Five Minutes of Heaven

Trauma – Entertainment: Five Minutes of Heaven versucht sich wie viele britische Filme an der Verbindung von filmischer Unterhaltung und politischer Brisanz, und das gelingt beeindruckend gut.

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1. Akt: Coming of Age in Nothern Ireland. Unablässig ticken die Uhren in Lurgan, 20 Meilen vor Belfast. Es ist 1975, blutige Hochphase der Troubles, und mit jeder Sekunde, jedem neuen Toten, jeder Bombenexplosion mehrt sich die Last, die der Bürgerkrieg seinen Kindern auf die Schultern legt. Der 17-jährige Alistair Little (Mark Davison) drückt sich noch schnell einen Pickel aus, zieht ein neues Hemd an und holt dann eine Holzkiste unter dem Bett hervor. Bauklötze, Malstifte, ein Teddybär, eine Spielzeugpistole – und eine .38 Smith & Wesson. Die Knarre im Kinderzimmer. Gut sieht er aus, und gut will er aussehen. Heute soll er ein Mann werden, am Tag seines ersten Mordes.

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Die Pubertät produziert überall ihre Initiationsriten, ihre Entscheidungsmomente, ihre Mutproben. Warum sollte das anders sein, wenn der Krieg tobt? Die Proben werden eben gewagter, wo es auch sonst oft um Gewalt geht und Prügelei, geht es nun eben um Mord. Diese Beobachtung, so schlicht wie erschütternd, bildet Ausgangspunkt, Herz und Wesen von Oliver Hirschbiegels Five Minutes to Heaven: ganz normale Jugendliche in einer ganz und gar nicht normalen Gesellschaft. Zu welchen Männern werden sie heranwachsen, wenn sie denn überleben? Alistair schießt im Auftrag der protestantischen Unionisten dem Republikaner Jim (Gerard Jordan) drei Kugeln in den Kopf, und dessen kleiner Bruder Joe (Kevin O’Neill) steht mit dem Fußball in der Hand daneben. Ein langer Blickkontakt, ein Verstehen: Unsere Jugend ist vorbei, und wir werden uns für immer hassen.

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2. Akt: Mediensatire. „Wenn ich über den Mann reden soll, der ich geworden bin, muss man wissen, was für ein Mann ich war.“ 33 Jahre danach.  Alistair Little (Liam Neeson) erzählt seine Geschichte in die Kameras und wartet auf Joe (James Nesbitt). Ein medial zelebriertes Versöhnen soll es werden, ein nationales Rührstück mit froher Botschaft: Der reuige Mörder trifft den Bruder seines Opfers. Seht her: The troubles are over. Aber Joe wartet oben mit dem Messer in der Hand, raucht Kette und ergeht sich in wirren Selbstgesprächen. Alistair sitzt unten, erdrückt von einer untilgbaren Schuld und heimgesucht von diesem Paar Augen, dem kleinen Jungen mit dem Fußball in der Hand.

Regisseur Hirschbiegel hat sichtlich Spaß daran, den Fernsehzirkus als widersinnige Farce zu inszenieren. Die Protagonisten sind stolpernde Kameraleute, unablässig lächelnde Visagistinnen und karrieregeile Programmdirektoren, die menschliche Schicksale nur als Material für gute Storys verstehen. Dankbare Opfer also. Irgendwie ist das aber auch ein bisschen unfair: Hirschbiegel nutzt seine Position aus, ihm hat das britische Fernsehen (BBC Two) die Möglichkeit gegeben, in Spielfilmform über die Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit zu reflektieren.

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3. Akt: Showdown in the Wild North. Der letzte Teil des Filmes kehrt dahin zurück, wo alles begann. Joe und Alistair in Lurgan, und zwischen ihnen eine offene Rechnung. Das Duell. Die Fernsehkameras sind weg, übrig bleiben nur die Bilder Ruairi O’Briens; farbensatt, schmerzhaft scharf und immer auf der Suche nach unverbrauchten Winkeln und Einstellungsgrößen. Der ganze Film wirkt optisch wie gedopt. Auch wenn der Regisseur ein Deutscher ist: Es ist dieser britische Look, der sich den Trends aus Hollywood konsequent verweigert, lieber zu stark überzeichnet und stilisiert, als in matschiger Düsternis zu verweilen. Die Farben brennen geradezu in den Augen, die Bilder bersten von Details, alles schreit schier nach einer Explosion.

In Five Minutes of Heaven werden disparate Versatzstücke mit purem Druck zusammengeschweißt. Der Film prügelt bis zuletzt vorwärts, unablässig Haken schlagend, wechselt Stil und Tempo, nie gleicht eine Einstellung der vorangehenden. Das ist extrem kurzweilig, aber auch äußerst zerfahren. Umso verwunderlicher, dass dieses Experiment glückt, dank furioser Regie, dank eines cleveren und gewagten Drehbuchs, dank zweier fantastischer Hauptdarsteller. Es ist Liam Neeson und James Nesbitt hoch anzurechnen, in diesem Bastard von einem Film ununterbrochen standfest zu bleiben. Ihre Präsenz und die ihrer Gesichter erden die Erzählung, bilden die Schicksalslinien des Films.

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Regisseur Hirschbiegel wiederum versteht es, die Impulse von Guy Hibberts komplexem Drehbuch gleichermaßen aufzugreifen und auszuformulieren. Aus allen darin verarbeiteten Genreversatzstücken destilliert er  Wirkungslinien, die er stets an die beiden Hauptfiguren zurückbindet. Ihre Lebenswege verknüpfen Bruchstücke einer heterogenen Geschichte: eine zu früh zerstörte Jugend. Ekel und Verlorenheit angesichts einer Gesellschaft, die auf flotte Versöhnung drängt. Schlichte Sehnsüchte nach Tod und Rache. Guy Hibberts Drehbuch ist trotz aller Ausschweifungen jedoch vor allen Dingen eines: dringlich. Auch, wenn dafür die ein oder andere Abkürzung genommen wird. Abseits des Mordtraumas bleiben die Lebenswelten der beiden Männer ziemlich unerklärt. Denn der nächste plot point wartet stets.

Dabei werden die Zuschauererwartungen ununterbrochen durchkreuzt: In einer sich ständig verdichtenden Atmosphäre der drohenden Katastrophe reihen Hirschbiegel und Hibbert einen Anti-Klimax an den nächsten, enthalten uns Zuschauern ewig den Knall vor – und damit auch die einfachen Antworten. Stattdessen blicken wir in Gesichter, in die Hass und Ratlosigkeit immer tiefere Furchen ziehen, hören psychotische Monologe, so selbstwidersprüchlich und strukturlos, dass durch die zerfasernde Grammatik die Fratze des Traumas schimmert. Dann kollabiert auch die Chronologie, und Hirschbiegel schneidet von den jungen Gesichtern der Jugendlichen auf die Männer, zu denen sie wurden; vorwurfsvolle Blicke durch die Zeiten, der Bruder des Opfers, der Mörder, das jüngere Ich. Der Vorwurf an die alten Männer, ob reuig oder von Hass zerfressen, die Anklage aus der Vergangenheit: Was sollen wir tun ohne die Jugend, die wir niemals gehabt haben werden?

Trailer zu „Five Minutes of Heaven“


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Kommentare


Gerry

Genial gut gemachter Film mit viel Spannung und klasse Darstellern. Hat mir gut gefallen, die letzten 5 Minuten etwas kitschig.






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