Finding Vivian Maier

Distanz schafft Nähe: Man sieht dieses faszinierende Porträt eines geheimnisvollen Lebens mit noch mehr Gewinn, wenn man nicht alle seine Deutungsangebote annimmt.

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Dankbarer kann ein Dokumentarfilmstoff kaum sein: Die märchenhaft-tragische Geschichte der genialen Fotografin, die zu Lebzeiten ein unbekanntes Kindermädchen war und nur dank einer zufällig ersteigerten Kiste mit Negativen zu postumem Weltruhm gelangte, würde selbst in Form eines trockenen Lexikoneintrags noch fesseln. Finding Vivian Maier ist nun keineswegs trocken, sondern bereitet das ungewöhnliche Leben seiner Heldin in mitreißender Form auf und legt von der Brillanz ihrer street photography anhand zahlreicher Beispiele lebhaft Zeugnis ab. Der Film trägt also dazu bei, einer großen Künstlerin die gebührende Aufmerksamkeit und Anerkennung zu verschaffen, was fraglos aller Ehren wert ist. Und doch drängt schon bald etwas in mir danach, gegenüber seiner effektiven Dramaturgie ein wenig auf Distanz zu gehen, die Heldin aus den vorgegebenen narrativen Bahnen zu lösen.

Das Kindermädchen als Künstlerin

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Wie der Titel verrät, geht Finding Vivian Maier investigativ vor. Wer war diese Frau, warum hat sie ein Leben lang fotografiert, und warum hat sie die Bilder nie jemandem gezeigt? Die Regisseure John Maloof und Charlie Siskel rollen die Biografie nicht chronologisch auf, sondern arbeiten sich von Maiers Nachlass, der akribisch auf der Leinwand ausgebreitet wird – Tausende unentwickelter Filme, Super-8-Rollen, Cassetten, Zeitungsausschnitte, dazu jede Menge Hüte, Blusen, Bustickets –, Schicht für Schicht zu ihrer Persönlichkeit vor. Dabei interviewen sie einige der Menschen, die sie kannten, zumeist frühere Schützlinge des Kindermädchens und deren Eltern. Und weil sich zu verblüffend vielen Berichten ein passendes Foto aus Maiers Werk finden lässt, entsteht trotz der faktischen Lückenhaftigkeit der Eindruck einer dichten Kohärenz von Leben und Werk.

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Trotzdem spüre ich immer wieder den Impuls, Vivian Maier gegen die Erklärungsangebote des Films und meinen eigenen Kategorisierungsdrang in Schutz zu nehmen. Der selbstgenügsamen Nanny, die gar nicht nach Ruhm gestrebt hat – dem Bild, das vor allem am Anfang durchschimmert, bezeichnenderweise bevor sie erstmals selbst auf einem Foto zu sehen ist –, will ich die Künstlerin entgegensetzen, die sich des Ranges ihres Werks wohl bewusst war und die nur die Umstände an einer Veröffentlichung hinderten (für diese These finden sich später im Film dann auch tatsächlich starke Indizien). Dem Bild der emanzipierten und politisch hellwachen Frau zwischen Ostküstenintelligenzija und französischem Einfluss, wie es der Mittelteil des Films zeichnet und wozu das Foto der hochgewachsenen Vivian mit den 20er-Jahre-Hüten und dem Fotoapparat um den Hals auch ganz wunderbar passt, will ich, so toll ich es im ersten Moment finde, schon deshalb ein wenig misstrauen, weil es dem Bedürfnis nach einer für die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts irgendwie exemplarischen Künstlerinnenbiografie allzu sehr entgegenzukommen scheint.

Die Fallen der Biografie

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Erst recht aber sträube ich mich gegen die zunehmende Verdüsterung und Verkauzung Vivians im letzten Drittel des Films. Weniger weil ihre früheren Schützlinge von den teils unschönen Erfahrungen mit dem manchmal sogar gewalttätigen Kindermädchen erzählen, sondern weil die lebenslang kinder- und partnerlose, von ihrer Familie entfremdete Frau zunehmend pathologisiert wird. (Dabei wird die coole Gestalt auf den Fotos, Kuleschow sei Dank, plötzlich zu einer unheimlichen Figur, der neugierige und wache Blick unterm Hut plötzlich bohrend und aggressiv.) Gegen die These einer tragisch gescheiterten Existenz will ich nun doch wieder das Bild setzen, das mir anfangs so widerstrebte: nämlich das einer Frau, die – wenigstens die meiste Zeit – genau dieses und kein anderes Leben führen wollte.

Das alles klingt wahrscheinlich zu vorwurfsvoll. Der Film ist weder reißerisch noch übertrieben spekulativ, die Äußerungen der Weggefährten und zweier bekannter Fotografen ergeben ein ausreichend behutsames und auch durchaus problembewusstes Porträt. (Vorwerfen könnte man Maloof allenfalls, dass er sich besonders am Anfang des Films als Person etwas arg in den Vordergrund drängt.) Mein leichtes Unbehagen hat weniger mit dem Film selbst zu tun als damit, wie schwer es fällt, Leben und Werk ihr Eigenrecht zu lassen, nicht in die Fallen des Biografismus zu tappen, wie es natürlich auch meine Gegenentwürfe taten.

Spionin auf der Parkbank

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Lieber möchte ich auf Vivian Maiers Leben blicken wie auf eines ihrer Fotos. Sie hatte, so scheint mir, einen genauen (manchmal zärtlichen, manchmal grausamen) Blick für den kairos, für den einen Moment, in dem sich etwas dreht, ein fröhliches Kindergesicht plötzlich ängstlich wird oder der versunkene Blick eines alten Mannes plötzlich zornig. Und unter ihren zahllosen Fotos von Menschen in den Chicagoer Straßenschluchten schlagen mich vor allem die Aufnahmen an der schmalen Grenze zwischen Schnappschuss und Porträt in den Bann, als die Zielobjekte gerade der Fotografin gewahr werden und ihr verblüffter, erschrockener oder verärgerter Blick in die Kamera ihre vorangegangene Stimmung überlagert, wo aber der Trott, aus dem sie gerade gerissen werden, noch ihre Züge zeichnet. Auf diesen Bildern scheint der Austausch zwischen Fotografin und Fotografierten besonders intensiv, und vielleicht enthalten sie eine markantere Spur von Maiers Persönlichkeit als alle biografischen Pfade.

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Als einer der Augenzeugen sie nach ihrem Beruf fragte, bezeichnete sie sich als „some kind of spy“. Eine Spionin, das kommt hin, das passt zu den häufigen Ortswechseln, den Weltreisen, den gefälschten Unterschriften, der eigentümlichen Mischung aus Neugierde und Verschlossenheit, passt auch zur Tätigkeit der Fotografin selbst, die mit fremden Leben auf Tuchfühlung geht und zugleich auf dem Beobachtungsposten bleibt. So stelle ich sie mir gerne auf der Parkbank vor, auf der sie an ihrem stillen Lebensabend oft gesehen wurde, von den Nachbarn für eine verrückte Französin gehalten: als eine Undercover-Agentin im eigenen Auftrag, die zufrieden zurückblickt auf ihre Mission – dokumentiert in einer riesigen Indiziensammlung, in der sie mehr über unsere Leben festgehalten hat, als wir von ihrem je wissen werden.

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