Fliegende Fische müssen ins Meer

Meret Becker als Alleinerziehende, die von ihren Kindern verkuppelt wird: Diese Komödie erfüllt viele Klischees, vor allem das von der deutschen Humorschwäche.

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Man weiß nicht, ob Peter Müller den Film, den er beim Festival Max Ophüls Preis 2011 mit dem Preis des saarländischen Ministerpräsidenten auszeichnete, wirklich gesehen hat. Vielleicht waren es ja Berater, die sich auch in Sachen Kino für firm hielten und ihm über Fliegende Fische müssen ins Meer zuflüsterten: „Das poetische Märchen erzählt mit cineastischer Fantasie und Anarchie die berührende Geschichte einer dysfunktionalen Familie.“ So liest sich zumindest die Begründung für die Preisvergabe.

Poetisches Märchen. Bei manch einem mögen da schon die Alarmglocken schrillen, und zu Recht: eine schwammige Bezeichnung für eine dieser deutschsprachigen Komödien, die sich mit einer schwammig erzählten Geschichte beim Publikum anbiedern und für eine irgendwie „wohlige“ Atmosphäre sorgen wollen. Ein Feelgood-Movie im schlechtesten Sinn.

Die Geschichte erzählt von den Zumutungen, die die 15-jährige Nana wegen ihrer unmöglichen Mutter Roberta (Meret Becker) ertragen muss. Mit ihren beiden Geschwistern fristet sie ein prekäres Außenseiterdasein, weil die alleinerziehende Mama einen Aushilfsjob nach dem anderen verliert, ständig auf Geschäftsleute hereinfällt, die das putzige Dorf im schweizerisch-deutschen Grenzgebiet besuchen, und ungeheuer peinlich „Like a Virgin“ von Madonna trällert. Als das Jugendamt wieder einmal einschreiten und Roberta die Kinder wegnehmen will, werden die aktiv und suchen für ihre Mutter einen passenden Partner.

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Klingt abgenudelt. Ist es auch. Fliegende Fische müssen ins Meer erzählt von nichts wirklich, weder vom Leben in der Provinz noch von den Wirren der Pubertät und erst recht nicht von einer „dysfunktionalen Familie“. Keine Emotion, kein Thema ist stimmig, alles bleibt bloße Behauptung. Stattdessen sucht das Drehbuch verzweifelt nach Pointen, wird aber nicht fündig. Die Szenen mit der Dame vom Jugendamt sind überzeichnet, bleiben aber ohne echte satirische Spitzen; die mit der Suche nach einem geeigneten Heiratskandidaten beten in ermattender Einfallslosigkeit Rollenklischees herunter; Nanas Kommentare aus dem Off geben dem Geschehen keine „Poesie“ und keinen Reflexionsraum, sondern unterstreichen nur die Unfähigkeit des Drehbuchs, etwas Substanzielles  zu sagen. Es bleibt beim seichten Witz einer freitagabendlichen Degeto-Fernsehkomödie hängen. In Szene gesetzt ist das Ganze passenderweise in biederster TV-Ästhetik, und die Teilsynchronisation der schweizerdeutschen Parts beraubt den Film auch noch der wenigstens als reizvoll denkbaren Verortung in einem konkreten regionalen Raum.

Poesie? Cineastische Fantasie? Anarchie gar? Man weiß nicht, wo der saarländische Ministerpräsident und/oder seine Berater das angesichts der farblosen Durchschnittlichkeit von Fliegende Fische müssen ins Meer gesehen haben wollen. Da stellt sich die Frage: Braucht das Festival Max Ophüls Preis  wirklich einen Preis des Ministerpräsidenten?

Trailer zu „Fliegende Fische müssen ins Meer“


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Kommentare


Betterworld

Der Film ist ein absolutes Meisterwerk! Ich bin seit Jahren ein großer Fan von Güzin Kar. Ihre Bücher erscheinen im selben Verlag wie die von Woody Allen und Gerhard Polt. Seit diesem Film weiß jeder warum. Toller Humor, feine Figuren, witzige Dialoge. Nichts für deutsche Biedermänner und Möchtegernkritiker.


Urmel

Toller Film!!! Unbedingt schauen. Habe den Film in Ulm gesehen. Selten so viel Humor und Tiefgang auf einmal erlebt.


Martin Zopick

Die türkisch-stämmige Schweizerin Güzin Kar hat eine der besten Sozial-Grotesken der letzten Jahre abgeliefert. Mit dem doppeldeutigen Titel weist sie den Weg, der dem Film auch noch eine Message gibt: Aufstieg durch Bildung.
Die Handlung steckt voller äußerst lustiger Ideen, die offen entwaffnenden Dialoge treffen immer auf die zwölf und kommen mal aus der makabren Ecke, mal aus der altklugen. Bei aller Skurrilität schwingt immer eine menschlich anrührende Komponente mit. Dieser Spagat macht den Charme aus, dem man sich nicht entziehen kann.
Meret Becker als total durchgeknallte Mutter Roberta ist so gut wie nie und ihre Tochter Nana (Neuentdeckung Elisa Schlott) überzeugt mit einem nicht immer leichten Part. Sie muss den Weg ins Leben erst noch finden, ihre Familie versorgen und den ersten Liebekummer verkraften. Das Geschehen wird vom ‘ Chor der Bachforellen‘, die einheitlich farbig mal rot, mal gelb sind, kommentiert. Dieser Tratschverein der einsamen Herzen des Dorfes fungiert wie der Chor im antiken Theater – nur viel lustiger. Ein anderes Beispiel für die Komik: Roberta am Fuße einer Marienstatue: ‘Ich fühl‘ mich wie ein Haufen…‘(Schnitt) Blatsch! Eine Taube lässt was fallen auf Marias Gesicht. Die schauspielerischen und optischen Höhepunkte sind die Bewerbungsgespräche Robertas, die gespielten Heiratsanzeigen möglicher Lover von ihr und Nanas Sprung von der Brücke mit symbolträchtigen Unterwasseraufnahmen.
Witzig zwischen altklug und total daneben, charmant mit einem Spritzer Lebenserfahrung und einem sinnvollen Schluss.






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