Liebe auf den ersten Schlag

Thomas Cailleys düster-komische Romanze zeigt das Heranwachsen in der Provinz als Überlebenskampf, der sich besser führen lässt, wenn man einen Mitstreiter hat.

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Den Erstling eines Regisseurs zu sehen ist wie einen neuen Menschen zu treffen: Man kennt noch nicht seine Sprache, seine Eigenheiten, seinen Blick auf die Welt. Und man fragt sich: Wer ist das? Was macht er mit mir? Könnte ich mich sogar in ihn verlieben?

Thomas Cailleys Langfilm-Debüt verfällt man auf den ersten Blick. Im Prolog sitzt Arnaud mit seinem älteren Bruder im Büro eines Bestatters, um den Sarg für den kürzlich verstorbenen Vater auszusuchen. Nein, erklären beide dem verdutzten Bestatter, bei der hier angebotenen Holzqualität würde sich der Vater, der Tischler war, im Grabe umdrehen. Stattdessen zimmern die Brüder selbst einen Sarg zusammen. Über diesen letzten Liebesdienst der Söhne legt Cailley elektronische Tanzmusik. Diese lässige Verbrüderung von Anrührung und morbidem Humor durchzieht den gesamten Film.

Memento mori

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Besonders charmant ist, wie der Regisseur seine Romanze in ein Geflecht aus Gewalt- und Vergänglichkeitsmotiven einbettet und dabei wie nebenbei mit festgesetzten Rollenbildern bricht. Bereits die erste Begegnung der Hauptfiguren ist im ganz wörtlichen Sinne ein Kampf. Arnaud ist unsicher, welche Richtung er seinem Leben geben soll. Bei einem Selbstverteidigungskurs, den ein PR-Trupp der französischen Armee am nahe gelegenen Strand anbietet, steht er plötzlich einem Mädchen gegenüber, das ihn grimmig anschaut. Mit Frauen kämpfe er nicht, beteuert Arnaud. Doch schon steckt er in Madeleines Umklammerung.

Die Zukunftsangst treibt bei Arnauds Kontrahentin absurde Blüten: Im elterlichen Pool schwimmt sie mit einem Rucksack voller Dachziegel, als Mahlzeit mixt sie sich einen Saft aus rohen Sardinen. Madeleine erklärt dies als ein Survival-Training, das ihr helfen solle, außerhalb der Wohlstandsgesellschaft zu überleben, denn sie ist sicher, dass das Ende der Menschheit naht. Adèle Haenel, der derzeit angesagteste Jungstar des französischen Kinos (unter anderem in Bertrand Bonellos Haus der Sünde, 2010 und Katell Quillévéres Die unerschütterliche Liebe der Suzanne, 2013) verkörpert die zivilisationskritische Madeleine mit androgyner Physis und sprödem Blick. Dieser soll Arnaud – der von Kévin Azaïs gespielt wird, der großen Entdeckung des Films –, eigentlich auf Distanz halten. Stattdessen zieht er ihn magisch an.

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Immer wieder findet Cailley für die Verbindung seiner gegensätzlichen Protagonisten zu Bildern von grotesker Schönheit. Nachdem Arnaud ein junges Frettchen aus Madeleines Pool gerettet und zu sich genommen hat, bringt diese ihm einen Karton mit tiefgefrorenen Küken nach Hause, die perfekte Nahrung für den Findling. Arnaud schlägt die Tiere aus dem Eis und stellt sie zum Auftauen in die Mikrowelle. Ein Close-up zeigt ein Kükenpaar, wie es sich, noch halb vereist, im künstlichen Licht des Geräts im Kreis dreht.

Liebe in Zeiten der Langweile

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Doch Madeleine steckt zu sehr in ihrer Survival-Manie fest, um Arnauds schüchterne Annäherungsversuche richtig zu deuten. Der reist ihr sogar in ein Vorbereitungscamp für die Armeeausbildung nach, die Madeleine machen möchte. Das Camp ist für das Mädchen aber eine riesige Enttäuschung: Sie fühlt sich schlicht unterfordert. Vor dem Hintergrund dieser skurrilen Schräglage zeichnet Cailley das Trainingslager als eine Revue abseitiger Slapstick-Momente – etwa um eine Handgranatenattrappe, die der Ausbilder in die Menge wirft und auf die sich mehrere Leute um die Wette stürzen, um den anderen „das Leben zu retten“.

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Von Beginn an nutzt Cailley die Kulissen, um seine Figuren zu psychologisieren: Steht der heimatliche Ferienort an der Küste für Orientierungslosigkeit und die Sehnsucht nach Freiheit, so symbolisiert das Ausbildungslager die Frage nach Verantwortung und einen radikalen Ausbruchsversuch aus alten Bindungen. Der absurde Humor hat in diesen Teilen auch etwas Naives und demaskiert die Orte als weitgehend dysfunktional für den Reifeprozess der Figuren. Im letzten Abschnitt kündigt eine Reduktion von komischen Elementen den entscheidenden Entwicklungsschritt an. Cailley zeichnet hier zunächst ein idyllisches Naturschauspiel: Inmitten eines grün leuchtenden Waldes schlagen Madeleine und Arnaud – die beschlossen haben, ihr Survival-Training zu zweit fortzusetzen – ihr Lager an einem malerischen Flussufer auf. Doch das Mädchen kann das Friedliche des Orts kaum ertragen. Da erklärt ihr Arnaud, worin für ihn die wahre Kunst des Überlebens besteht: Man dürfe nicht zu viel nachdenken und müsse lernen, gelassen die allgegenwärtige Langeweile zu ertragen. Diese Erkenntnis beruhigt die zuvor ruhelose Madeleine so sehr, dass sie Arnauds Zuneigung endlich erwidern kann.

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Doch ausgerechnet jetzt tritt jene Ausnahmesituation ein, vor der sie die ganze Zeit gewarnt hat. Cailleys Film driftet nun vollends in einen magischen Realismus ab, der sich in den vorhergehenden Natursymbolen bereits angekündigt hat. Durch eine Fahrlässigkeit erkrankt Madeleine in der Wildnis plötzlich schwer. Mit letzten Kräften trägt Arnaud sie aus dem Wald und in das nächste Dorf. Doch dieses scheint vollkommen verlassen zu sein, nirgends ist Hilfe in Sicht. Das Holz, die Hitze, die Logik der natürlichen Selektion, die stete Todesnähe – Cailley verknüpft die naturalistischen Elemente seines Films in den folgenden Szenen derart schlüssig miteinander, dass einem als Zuschauer der Atem stockt. Nach diesem Finale hat der Regisseur endgültig eine Liebe entfacht. Auch unter seinen Zuschauern.

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