Flammend’ Herz

Die drei fast 90jährigen Protagonisten von Flammend’ Herz, dem berührenden Debütfilm von Oliver Ruts und Andrea Schuler, haben eine sehr spezielle Leidenschaft: das Tätowieren. Sie hat sie zusammengebracht und verbindet sie bis heute. Der Film lässt die Männer selbst ihre Geschichten erzählen, immer auf der Suche nach einem erfüllten, selbst bestimmten Leben. Auf der Berlinale 2004 wurde Flammend’ Herz mit dem von einer deutsch-französischen Jugendjury vergebenen Preis „Dialogue en Perspective“ ausgezeichnet.

Flammend’ Herz

„Ich bin so wie ich bin.“ sagt Herbert Hoffmann zu Beginn des Filmes Flammend’ Herz. „Ein Tätowierter und ein Primitiver.“ Der Mann entspricht so gar nicht dem gängigen Vorurteil, das das Gros der Gesellschaft gegenüber Tätowierten hat, auch wenn Tattoos inzwischen als Modeerscheinung durchaus akzeptiert werden. Herbert Hoffmann ist ein Mitachtziger mit lebendigen Augen, der ein bisschen aussieht wie der Kapitän aus der Iglu-Werbung. Er ist ein Tätowierer, der lange in Hamburg die „Älteste Tätowierstube“ geführt hat und der von sich behauptet, dass diese Leidenschaft einfach im ihm stecke „wie eine Erbanlage, wie ein Geburtsfehler“.

Flammend’ Herz ist ein Film über Herbert Hoffmann und seine beiden Freunde Karlmann Richter und Albert Cornelissen, deren Herzen sozusagen „entflammt“ sind für das Tätowieren. Ihre Körper sind Kunstwerke, die dem Zuschauer im Debütfilm von Andrea Schuler und Oliver Ruts (der selber auch seit 1989 als Tätowierer arbeitet) in ihrer Ganzheit und auch in ihrer Schönheit präsentiert werden. Die Männer erzählen ihre unterschiedlichen Lebenswege, die sich irgendwann in Hamburg getroffen haben.

Flammend’ Herz

Herbert Hoffmann wurde in Pommern als Metzgersohn geboren und preußisch erzogen. Seine eigentliche Arbeit als Vertreter gab er in den 1960ern auf, um in Hamburg ein Tätowiergeschäft zu übernehmen. Später übernahm er die „Älteste Tätowierstube“ vom „König der Tätowierer“ und führte sie bis 1981. Danach zog er in die Schweiz, wo Andrea Schuler und Oliver Ruts ihn auf der Suche nach den Wurzeln des Tätowierhandwerks 1999 aufsuchten. Die Begegnung war der Grundstein für eine langfristige Zusammenarbeit und die Publikation zweier Bildbände [Herbert Hoffmann: Motivtafeln, 2001; Bilderbuchmenschen, 2002].

Hoffmanns ehemalige Wegbegleiter Karlmann Richter und Albert Cornelissen leben nach wie vor in Hamburg. Karlmann Richter ist Spross einer der ehemals reichsten Kieler Familien, hat sich aber immer nach etwas anderem gesehnt: „Was interessierte mich die trockene Wissenschaft, wo ich doch tätowiert auf Schiffen unter Gleichgesinnten leben wollte.“ Albert Cornelissen dagegen ist vielleicht der einzige, dessen Lebensweg geplant verlaufen ist. „Ich hatte zehn Onkel, die alle tätowiert waren und wunderbare Abenteuergeschichten erzählten. Ich hätte mir nie vorstellen können, etwas anderes als Seemann und Tätowierer zu werden.“

Flammend’ Herz

Flammend’ Herz lässt dem Zuschauer Zeit, sich auf die ungewöhnlichen Protagonisten einzulassen. Im Gegensatz zu vielen Dokumentationen gibt es keinen kommentierenden Off-Erzähler. Wenn schon aus dem Off geredet wird, dann nur von den drei Herren. Diese entblößen ihre Seele mit derselben Selbstverständlichkeit mit der sie auch ihren Körper der Kamera präsentieren. Ob die Geschichten der Drei immer der Wahrheit entsprechen bleibt ihr Geheimnis. Jeder lebt eben im Zweifelsfall seine eigenen Lebenslügen.

Andrea Schuler und Oliver Ruts haben einen rührenden, einfachen Film gedreht, der ganz zu Recht auf der diesjährigen Berlinale mit dem deutsch-französischen Jugendpreis „Dialogue en Perspektive“ ausgezeichnet wurde. Sie verlassen sich ganz auf die Ausstrahlung ihrer Protagonisten, deren Erzählungen sie nur dezent mit Musik von den Dead Brothers untermalen. Schuler und Ruts spielen gekonnt mit den Gegensätzen zwischen den Klischees der Tätowierwelt und der bürgerlichen Normalität und entscheiden sich dabei nicht für eine Seite. Im Gegenteil, sie schaffen es sogar, diese Gegensätze aufzuheben.

Ein ergreifender, vielleicht auch schockierender Moment ist zum Beispiel die Szene, in der Karlmann sich anlässlich eines Besuchs in seinem Geburtshaus ankleidet. Zuerst sieht man einen alten, am ganzen Körper tätowierten und gepiercten Mann, der sich vorsichtig sein Hemd anzieht und sein Sakko überstreift. Zum Schluss bindet er sich noch ein Halstuch um. Aus dem alten, tätowierten Mann ist ein feiner älterer Herr geworden. Aus Karlmann, dem Tätowierer aus Hamburg, ist fast wieder Karlmann, der Junge aus gutem Hause, geworden. Für ihn war es ein langer Kampf, seine Lebensweise als Tätowierter und Tätowierer zu akzeptieren und auch seine Vergangenheit nicht zu verleugnen. Trotzdem hat er niemals aufgehört, diesen Kampf auszufechten. Das kann man auch als Aussage des Films sehen: Kämpfe darum, dein Leben so zu leben wie du willst. Irgendwann kann man dann hoffentlich (wie Herbert Hoffmann) sagen: „Ich bin ich.“

 

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