Finsterworld

Noch ist es nicht düster genug im Unterholz der Deutschen.

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Es ist nicht ganz klar, ob man Finsterworld eher als einen Film des Autors und nun Drehbuchschreibers Christian Kracht oder der Regisseurin Frauke Finsterwalder, die mit Finsterworld ihr Debüt abgibt, bezeichnen soll. Das ist aber auch ein bisschen egal, denn die beiden sind verheiratet. Der notorisch männerbündlerische Popliterat Christian Kracht tritt so in die Riege der Künstlerehen ein, und das mit einer Frau, deren Namen so klingt, als wäre er tatsächlich einem Christian-Kracht-Roman entsprungen. So etwas zu sagen, ist natürlich gemein – aber das ist Finsterworld auch.

Eine zarte Hasserklärung an Deutschland

Auf den ersten Blick ist Finsterworld ein Heimatfilm, ein Deutschland-Film. Christian Kracht kehrt damit zu seinem Debüt und Deutschland-Roman Faserland zurück, den man auch immer schon mit gelispeltem „th“ als „Fatherland“ lesen konnte. Während die Protagonisten in Faserland ausgiebig über die ästhetische Totalkatastrophe Deutschland sinnieren, ist Finsterworld eine eher zarte und behutsame Hasserklärung an Deutschland im Gewand einer drollig-leichten Charakterkomödie. Es gibt fünf Handlungsstränge in Finsterworld, die gegen Ende des Films zusammengeführt werden: die Fahrt eines Geschichts-LKs einer Privatschule ins KZ, die Paar-Probleme eines Polizisten (Ronald Zehrfeld) und einer Dokumentarfilmemacherin (Sandra Hüller), die Romanze eines Fußpflegers (Michael Maertens) mit einer Frau im Altenheim (Margit Carstensen), die Geschichte eines im Wald lebenden Einsiedlers (Johannes Krisch), der einen Raben großzieht, und die Autofahrt eines etwas großkotzigen Elternpaares (Corinna Harfourch und Bernhard Schütz), deren Sohn auf der KZ-Klassenfahrt und dessen Oma wiederum die Frau im Altenheim ist.

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Alle Charaktere sind klassisches Inventar bundesrepublikanischer Typisierungen, haben aber von Finsterwalder und Kracht einen Zug ins Groteske bekommen: Der Fußpfleger ist in Wahrheit ein leicht perverser Fetischist, der Polizist geht heimlich auf Furry-Kuschelparties und so weiter. Damit steht Finsterworld irgendwo zwischen GZSZ und Blue Velvet, wobei es in dem Film letztlich gar nicht um das untergründige Gären der deutschen Gesellschaft geht. Sondern schlicht und einfach um die Qual der Deutschen, aufrichtig zu sprechen und wahrhaftig zu lieben. Von daher kommt das Deutschland in Finsterworld ein weniger totalitär daher: ehrlich lieben ist scheiße, richtig lieben, so etwa die These Krachts, kann man nur, wenn man hasst, pervers hasst. Mit dieser Haltung zu Deutschland bewegt sich der Film irgendwo zwischen Satire und Heimatfilm-Idylle, bringt aber genau dadurch nicht uninteressante Momente hervor.

Vergewaltigungsversuch im Verbrennungsofen

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Man kann dem gewieften Schreiben Krachts und der unaufdringlichen Bebilderung Finsterwalders keine Zufälligkeiten unterstellen. Denn letztlich sind alle Figuren Spiegelfiguren des Autor-Regie-Duos. Besonders deutlich ist das bei der von Sandra Hüller gespielten Fernseh-Dokumentarfilmerin: Wenn sie sich abmüht, einen Hartz-4-Empfänger beim Dosenspaghettiessen abzufilmen, wird einiges an sozialrealistischen Klischees, die ein Deutschland-Film vollbringen könnte, plakativ vorgeführt. Etwas raffinierter noch ist eine andere Konstruktion: Die Klassenfahrt ins KZ erzählt die aufkeimende Liebesgeschichte eines kauzigen Schülerpaares mit zu dicken Brillen (Carla Juri und Leonard Scheicher), die jäh zerbricht, als das Mädchen von einem reichen Ekelschnösel (Jakub Gierszal) im KZ in den Verbrennungsofen (!) gesteckt wird. Als der engagiert-beflissene Geschichtslehrer (Christoph Bach) sie befreien will, wird er der Vergewaltigung angeklagt. Das Mädchen verwandelt sich schließlich in eine adrette Blondine, die ihren neuen Geliebten, natürlich den Schnösel, beim Lacrosse-Spielen anfeuert.

Wer hier à la Georg Diez mit dem Nazi-Argument auffahren will, kommt aber nicht weit: Natürlich lässt sich das als relativ plumper Schlussstrich unter eine von Finsterwalder und Kracht inszenierte Vergangenheitsbeflissenheit der Deutschen stellen, die in die Liebe zum Peiniger münden soll, aber da die Sache anhand von Krachts letztem Roman Imperium schon ausdiskutiert wurde, ist das kaum mehr als eine der Leerfiguren von Finsterworld.  . Wer bei Kracht, der der vermeintlichen Ironie in seinem Werk tapfer trotzt, nach kritischer Geschichtsphilosophie sucht, geht immer schon fehl: Erklärt werden soll hier rein gar nichts.

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Die Stilisierungen, Verfremdungen, Überhöhungen und Überdrehtheiten in Finsterworld zeigen so letztlich gar kein Deutschland, bei dem jetzt mal die Decke gelüftet und ins Herz der deutschen Finsternis geschaut wird. Denn dort stecken auch nur die bekannten Befindlichkeits- und Mentalitätsidiome, die in der eleganten Konstruktion des Films zwar stellenweise sehr komisch aufbereitet sind, aber auch nicht mehr erzählen als den blühenden Formwillen seiner beiden Schöpfer. Finsterwalders und Krachts Freude an der Oberfläche, ihre Provokation, sich konsequent mehr für den Stil als für Aussagen zu interessieren, trägt für einen Film, der aber daherkommt, als wolle er dezidiert einmal unter die Oberfläche schauen, nicht. Am Ende des Films beschimpft der schnöselige Eliteinternatsschüler seine großkotzige, viel zu reiche Mutter, dass sie nie für ihn gekocht habe als Kind und er deshalb nicht wisse, wie etwas schmeckt, wenn die Mitschüler sagen, es schmecke wie daheim bei Mama. Man hat den Verdacht, dass derlei Szenen, wenn nicht Finsterwalder, so doch sicherlich Kracht eigentlich gar nicht interessieren.

Trailer zu „Finsterworld“


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Kommentare


tigerfrombengalie

Saublöd. Ergötzt sich an scheinbar Skurrilem. Ist aber nur Spießers Liebling. Bitte, bitte: Filmförderung einstellen.


tom

unsäglich kleingeistiger Film, der 15 Jahre zu spät kommt und u.a. die abgehalftertsten Öko vs McDonalds Witzchen bringt. Da kichert selbst der Musikantenstadl mit Niveau. Qua Stasi ähnlicher Seilschaften verdient Frau sich mal eben aufgrund des mal bekannten Mannes die Nase. Ich könnte heulen über diese immergleiche Ferres, Berben, (sorry) ja auch Harfouch, Hübchen whatever bullshit Schiene. Darauf läufts nach wie vor für die immer gleichen Leute im wahrsten Sinne des Wortes wie geschmiert.






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