Flotel Europa

Zwangsläufig politisch. Mit alten VHS-Aufnahmen erzählt Vladimir Tomic von seiner Jugend auf einem Flüchtlingsschiff.

Flotel Europa 02

Nachdem Flotel Europa begonnen hat, sind sich einige Zuschauer im Berliner Kino Arsenal offensichtlich nicht ganz sicher, ob mit der Projektion alles in Ordnung ist. Zu sehen sind alte, schlierige VHS-Bilder vom Kopenhagener Hafen. Sie zeigen eine bosnische Familie (eine Mutter und ihre zwei Söhne), die vor der Kamera erzählt, wie es ihr in ihrem neuen Zuhause – einem Containerschiff für jugoslawische Flüchtlinge – geht. Die etwas verlegenen und maulfaulen Jungen überlassen ihrer Mutter das Wort. Selbstbewusst spricht sie in die Kamera, stichelt mit einer warmen Vertrautheit gegen ihre Söhne und versichert den Zurückgebliebenen in der Heimat immer wieder, dass sie keine weichgespülte Version ihrer Erlebnisse schildern wird, sondern nichts als die Wahrheit. Während sie redet, schieben sich weiße Störbalken ins Bild, manchmal wird sogar die ganze Leinwand für mehrere Sekunden von einem weißen Rauschen beherrscht. Im Zeitalter der unbeschränkten Postproduktions-Möglichkeiten stellt sich dabei natürlich die Frage, warum Regisseur Vladimir Tomic in seinem fast ausschließlich aus alten VHS-Aufnahmen bestehenden Film selbst die gröbsten technischen Fehler nicht getilgt hat.

Alltag in der Ausnahmesituation

In seinem Langfilmdebüt erzählt Tomic (er ist der jüngere der beiden Söhne), wie er seine Jugend in einer Parallelwelt verbracht hat. Während Anfang der 1990er Jahre in Jugoslawien ein hässlicher Krieg tobt, wächst er in einem schwimmenden Ghetto in Skandinavien auf. Die Situation im Exil wirkt seltsam paradox: Isoliert von der dänischen Gesellschaft leben hier auf engstem Raum genau jene Volksgruppen zusammen, die sich 2000 Kilometer weiter bekriegen. Doch der kleine Vladimir, der in einer toleranten, multireligiösen Familie aufgewachsen ist, bekommt davon zunächst nicht viel mit. Aus dem Off erzählt der Regisseur vom Alltag in der Ausnahmesituation; vom wilden Leben mit der Clique, vom Gruppenwichsen in der Sauna oder dem ersten Rausch. Wenn Tomic gleich am Anfang seines Films die Makel des gealterten Materials hervorhebt, wirkt es, als beschreibe er damit den Prozess des Erinnerns. So wie die Videobänder über die Jahre gealtert sind, hat sich auch der Blick auf die Vergangenheit verändert. Und während sich die meisten Erinnerungen zu einer stringenten Handlung verdichtet haben, gibt es eben auch krisselige Bilder, die für das stehen, was dem Gedächtnis entfallen ist.

Überraschend heiter

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Flotel Europa erzählt eine betont subjektive Flüchtlingsgeschichte, und die Bedeutung dieses Unterfangens ist nicht zu unterschätzen. Dass nämlich die Bevölkerung der Gastländer den Asylsuchenden häufig mit Ignoranz und Unverständnis begegnet, hängt auch damit zusammen, dass die Probleme der Flüchtlinge für sie zu abstrakt sind. Bei den Bildern, die in der Öffentlichkeit zirkulieren, handelt es sich meist um plump nach Mitleid heischende Stereotype, die durch Außenstehende entstanden sind. Tomic setzt dem ein lebendiges und vielschichtiges Porträt entgegen, das von innen heraus erzählt wird und letztlich auch weniger Flüchtlingsschicksal ist als eine unsentimentale Coming-of-Age-Geschichte, in die zwangsläufig auch das Politische mit einfließt.

Natürlich ist dieses differenzierte Bild vor allem deshalb möglich, weil die Aufnahmen von Flüchtlingen selbst stammen. Vermeintliche Schönheitsfehler wie die ungelenke Kameraführung erweisen sich dabei als besondere Stärke des Films. Keine künstlerischen Absichten verschleiern hier die Essenz der Beobachtungen. Gefilmt wird einfach, was am eigenen Leben interessant ist. Das sind häufig überraschend heitere Alltagsbeobachtungen, die sich hinter den engen Wänden des Containerschiffs abspielen. Dabei sind etwa die Bewohner beim Kochen, Musizieren oder Herumalbern zu sehen und als Leitmotiv immer wieder Vladimirs heimliches love interest – die blonde Melissa, die unwissend in die Kamera lächelt.

Die modellierende Stimme

Tomic eignet sich diese Bilder noch zusätzlich durch den Voice-over an. Während man als Außenstehender zu den Aufnahmen zwangsläufig eine gewisse Distanz einnimmt, überbrückt der Regisseur diese mit lustigen Anekdoten oder einnehmenden, atmosphärischen Beschreibungen. Einmal sind die Bewohner etwa dabei zu sehen, wie sie bewegungslos vor dem Fernseher sitzen, um über die Nachrichten herauszufinden, wie es der Verwandtschaft geht. Tomic beschreibt dazu, wie sich eine eisige und lähmende Stimmung im Raum breitmacht. Immer wieder modelliert die Stimme aus der Gegenwart die Bilder der Vergangenheit. Dadurch werden wir im Laufe des Films schließlich auch Zeuge eines Reifungsprozesses. Erst spät realisiert Vladimir die Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen und die Verlorenheit der Jugendlichen, die oft erfolglos einen Platz in der dänischen Gesellschaft suchen. Weil die ferne Heimat nur unzureichend Halt bietet, zerbrechen sie an Alkohol und Drogen.

Ganz der Maxime seiner Mutter folgend, widmet sich Tomic in Flotel Europa der ungeschminkten Wahrheit. Dass er dabei nicht versucht, eine Wahrheit zu finden, die allem gerecht wird, sondern nur seine Version davon, ist eine der Besonderheiten dieses schönen Films. Denn obwohl die Geschichte sehr persönlich ist, drückt sich in ihr auch exemplarisch das Schicksal vieler gleichaltriger Flüchtlinge aus. Das wird besonders dann deutlich, wenn der Film für kurze Momente keine Amateuraufnahmen zeigt, sondern Ausschnitte aus einem Spielfilm über den Nationalhelden Boško Buha, der mehrmals als Stellvertreter für Vladimir auftritt. Mit seiner zu großen Uniform bringt der junge Partisanenkämpfer letztlich auch den Krieg wieder ganz unmittelbar in eine Welt, in der er nur indirekt präsent ist.

Trailer zu „Flotel Europa“


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