Fish Tail

Die Kraft des Vertrauens. Mit einem intimen Dokumentarfilm über portugiesische Fischer setzen Joaquim Pinto und Nuno Leonel ihrem Sehnsuchtsort ein Denkmal.

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Orte abseits der Zivilisation haben es dem portugiesischen Regisseur Joaquim Pinto angetan. In seinem letzten Dokumentarfilm What Now? Remind Me (E Agora? Lembra-me, 2013) hat er etwa einen Einblick in seinen kräftezehrenden Alltag mit dem HI-Virus gewährt und dabei auch gezeigt, wie er lebt. Wenn er nicht gerade auf Reisen ist, verbringt er die Zeit mit seinem Freund Nuno Leonel und ein paar Hunden in einem Landhaus am Busen der Natur. Es ist offensichtlich, wie sehr die Männer ihre Zeit in dieser ursprünglichen Umgebung genießen, und wie gut sie sich verstehen, merkt man schon daran, wie wenig sie miteinander sprechen müssen. 2002 ließen sich die beiden von einem anderen Sehnsuchtsort verzaubern, der Azoren-Insel São Miguel. Nachdem sie sich dort mit einigen Einheimischen anfreundeten, kamen sie ein Jahr später zurück, um für das portugiesische Fernsehen eine Dokumentation über die Fischer aus dem Ort zu drehen. Für seine Ausstrahlung wurde der Film dann allerdings stark gekürzt und verfremdet. Im Forum kann man nun den Director’s Cut von Rabo de Peixe sehen – eine vielfältig schimmernde Liebeserklärung an ein archaisches Leben.

Vertrauen als Fundament

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Das Einnehmende an Rabo de Peixe ist seine Intimität. Kein riesiges Filmteam steht hinter der Produktion, sondern nur Pinto und Leonel, die für Regie, Kamera und Sound verantwortlich sind. Vertrauen ist dementsprechend eines der Hauptfundamente des Films. Nicht nur das Vertrauen unter den beiden Regisseuren, sondern auch das zwischen ihnen und den Menschen, die sie porträtieren. Es sind junge Männer, um die es hier geht – teilweise eher noch Jungen, die aber durch die harte Arbeit und die Sonne schneller gealtert sind. Fast jeden Tag fahren sie mit ihren Kuttern aufs Meer, werfen ihre Netze aus und kehren mit Makrelen, Seehechten und Schwertfischen zurück, um sie für den Verkauf ins Ausland vorzubereiten. Ausbildung haben sie keine, Verträge werden mit Handschlag gemacht. Ein bisschen wirkt diese Welt, als wäre die Industrialisierung spurlos an ihr vorübergezogen.

Vor allem konzentriert sich der Film auf die Gruppe, die sich um den ehrgeizigen Pedro schart. Der wirkt ein bisschen wie der Poster-Boy der Fischer-Szene (zurückgegelte Haare, kantiges Gesicht, sinnliche Lippen) und hat sich gerade selbstständig gemacht. Dass Pinto und Leonel einen Film über ihn machen wollen, schmeichelt ihm. Der tiefe Graben, der zwischen den Künstlern und den Arbeitern klafft, lässt sich schnell mit Neugier und gegenseitigem Respekt überbrücken. Daraus entwickelt sich eine Beziehung auf Augenhöhe, später dann auch eine Freundschaft. Jeder kann von dem anderem etwas lernen: Die Fischer wollen wissen, wie man Filme macht, und die Regisseure wollen mit aufs Meer fahren. Pinto und Leonel himmeln die Jungen schon auch ein bisschen an, weil sie in ihrem furchtlosen Pragmatismus etwas Heroisches sehen, zum Beispiel weil das Meer  ein Arbeitsplatz ist, der sich nicht kontrollieren lässt. Das wird spätestens dann spürbar, wenn einer der Jungen während der Dreharbeiten ertrinkt, weil er trotz schlechter Wetterbedingungen arbeiten wollte. Der Film huldigt ihm mit einem Ghetto-Tech-Banger von DJ Assault (die Musik ist bis auf ein paar folkloristische Gitarrenklänge überhaupt auf interessante Weise unpassend).

Ein Treffen mit Meeresungeheuern

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Der absolute Vertrauensbeweis ist schließlich, dass Pinto und Leonel einigen der Jüngsten ihre Kamera überlassen. Die wackeligen, aber auch furchtlosen Aufnahmen, die es in den Film geschafft haben, lassen sofort eine andere, unverstellte Perspektive auf den Alltag im Hafen erkennen. Dass Rabo de Peixe solche Momente zulässt, steht für seine Offenheit und sollte nicht als Anbiederung missverstanden werden. Denn Pinto und Leonel sind, auch wenn sie sich mehrere Monate in einem Ferienhaus in Rabo de Peixe niedergelassen haben, durchaus ihrer Andersartigkeit bewusst. Das wird durch das persönliche und poetische Voice-over deutlich, aber auch durch eine Montage von schnappschussartigen Urlaubsfotos, die ein anderes Leben zeigen. Ein Leben in der Urlaubsresidenz – mit Besuch von außerhalb und natürlich wieder Hunden –, in dem die jungen Fischer ausnahmsweise keinen Platz haben.

Warum es der Film damals nicht in seiner ursprünglichen Fassung ins Fernsehen geschafft hat, lässt sich leicht erraten. Mit einer klassischen Dokumentation hat Rabo de Peixe wenig am Hut, weder die Distanz zum Gegenstand noch die Mittel der Reportage. Stattdessen zeigen die Regisseure, dass Authentizität nicht zwangsläufig etwas mit Realismus zu tun hat. Wenn Leonel sich mit der Kamera auf Tauchexkursion begibt und gigantische Fischschwärme die gealterten Videobilder beherrschen, wird schon mal die Grenze zum Mythischen überschritten. Pinto sitzt währenddessen noch im Boot, sorgt sich um seinen Partner und stellt sich vor, welche fantastischen Meeresungeheuer er wohl unter Wasser trifft. Dazu sehen wir Bilder aus alten Monsterfilmen. In solchen Momenten könnte man fast meinen, man befinde sich in einer unwirklichen Seefahrergeschichte. Doch spätestens wenn am Schluss des Films der Euro eingeführt wird und die Fischer in eine ungewisse Zukunft blicken, sind wir wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Trailer zu „Fish Tail“


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