Tiefe Wasser

Kamerakunst vom Feinsten: Tiefe Wasser verwebt die Selbstsuche seiner Figuren kunstvoll mit der Geschichte der bewegten Bilder.

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U-Bahn-Haltestellen, namenlose Hinterhöfe, ziellose Autofahrten, Standstreifen. An solchen urbanen Orten des beschleunigten Verkehrs finden die Begegnungen der Protagonisten in Tomasz Wasilewskis Tiefe Wasser (Plynace wiezowce, auf dem Festival noch mit dem deutschen Titel Schwimmende Wolkenkratzer) statt. Dabei handelt es sich um genau jene globalisierten Räume der Durchreise, die keine Identität stiften und die Marc Augé als „Nicht-Orte“ bezeichnete. Kuba ist Leistungssportler, wohnt zusammen mit seiner Freundin Sylwia bei seiner Mutter und steht eigentlich auf Männer. Durch sein Fenster dröhnt täglich der Lärm der angrenzenden Schnellstraße, auf deren nahegelegene Überführung er sich immer wieder zum Nachdenken zurückzieht. Das ständige Durchqueren dieser ephemeren Räume liest sich zugleich als Spiegel seines Identitätsverlusts und seiner Selbstsuche. Das Chaos ist komplett, als sich Kuba in Michal verliebt.

Fragmente aus einem Leben

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Männliche Stimmen, Stöhnen und Wassertropfen. Eine starre Einstellung zeigt vier verschlossene Türen einer öffentlichen Toilette. In der nächsten Szene folgt eine Handkamera einem jungen Mann, der keuchend durch den Wald joggt. Wieder ein Schnitt, und eine Unterwasserkamera erfasst die fast lautlosen Bewegungen einer Handvoll Schwimmer, als sie wie in Zeitlupe durch ein Chlorbecken gleiten. Der junge polnische Kameramann Jakub Kijowski zeigt hier nicht nur drei verschiedene Modelle, wie man eindringlich Körperlichkeit erzeugt. Im Zusammenspiel zwischen mehreren Sequenzen im unterschiedlichen Tempo und mit wechselnder Stimmung entsteht eine ganz eigene narrative Dynamik. Eindrücke aus Kubas Leben werden stets als Fragmente erzählt. Die Kamera agiert wahlweise aus distanzierter oder subjektiver Position. Sequenzen brechen unvermittelt ab, ohne dass man es dramaturgisch erwartet hätte. Jede einzelne besitzt ihren ganz eigenen Erzählmodus, der sich zwischen Beobachtung, Bewegung und Innehalten austariert.

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Die schönsten Momente passieren in Tiefe Wasser, wenn visuelle innere Monologe und Momente der Selbstsuche und Lebenslust fast unbemerkt mit der Geschichte der bewegten Bilder zusammentreffen. Es entstehen Anleihen an technische Errungenschaften wie die Erfindung der Eisenbahn, Institutionen wie Jahrmärkte oder die zunehmende Verstädterung, die im Laufe des 19. Jahrhunderts eine andere Art des Sehens etablierten und auf diese Weise den Weg für das Medium Kino ebneten. Die zahlreichen nächtlichen Autofahrten führen durch ein urbanes flackerndes Lichtermeer, das immer wieder die Geschwindigkeit und Schnelllebigkeit der Großstadt ins Gedächtnis ruft. Kuba und Michal springen auf einen fahrenden Zug auf. Die Geschwindigkeit stilisiert die vorbeiziehende Landschaft ins Unerkennbare. Die zwei Verliebten bleiben wie in einer Zeitmaschine zurück. Eine Fahrt durch ein Parkhaus avanciert zusammen mit elektronischer Musik aus dem Off zur Geisterbahnfahrt ins Unterbewusstsein.

Schwarzer Humor und Amor fou

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Die Zerrissenheit zwischen dem konventionellen Leben mit Freundin und den Abenteuern einer neuen Liebe wird ständig durch auditive Zweideutigkeit betont. Stöhnen beim Sex vermischt sich mit Keuchen beim Sport. Ebenso wird mit Kubas Liebhabern verfahren. Ob er mit einem Mann oder einer Frau schläft, spielt keine Rolle. Es geht rein um die Befriedigung des Einzelnen, jeder bleibt für sich. Deshalb fokussiert die Kamera bei Sexszenen stets das Gesicht lediglich einer Person. Erst als Kuba mit Michal schläft, sind beide gleichzeitig im Bild.

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Gerade bei der Darstellung der Dreiecksbeziehung und der Konflikte innerhalb der Familie zeigt der Film besonderen Sinn für (schwarzen) Humor. Ein Mittagessen von Michal und Kuba, bei dem zufällig Sylwia dazustößt, avanciert zum Schweigewettkampf, bei dem Blicke töten können. Als Michal seiner gutsituierten Familie beim Abendessen eröffnet, dass er schwul ist, wird sein Bekenntnis mit angehaltenem Atem sofort abgetan und durch Lappalien überspielt. Mit der aufgeladenen Stimmung kurz vor der unangenehmen Offenbarung, gepaart mit der bewusst-ignoranten Abwehrhaltung der Familienmitglieder, gelingt es dem Regisseur, eine ähnlich intensive Atmosphäre zu schaffen wie Thomas Vinterberg in Das Fest (Festen, 1998). Wer weiß, ob Tomasz Wasilewski zu den Dogma-Anleihen durch die Zusammenarbeit mit Lars von Trier für Antichrist (2009) inspiriert wurde.

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Man kann Wasilewski durchaus vorwerfen, dass er inhaltlich zu viel will: Dreiecksbeziehung, die große Liebe, Homosexualität im Spannungsfeld von familiären Problemen und gesellschaftlichen Kontroversen, Identitätssuche, Klassenkonflikt. Das wird vor allem zum Ende hin deutlich. Hier verliert Tiefe Wasser seine zuvor etablierte Dynamik, die Narration verläuft sich in zu viele thematische Spannungsfelder rund um den Umgang mit Homosexualität, die der Regisseur bedienen will. Über dem thront jedoch die Kamera-Handschrift von Jakub Kijowski. Die zahlreichen nächtlichen Aufnahmen mit künstlichem Licht bestärken die ausgewählten Orte in ihrer Identitätslosigkeit. Die entsättigten Farben schaffen auch visuell ein Klima der gesellschaftlichen Tristesse, die eine Ablehnung von Vielfalt und Andersartigkeit beinhaltet.

Trailer zu „Tiefe Wasser“


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