An ihrer Stelle

Von den Mauern zwischen den Menschen.

An ihrer Stelle 09

Was sie verbindet, ist zugleich das, was sie trennt. Ihr Glaube. Ein hautenges Wertekorsett, das die Ansichten vieler in dieselbe Form presst. Wild verstreuten Individuen einen gemeinsamen Körper verleiht. Ein Herdenbewusstsein. Doch die Spannkraft ist immens: Je fester die ethische Schnürung, die eine Glaubensgemeinschaft zusammenhält, desto empfindlicher reagiert diese auf Abweichungen, auf die Regungen Einzelner. Dann braucht es nicht viel, nur eine winzige Irritation im Glaubenshaushalt, um das Korsett zu sprengen.

Rama Burshtein beginnt ihr Sittenbild An ihrer Stelle (Lemale et ha’halal) mit breiten Pinselstrichen und wird dann rasch immer feiner, bis sie die Leinwand nach einer halben Stunde nur mehr mit zartem Bleistiftflaum bedeckt, so als wollte sie ihr angefangenes Gemälde in ein frühes Skizzenstadium zurückführen. Wo jeder Strich zählt, wo sich eine gewisse Betulichkeit über die Anfangsdramatik stülpt, wo das Bild zusehends blasser, kontrastärmer wird, wo nicht mehr viel passiert.

An ihrer Stelle 04

Aber soll es eigentlich ein Bild in satten Farben sein? Fängt An ihrer Stelle nicht vielmehr die Echos jenes Anfangsschreis ein, der nach dem Tod der hochschwangeren Esther in der chassidischen Familie Mendelman laut wird; die Wehklagen der jungen Shira (Hadas Yaron), die nun, als Platzhalter für ihre tote Schwester, den Witwer ehelichen soll. Eine Heirat als Trostpflaster, das über die schmerzende Stelle geklebt wird, an der vorher noch ein Mensch war. Doch der bleibt unwiederbringlich verloren.

Esthers Tod löst etwas aus, das der Film ganz zartfühlend behandelt, weil er damit schon an den Grenzen der Sittlichkeit des hier gezeigten Milieus rührt. Schon die kleinste Regung löst Eruptionen aus, ein Aufbegehren, eine Wut – was unsere westlichen Sehgewohnheiten notwendig unterläuft. Zu schwach ausbuchstabiert ist das Antigone’sche Dilemma zwischen Liebe und Pflicht, zu engmaschig die Korsage von Verhaltenskodizes für unseren freizügig-traditionsvergessenen Lebenswandel, sodass die hier porträtierte Weltsicht für einen aufgeklärten Leser seltsam entrückt wirken muss. Wen Shira letztlich abbekommt, ist dann egal – Liebesheirat bleibt ein Fremdwort. Nie stellt der Film das konservative Wertesystem ernsthaft in Frage, doch er lässt erahnen, wie dünnwandig dieses Moralgebäude ist. Wie an vielen Stellen schon der Putz blättert. Wie ein rundum geschlossenes Weltbild, in dem alles seinen festen Platz hat, durch die bloße Kraft des Zufalls zerbricht.

An ihrer Stelle 11

Regiedebütantin Burshtein schildert Shiras Schicksal aus einer Innenperspektive, war sie doch zeitweise selbst Teil jener ultraorthodoxen Bewegung, die ein erklärtermaßen traditionelles Frauenbild diktiert. Shira versucht sich zurechtzufinden. Aber nichts täuscht darüber hinweg, dass die ihr zugedachte Märtyrerrolle als Ersatz für die Schwester nicht der eigenen Erfüllung dient, dass sie vielmehr fremdgesteuert, befangen bleibt im Sittenkodex einer durch und durch patriarchalisch geprägten Kultur. Immer wieder markieren Mauern, Türen und Gitter die visuelle Trennlinie zwischen den Geschlechtern, dringt die Mechiza als physische Barriere in den säkularen Raum vor. Doch was als Milieuschilderung mit merklich emanzipatorischem Einschlag daherkommt, ist auch eine Studie darüber, was Menschen jenseits des Geschlechtlichen füreinander empfiehlt. Was es heißt, sich zu kennen, zu lieben, ein Ganzes zu sein.

An ihrer Stelle 06

Wie fremd sich die zwangsweise frisch Vermählten dann erstmal sind, bezeugt die Schlusseinstellung, die ihre Heimkehr nach der Hochzeit zeigt. Sie kommen ins Zimmer, allein mit sich und ihren Gedanken. Yoachay (Yiftach Klein) legt den Schtreimel ab und sieht zu Shira, die in der Ecke steht und ängstlich um sich schaut, wie ein in die Enge getriebenes Tier. Das Ende des Films ist schon der Anfang ihrer Geschichte.

Trailer zu „An ihrer Stelle“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.