Finisterrae

Holt mich hier raus, ich bin ein Geist! Sergio Caballeros experimentelle Komödie über zwei Gespenster besticht durch lakonischen Humor und stilistische Kreativität.

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Bettlaken drüber und fertig! Auf so entwaffnend simple Art und Weise werden aus zwei Schauspielern (Pau Nubiola und Santí Serra) zwei Gespenster. Die beiden haben die Nase voll davon, bloße Geister zu sein, und begeben sich – nach Beratschlagung mit einem Orakel – auf eine Reise, eine Pilgertour über Santiago de Compostela bis nach Fisterra, das Ende der Welt also. Wenn Finisterrae statt Wiesen und Wäldern einige Straßen zeigen würde, müsste man Sergio Caballeros ebenso lakonische wie kunstvolle Komödie als Road Movie bezeichnen. Schließlich sind die beiden Russisch sprechenden Geister (Stimmen: Pavel Lukiyanov und Yuri Mykhaylychenko) auf der Suche – und zwar nach Erlösung von ihrem Leiden an einer unbefriedigenden Existenzform.

Caballeros narrative und stilistische Ideen reichen eigentlich für drei Filme. Er lässt die Handlung in einer Lagerhalle eines städtischen Industriegebiets beginnen, kontrastiert diese profane Umgebung aber gleich mal mit Sakralmusik und majestätischen Bildern eines galoppierenden und durch Feuerringe schreitenden Schimmels. Schon hier konzentriert sich die Palette auf Weiß- und Grau-Schattierungen, was sich später in Schneelandschaften, rauchverhangenen Feldern und dem ständig bewölkten Himmel fortsetzt. Auch die Farbe der anfangs reinen, weißen Bettlaken der Protagonisten wandelt sich mit der Zeit zu einem dreckigen, mit Regenwasser vollgesogenem Grau.

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Es sind vor allem die oft mit Totalen arbeitenden Naturaufnahmen, die visuell beeindrucken. Aus dem Wald wird rasch ein Märchenwald, wenn Ohren an den Baumstämmen haften und Stimmen von überall her ertönen – ein andermal findet sich in einem Baumloch eine Video-Installation, die Caballero zu einem ironischen Seitenhieb gegen Videokunst an sich nutzt. Amüsant ist auch der Musikeinsatz, wenn das Lied Ghost Rider der Band Suicide erklingt und nach einigen Augenblicken tatsächlich ein Geist auf einem Pferd angeritten kommt, um seinen mit einer als Kompass dienenden Windfahne ausgestatteten Artgenossen einzuholen. Hierbei bedeckt tiefer Schnee die Felder, doch wenn kurz darauf der Boden wieder freiliegt, wird deutlich, dass sich Finisterrae nicht um logische Konsistenz schert, sondern diskontinuierliche Ort- und Zeitebenen sorglos aneinander reiht. An mehreren Stellen geht der Kamerablick von realen Landschaften auf geografisch ähnliche Areale aus Wandgemälden über, um anschließend wieder in die Außenwelt zu wechseln. Wer die ebenfalls stark über Landschaften und meditative Tempi funktionierenden Filme von Caballeros Landsmann Albert Serra kennt, könnte Finisterrae für die unterhaltsame Version von Serras Geduldsprobe Birdsong (El cant dels ocells, 2008) halten.

Denn Finisterrae steckt voller hintergründigem Humor. Ein Großteil davon resultiert aus dem unerschütterlichen Stoizismus des Spektralwesen-Duos: Einer nervtötenden deutschen Opernsängerin, die ihnen den Weg weisen soll, hören die beiden geduldig zu, ehe einer von ihnen eine riesige altmodische Pistole hervor holt und sie nach dem knappen, aber vernichtenden Urteil „Hippie!“ kurzerhand erschießt. In einer anderen Szene sitzt einer der Geister starr an einem reißenden Fluss, der die im doppelten Sinne gespenstische Apathie der Protagonisten erst recht betont. Für den ausbleibenden Erfolg beim kläglich scheiternden Angelversuch flüstert er mit phlegmatisch-sanfter Stimme eine abenteuerliche Erklärung. Immer wieder setzt Caballero auch vor Absurdität überquellende non-sequiturs ein – so fragt der eine Geist den anderen plötzlich: „Gehst du noch zum Psychiater?“. Ein andermal überredet das führungsstärkere der zwei Gespenster seinen passiven, ängstlichen Kumpanen dazu, die im Wald gefundenen tierischen Freunde doch zurückzulassen, indem er ihm ein Versprechen macht, das seinem Begleiter wahre Freudentänze entlockt.

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Die Tiere aus Finisterrae sind ohnehin ein Thema für sich. Der elegante Schimmelwird an einigen Stellen durch eine groteske Pferdepuppe ersetzt, eine Eule gibt den zwei Pilgern einen kryptischen Rat, und ein Reh, das den beiden begegnet, spricht per Untertitel zu den Geistern, ohne dabei Laute von sich zu geben. Und dann ist da noch „die Kreatur aus der Unterwelt“, die die beiden Gespenster das Fürchten lehrt und ihnen ein ängstliches Wimmern entlockt, sodass sie dem seltsamen Wesen ein Flussopfer darbringen, um es loszuwerden. Am – etwas zu gemächlichen – Ende werden die zwei Protagonisten nach einem Ritual am imposanten Strand von Fisterra schließlich dank magischer Metamorphosen selbst zu Tieren.

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Dabei gelingt Kameramann Eduard Grau (Buried – Lebend begraben, 2010; Albert Serras Honor de cavallería, 2006) eines von vielen erstaunlichen, mitunter betörenden Bildern. Es zeigt ein Rentier, das gemessenen Schrittes durch eine aristokratische Villa wandelt – hier wirkt die Kraft der Überraschung, die aus der surrealen Collage zweier völlig disparater Elemente entsteht. In anderen Szenen steht das Bild auf dem Kopf, wird rückwärts abgespult oder spielt mit amüsanten Split-Screen-Effekten. Caballero arbeitet auch mit technisch beeindruckenden Stop-Motion-Tricks, bei denen es plötzlich „Puff“ macht, Rauch aufsteigt und etwas wie aus dem Nichts erscheint oder dorthin verschwindet – so zum Beispiel auch die Kathedrale von Santiago de Compostela, die auf einmal einfach so im Hintergrund ausgeknipst wird, weshalb die Gespenster dann vor einer schwarzen Leere stehen. Sogar die Credits von Finisterrae werden dank ihrer unkonventionellen, von Godard abgeschauten Präsentationsform zu einem kreativen Moment. Auch ohne die Konkurrenz zu kennen, lässt sich angesichts dieser überbordenden Fantasie Caballeros leicht verstehen, warum sein Film in diesem Jahr das renommierte Festival von Rotterdam gewann.

Trailer zu „Finisterrae“


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