelpaket, wie es im Buche steht – wird ihm ein Gegenspieler an die Seite gestellt, der eigentlich ein klassischer Bösewicht, hier aber das heimliche Zentrum des Films ist. Hinter der Fassade des unscheinbaren Milchbubis brodelt eine dämonische Wut auf jeden, der sich nicht dem System beugen will, aber auch auf sich selbst, weil er, nachdem er wegen Hermanns Flucht aus der SED ausgeschlossen wird, keine andere Wahl hat, als sich ebenfalls in den verhassten Westen abzusetzen.

Instinkt statt Intellekt

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Viele Kritiker haben Tremper damals verübelt, dass er gegen Ende die Spannungsschraube anzieht. Doch eigentlich ist das nicht das Problem des Films, sondern einer Kritik, die soziale Relevanz nicht mit Unterhaltung zusammendenken kann. Das Reißerische bei Flucht nach Berlin ist wichtig, damit der Zuschauer überhaupt erst hinschaut. Spannender ist ohnehin das, was nach dem Aufmacher kommt. Tremper interessiert sich nämlich nicht nur für eine Story oder seine zwei Hauptfiguren, sondern für die Beschaffenheit eines Landes, das sich irgendwo zwischen Zweitem Weltkrieg und Mauerfall an einer neuen Ordnung versucht. Die Kamera (großartig: Günter Haase, Gern von Bonin) kennt in ihrer Neugier keine Grenzen. Manchmal entfernt sie sich ganz von der Handlung und öffnet eine Schneise für kurze Episoden, angedeutete Geschichten und kleine Realitätssplitter. Sie folgt einer Gruppe von Kindern, die einen Schleichweg entlangrennen, oder einem Vopo-Hund, der sich in den Westen verirrt hat und dort von einem erregten Mob gejagt wird, schwenkt auf obszöne Kritzeleien („Herr Strauß, der baut Raketenbasen, drum werden wir ihm den Hobel blasen“) oder einen alten Bahnwärter, der dem harten Regiment der NVA milden Pragmatismus entgegensetzt. Tremper hat ein wahnsinnig gutes Auge für Details. Er weiß, wie die Leute aussehen, wie sie sich verhalten und wie sie reden. Jede noch so kleine Figur in Flucht nach Berlin hat ein Eigenleben, das nicht von der Handlung abhängig ist.

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Es ist bezeichnend, dass der Aufschwung des Förder- und Autorenkinos in den späten 1960er Jahren mit dem frühen Ende von Trempers Karriere zusammenfiel. Er selbst meinte dazu: „Filmförderung ist doch Gift für meine Art, Filme zu drehen. Ich sehe etwas und sage ‚Daraus machen wir jetzt ’nen Film!‘ Und wir fangen sofort an.“ Da spricht natürlich wieder der Zeitungsmann, für den eine Nachricht an Wert verliert, wenn man sie nicht rechtzeitig bringt. Doch für Trempers Kino, das eher seinem Instinkt als seinem Intellekt folgt, ist die hohe Geschwindigkeit tatsächlich eine nicht zu unterschätzende Voraussetzung. Flucht nach Berlin zeigt sehr eindrücklich, dass ein Film in der Lage ist, unmittelbar auf äußere Umstände zu reagieren – impulsiv, aber trotzdem mit äußerster Sorgfalt.

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