Flandres

Seinen neuen Film siedelt Bruno Dumont zunächst in der weitläufigen Landschaft Flanderns an und zeigt eine Dreiecksbeziehung inmitten von Eifersucht, roher Sexualität und der Brutalität des Krieges.

Flandres

 Twentynine Palms (2003) markiert einen deutlichen Einschnitt in der Filmografie des französischen Regisseurs Bruno Dumont. Hatte Dumont in seinen ersten beiden Arbeiten Das Leben Jesu (La Vie de Jésus, 1997) und Humanität (L’Humanité, 1999) noch von Laien verkörperte proletarische Figuren vor der Kulisse der wenig aufregenden französischen Provinz in Szene gesetzt, konzentrierte er sich bei seinem nächsten Film auf ein von professionellen Schauspielern dargestelltes Künstler-Pärchen in der amerikanischen Wüste. So unterschiedlich die beiden Sujets auch sein mögen, dominiert doch in allen Filmen Dumonts der unbarmherzige Blick auf Menschen die Inszenierung. Ohne Sympathie zu heucheln oder moralisch zu werten beschreibt er das inhaltsleere Leben seiner Figuren und wie plötzlich die Gewalt herein bricht.

Mit seinem neuen Film Flandres knüpft Dumont motivisch wieder an seine Anfänge an. So handelt es sich bei dem Landwirt Demester (Samuel Boidon) mit seinem plumpen Äußeren und fast autistischen Wesen um eine typische Dumont-Figur. Die einzigen Höhepunkte in seinem von körperlicher Arbeit geprägten Alltag empfindet Demester, wenn er sich mit Barbe (Adélaide Ledoux) in eine Waldlichtung flüchtet und geradezu mechanischen Sex hat, ohne auch nur einen Blick oder eine Geste der Zärtlichkeit auszutauschen. Während der Landwirt ernsthaft in Barbe verliebt ist, vergnügt diese sich auch mit anderen Männern und hat in Blondel (Henri Cretel) einen neuen Favoriten gefunden. Kurz darauf ziehen Demester und Blondel gemeinsam in den Krieg.

Flandres

Flandres erzählt eine archaische Geschichte über Verlangen und Eifersucht, die man in jede beliebige Zeit übertragen könnte. Dass es sich bei dem nicht näher beschriebenen Kriegsgebiet eindeutig um ein arabisches Land handelt, ist einer von wenigen aktuellen Bezügen des Films. Dabei spielt jedoch weniger der Schauplatz eine wichtige Rolle, als der Rückfall einiger junger Männer aus der Provinz in ein unzivilisiertes und barbarisches Entwicklungsstadium, in welchem sie zu Opfern und Tätern jener Kriegsgräuel werden, die es tagtäglich in den Nachrichten zu sehen gibt. Gleichzeitig wird auch immer wieder die zurück gelassene Barbe mit einbezogen, die ihren Körper in der Zwischenzeit beliebig Stallarbeitern anbietet und an ihrem sich zunehmend verschlechternden psychischen Zustand zu zerbrechen droht. Der von den Soldaten lediglich mit einem regungslosen Gesichtsaudruck quittierte Wahnsinn des Krieges findet dann auch seinen wahren Ausdruck in der Krankheit Barbes, die ihr infernalisches Geschrei gegen unsichtbare Angreifer richtet.

Flandres

Die Gegenüberstellung zweier völlig unterschiedlicher Szenarien wird in ihrer Kontrastwirkung noch zusätzlich durch die Landschaft verstärkt. Schon in den ersten sorgfältig komponierten Cinemascope-Bildern des Films wird die Winterlandschaft Flanderns als dramaturgisches Mittel eingesetzt. Mit einer fast schon romantischen Auffassung der Natur als Spiegel der menschlichen Seele vermittelt ein grau bewölkter Himmel eine Ahnung von den inneren Konflikten der Figuren und dient gleichzeitig als bedrohliche Vorahnung des noch bevorstehenden Grauens. Solche Augenblicke stehen jedoch nie plakativ im Vordergrund, sondern nehmen lediglich einen Teil im Gesamtgefüge des Films ein. Obwohl die Kargheit der heißen Wüstenlandschaft durchaus Ähnlichkeiten zur Landschaft Flanderns aufweist, fungiert sie als Gegenpol. Mit den hier angesiedelten Kampfszenen begibt sich Dumont auf unbekanntes Terrain. Auch wenn diese Bilder motivisch aus einem Reservoir allgemein bekannter Kriegsfilme schöpfen, bleibt die Art der Inszenierung dem restlichen Stil des Films verpflichtet. So bieten diese Szenen weder Action noch aufwändige Spezialeffekte, sondern zeigen die Soldaten distanziert und mitleidslos wie Versuchskaninchen in einem wissenschaftlichen Experiment.

Flandres

Ebenso wenig wie es Dumont um eine psychologische Miteinbeziehung seiner Zuschauer zu gehen scheint, zeigt er sich auch an einer von Berufsschauspielern differenziert ausagierten Gefühlspalette keineswegs interessiert und setzt seinen aus wenigen, meist statischen Einstellungen bestehenden formalen Minimalismus durch ein von großer Einfachheit geprägtes Spiel seiner Darsteller fort. Demesters Unfähigkeit, seine Gefühle auszudrücken wird durch körperliche Handlungen kompensiert, was sich in Gegenwart von Barbe durch Sex ausdrückt und inmitten des Krieges durch Gewalt und übersteigerte Männlichkeitsriten. Solche einfachen Darstellungen führen jedoch nicht dazu, dass die Figuren psychologisch kategorisiert werden. Stattdessen zeigt Dumont Demester immer wieder wie er ausdruckslos ins Nichts starrt. Was in seinem Kopf vorgeht, bleibt im Verborgenen.

Kommentare


Martin Z.

’Flandern’ steht oft als Synonym für die Schlachten des 1.Weltkrieges, für Grabenkrieg und Materialschlacht, für die ’Paternoster-Kette des Todes’ oder die ’Blutpumpenstrategie’ der Heerführer. Hier sehen wir eine Landschaft, die im Matsch zu versinken droht. Meist ist es nasskalt oder Raureif überzieht die Äcker. Der Himmel ist grau, die Wolken hängen tief. Die Menschen sind wortkarg und verschlossen. Sex findet ohne Emotionen im Gebüsch statt. Wenn man von hier in den Krieg zieht, kann es eigentlich nicht schlimmer kommen. Doch weit gefehlt. In fast dokumentarischen Szenen erleben wir die Gräueltaten auf beiden Seiten der Front.
Die über weite Strecken langgezogene, wortlose Darstellung beeindruckt durchaus, stellt jedoch eine Herausforderung an unsere Sehgewohnheiten dar. Man wird wieder daran erinnert, welche Spuren der Krieg in der menschlichen Seele hinterlässt.






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