Fikkefuchs

Penis-Monologe und Sexismus-Tourette: In Fikkefuchs ist die Krise der Männlichkeit gleichzeitig Trauerspiel und Lachnummer.

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„Unfuck yourself“ ist die sprichwörtliche Umkehrung des Zustands „gefickt zu sein“, eine Aufforderung also, seine Situation oder gar sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. In der Welt von Jan Henrik Stahlbergs Fikkefuchs hat man sein Leben nur im Griff, wenn man Sex hat, und so gibt es für die Protagonisten auch keine Umkehrung ihrer Situation ohne Sex. Doch weder der abgehalfterte Ex-Frauenheld Rocky (von Stahlberg selbst gespielt) noch sein sexuell gestörter Sohn Thorben (Franz Rogowski) kommen auch nur in die Nähe einer Situation, die in einvernehmlichem Beischlaf enden könnte. Sie durchleben eine akute, selbstverschuldete Männlichkeitskrise.

Ein schlecht gealtertes Frauenbild

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In Fikkefuchs ist diese Krise der Maskulinität jedoch nicht die beliebte Midlife-Crisis. Weder Rocky noch Thorben stehen vor einem der neuen Lebensabschnitte, die in US-Komödien gerne heranzitiert werden: kein Versuch die eigene Jungfräulichkeit zu überwinden, keine Aufgabe des Singledaseins, um eine Rolle als Familienvater anzugehen. Für Rocky liegt das Elend darin begründet, dass es gar kein wildes Singleleben mehr gibt, das man aufgeben könnte. Die endgültige Resignation vor seinem gescheiterten Lebensentwurf verhindert nur die Erinnerung an seine früheren Zeiten als Frauenheld – und die Illusion, diese Zeiten könnten noch einmal aufleben. Doch der eigene Körper ist mit der Zeit ebenso schlecht gealtert wie das Frauenbild, das er noch immer mit sich rumträgt, wenn er unverhohlen Mädchen anmacht, die fast 40 Jahre jünger sind als er. So beginnt auch der Film mit einer im Jargon eines kostenlosen Erotik-E-Books vorgetragenen Jugenderinnerung Rockys, auf die ein Versuch folgt, eine Gruppe junger Mädchen in der Squashhalle anzusprechen.

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Die Anmache, die bei Rocky schon aufgrund des Altersunterschieds grotesk wirkt, führt sein Sohn Thorben mit offener Aggression und frauenfeindlichen Parolen noch einen Schritt weiter. In seinem Fall ist Belästigung kaum mehr das richtige Wort, vielmehr ist die Art, mit der Thorben auf Frauen zugeht, ein Fall für das Strafgesetzbuch. Das obligatorische „Hast du Lust zu ficken?“ ist noch die harmloseste Form des Sexismus-Tourettes, mit dem Thorben auf die Frauenwelt losgeht. Den Schritt zur versuchten Vergewaltigung vollzieht er schon zu Beginn des Films, woraufhin er in der geschlossenen Psychiatrie landet. Doch statt sich einer Therapie zu unterziehen, sucht er Rocky auf. Der streitet seine Vaterschaft zwar ab, ist aber eitel genug, dem Jungen die Kunst der Verführung und den richtigen Umgang mit Frauen zu lehren.

Zwei Generationen der Misogynie

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So treffen in Fikkefuchs zwei Generationen der Misogynie aufeinander, die deutlich weniger miteinander kompatibel sind als man annehmen könnte. Die Vater-Sohn-Zweckgemeinschaft bringt eine aberwitzige Mischung aus Schwanzvergleich und gegenseitiger Belehrung zwischen den völlig realitätsentrückten Männern hervor. So liest Rocky dem Sohnemann sein väterliches Manifest vor, das in der Theorie Anti-Frauen-Pamphlet, Dating-Tipp und Opfer-Rhetorik miteinander vereint, praktisch aber nur den Ekel verstärkt, den jungen Frauen empfinden, wenn der Mittfünfziger oder sein Sohn sie ansprechen. Thorben hat für diesen Ansatz nur Spott übrig und bleibt seinen „Willst du vögeln?“-Aggressionen treu. Dabei zeichnet der Film keinen der beiden jemals als süße oder bemitleidenswerte Figur. Ihr Verhalten ist durch und durch daneben und genau deswegen oft saukomisch.

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Die gewaltige Kluft zwischen Porno- bzw. Altmännerfantasie und der Realität ist für beide so unüberwindbar und verzweifelt geworden, dass nichts mehr ohne Sex gedacht werden kann. So ist der übersexualisierte Zwang auch immer der Motor für den Humor des Films. Berlin nennt Thorben die „Größte Fickerei Europas“, das Holocaust-Mahnmal versteht er als Lustgarten, in dem notgeile Weiber Verstecken spielen. Am deutlichsten auf den Punkt bringt der Film die absurde Trennung von Fantasie und Realität, als Thorben versucht, per Anhalter nach Berlin zu fahren. In einem Zusammenschnitt des Unterfangens sehen wir ihn entweder am Straßenrand stehen und „Fotze!“ brüllen – kurz bevor er im Auto dann Sätze herausblubbert, die nur aus Pornos stammen können und dafür wieder auf der Straße landet, wo die Brüllerei von neuem losgeht.

Ein Ringkampf von einer Sexszene

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Stahlberg und Rogowski kehren die Abgründe der Protagonisten so frei von Eitelkeit nach außen, dass jenseits von versöhnlichen Figurenentwicklungen eine gewisse Zärtlichkeit durscheint. Gegenseitige Zuneigung wird nicht in Dialogen artikuliert, sondern ohne Worte, in der Badewanne, gefüllt mit den eigenen Körperflüssigkeiten. Hier sitzt der Vater nach der gemeinsamen Jagd auf die Frauen Berlins buchstäblich in der eigenen Scheiße. Doch anstatt sich abzuwenden, zieht Thorben seinen Vater aus, wäscht ihn, wischt Kot, Kotze und Urin vom Boden auf und übergibt sich schließlich selbst noch einmal. Fikkefuchs findet die Empathie für seine Figuren, ohne sie zu entschuldigen, ohne sie ihrer Abscheulichkeiten zu berauben und ohne von der eigenen Unkultiviertheit abzurücken. Das macht den Film dann eben auch über seinen derben Humor hinaus interessant, den Stahlberg nicht über die gesamte Laufzeit durchhält.

Der in Mannsbildern aufgestaute Zynismus wird schließlich Stück für Stück abgetragen und in etwas umgewandelt, was tatsächlich die Berechtigung hat, sich „Liebesgeschichte“ zu nennen. Tatsächlich ist es sogar eine Sexszene, die etwas von der Liebe erzählt. Natürlich nicht, weil sie besonders romantisch ist, sondern weil sie als verzweifelter, nicht enden wollender Ringkampf auf der Rückbank eines Autos stattfindet, wo Thorben und eine Prostituierte in absurden Kama-Sutra-Nachstellungen übereinander stolpern, gegeneinander stoßen, sich wie Pandas kugeln und wälzen – auf der Suche nach einer Art von Erfüllung. Thorben bekommt das freud- und lieblose Gerammel, das seinem Frauenbild entspricht. Lust oder Liebe gibt es hier nicht – egal wie oft die Stellung gewechselt wird.


Trailer zu „Fikkefuchs“


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