Film Socialisme

Über vierzig Jahre, nachdem Godard das Ende des Kinos verkündet hat, dreht er immer noch unermüdlich weiter. Aber für wen eigentlich?

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Als Film Socialisme letztes Jahr in Cannes seine Uraufführung erlebte, wurde Jean-Luc Godard mal wieder seinem Ruf gerecht und machte es seinem Publikum nicht gerade leicht. Das fing schon bei den Untertiteln an. Statt das Sprachengewirr auf Französisch, Englisch und Deutsch wie üblich ganz zu übersetzen, gab es lediglich selektive Untertitel, die sich oft nicht einmal mit dem Gesagten deckten. Dass Film Socialisme jetzt in die Kinos kommt, ist für einen von Godards neueren Filmen schon eine Besonderheit. Den Zuschauern gegenüber zeigt der Verleih NFP auch Erbarmen und bringt eine komplett untertitelte Fassung heraus.

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Doch nur weil man weiß, was auf der Leinwand gesagt wird, heißt das noch nicht, dass man es auch begreift. Unabhängig von aktuellen Modeerscheinungen macht der einstige Nouvelle-Vague-Vertreter und mittlerweile 81-jährige Regisseur weiterhin sein Ding. Seit den späten sechziger Jahren verfügen seine Filme über eine distinktive Ästhetik aus Zwischentiteln, intellektuellen Exkursen, und vor allem einem sehr spezifischen, von Dissonanzen und Störungen geprägten Umgang mit Montage und Ton. Dass sich Godard einer ganz eigenen, filmischen Sprache bedient, ist durchaus als Kompliment zu verstehen. Allerdings scheint diese Sprache kaum jemand mehr zu verstehen.

Film Socialisme bildet da keine Ausnahme. Der Film ist in drei Teile gegliedert. Der erste spielt auf einem luxuriösen Kreuzfahrtschiff und folgt einigen Figuren, die jedoch in keinem erkennbaren Zusammenhang zueinander stehen. Später bildet eine Tankstelle in der Provinz den Schauplatz, auf dem eine Familie von einem Fernsehteam belagert wird. In einem ausgedehnten Epilog werden schließlich die zuvor aufgegriffenen Motive zu einer Art Filmessay zusammengefasst.

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Worum es in Film Socialisme geht, lässt sich schwer sagen. Vergangenheit und Gegenwart sind in dieser unerschöpflichen Assoziationskette eng ineinander verschränkt. Auf der Kreuzfahrt durchs Mittelmeer wird das neue und das alte Europa gestreift, der Zweite Weltkrieg, der Nahost-Konflikt , Griechenland– allerdings weniger als Schauplatz der Wirtschaftskrise denn als Wiege der Kunst – und natürlich der titelgebende Sozialismus. Godard schafft zwar immer wieder Parallelen – betont etwa die zeitgleiche Entstehung von Demokratie und Tragödie –, schweift dann aber doch immer wieder zu etwas anderem ab. Eine wirkliche Linie ist bei dieser kaleidoskopischen Blickweise kaum auszumachen.

Auch an Figuren ist Godard schon lange nicht mehr interessiert. Seine Schauspieler sind vor allem Textübermittler. Wenn sie keinen von Godards eignen Texten sprechen, dann von einer der über 30 angegebenen Quellen: von Walter Benjamin, Otto von Bismarck oder Shakespeare.

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Godard bedient sich damit gewissermaßen einer Art des Samplings bei der die Urheber meist im Unklaren bleiben. Das gilt nicht nur für Texte. In seine Reflexionen bezieht der Regisseur Internetvideos von Tieren, historische Aufnahmen wie einen Angriff von Hitlers Luftwaffe und Ausschnitte aus Filmklassikern wie Rossellinis Reise in Italien (Viaggio in Italia, 1954) oder seinen eigenen Weekend (1967) mit ein. Es ist auf jeden Fall beeindruckend, wie Godard aus kleinsten Schnipseln äußerst vielschichtige Texturen schafft. Selbst ein Gastauftritt der in Kunstkreisen gerne als Gast gesehenen Patti Smith dauert da nur wenige Sekunden.

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Seine Bild- und Klangcollagen hat Godard mit den Jahren zweifellos zu seiner Königsdisziplin gemacht. Allein die Tonspur von Film Socialisme ist von einer ungemeinen Dichte und Komplexität. Geräusche und Stimmen, die nicht zuzuordnen sind, werden übereinander geschichtet, dringen gewaltsam aus dem Off in die Welt der Bilder und verstummen schließlich ganz. Die Musik – auch hier eine Vielzahl an unterschiedlichen Komponisten und Musikern – wird oft nur für ein, zwei Takte eingeblendet. Es ist durchaus nachvollziehbar, warum das Musiklabel ECM einst die gesamte Tonspur von Nouvelle Vague (1990) auf einer Doppel-CD herausgebracht hat.

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Film Socialisme ist auch voll mit schmissigen Sätzen und witzigen Momenten. Während man Bilder vom tosenden Meer sieht, spricht etwa ein Mann darüber, dass Geld ebenso wie Wasser ein öffentliches Gut ist. Oder zwei deutsche Touristen fragen ein Balzac lesendes Mädchen nach dem Weg zur Côte d’Azur und ernten nur ein „Marschiert doch in ein anderes Land ein!“ Alles was jedoch über einzelne Augenblicke hinausgeht, bleibt dem Zuschauer verschlossen. Godard macht schon seit längerem ein ausgesprochen elitäres Kino, das sich wohl nicht einmal von eingefleischten Godardisten vollständig dekodieren lässt. Es wirkt wie ein Insider-Witz, den nur der Regisseur selbst versteht. Und mit dem Schriftzug „No Comment“ ist dann alles zu Ende. 

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