Fight For Us – Kritik

Das leere Versprechen der Demokratie. Nach dem Ende der Marcos-Dikatur sucht Lino Brocka nach einem neuen politischen Aktivismus gegen die alten Kommunistenjäger.

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Ein Priester in weißer Kutte, auf dem Moped unterwegs zu einem Dorf „not far from Manila“, um dort das jüngste Opfer einer jener paramilitärischen Todesschwadronen zu bestatten, die in den 1970er und 80er Jahren auf den Philippinen ihr Unwesen trieben. Mitten in die Begräbniszeremonie platzt Commander Kontra, Anführer der „Orapronobis“, und gibt eine erste Kostprobe von dem deliranten Antikommunismus, der im Verlauf des Films noch viele weitere Todesopfer fordern wird. Alle Anwesenden, der Priester eingeschlossen, stehen im Verdacht, die Rebellen zu unterstützen. Den Kindern droht er, wenn sie nicht auf der Stelle still sind, die Genitalien abzuschneiden. Während Kontra, angetan mit rotem Rambo-Stirnband, die Trauergäste terrorisiert, setzen seine Männer das Moped des Priesters in Brand. Der Priester eilt nach draußen, versucht die Flammen zu löschen. „Warum?“, hört man ihn noch klagen. Eine Sekunde später ist er tot: Kontra, ganz dem rauschhaften Sog hingegeben, der für ihn und seine Anhänger vom Töten auszugehen scheint, hat ihm, ohne auch nur ein Wort der Warnung, aus nächster Nähe direkt ins Gesicht geschossen.

Ein politisches Melo-Thriller-Traktat

Das alles ereignet sich in der schwärzesten Nacht. Nach dem Schuss, der auch ein Schnitt ist, geht die Sonne auf: dokumentarische Aufnahmen von Menschenmassen, die auf der Straße gegen Marcos’ Regime demonstrieren, darüber der Filmtitel. Die Aufregung in diesen entscheidenden Tagen der People Power Revolution [LINK:http://en.wikipedia.org/wiki/People_Power_Revolution] ist spürbar; auch dass diese Aufnahmen zu einem Zeitpunkt entstanden sind, als der Ausgang des massenhaften Protests noch nicht abzusehen war. Hier ist die Revolution noch reines Potenzial; der Rest des Films wird von den uneingelösten Versprechen handeln, die in diesen ersten Bildern liegen.

„All that you will see in this film is authentic. Only the names of people, political organizations and places have been changed.“ Diese Texttafel steht ganz am Anfang meiner ziemlich räudigen Sichtungskopie von Fight For Us (Orapronobis). Lino Brockas spätes Meisterwerk ist eine filmische Intervention in laufende Vorgänge, ohne Wissen der Regierung unter klandestinen Umständen gedreht, deswegen aber nicht weniger präzis und treibend inszeniert, ein politisches Melo-Thriller-Traktat aus Schweiß, Blut und Tränen.

Brocka als scharfer Medienkritiker

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1986 gelang es der People-Power-Bewegung, Ferdinand Marcos zu Fall zu bringen. Viele von Marcos’ cronies aber überlebten die Revolution unbeschadet; hinter der Fassade eines demokratischen Neuanfangs verbargen sich vielfach strukturelle Kontinuitäten. Auch die Todesschwadronen lösten sich nicht einfach auf, sondern wüteten weiter. Der Held von Fight For Us, der Ex-Priester und Ex-Rebell Jimmy Cordero, glaubt zunächst an die junge Demokratie. Am Ende wird ihn das Fortbestehen der Gewalt zurück in den Untergrund getrieben haben. Unter Marcos lautete sein Codename „Camilo“, nach dem Verrat der Revolution sucht er sich einen neuen: „Danton“.

Zu Beginn von Fight For Us arbeitet Jimmy, gerade aus der politischen Gefangenschaft entlassen, als Menschenrechtsaktivist innerhalb des rechtlichen Rahmens, den die neue Regierung unter Corazon Aquino ihm einräumt. Er ist glücklich mit einer Aktivistin aus gutem Haus liiert und mausert sich, in Fernsehsendungen und an seiner Schreibmaschine, zum kritischen Intellektuellen der neuen Ära. Als er, in Begleitung einer humanitären fact finding mission, auf die nach wie vor aktive Orapronobis trifft, die bei stiller Duldung (und manchmal sogar mit Unterstützung) von Militär und Polizei einen einseitigen Krieg gegen die Landbevölkerung führt, beginnt er seinen Standpunkt zu überdenken.

Wie schon in Stardoom (1971) und Macho Dancer (1988) erweist sich Brocka einmal mehr als scharfer Medienkritiker. Das Ende des Marcos-Regimes genauso wie sein langes Nachspiel vollziehen sich in Fight For Us auch und vor allem auf Fernsehbildschirmen und in TV-Studios, wo Jimmy gegen eine Reihe von Moderaten und Apologeten antritt. Dass sein Kampf sich zuletzt als inkompatibel mit der Scheinobjektivität der Massenmedien erweist, ist in Brockas Analyse einer der Hauptgründe für Jimmys schleichende Radikalisierung.

Der Austausch zwischen Politischem und Persönlichem

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Jimmys Gegenspieler ist „Kumander Kontra“ (so die korrekte Transkription des allegorisch-sprechenden Rollennamens), der böse Engel der Konterrevolution. Manche werden sich an Kontra-Darsteller Bembol Roco noch als den zarten jungen Mann mit den sinnlichen Lippen erinnern, der in Brockas Maynila, sa mga kuko ng liwanag (Manila in the Claws of Light) (1975) seiner ehemaligen Geliebten Ligaya nachspürte. Dass Rocco hier den monströsen Bösewicht verkörpern muss, ist nicht die geringste unter den vielen Grausamkeiten, die Brocka uns zumutet. Das Wenige, das von Roccos früherer Sinnlichkeit zurückgeblieben ist in diesem aufgedunsenen Fleischpaket, verausgabt sich in ekstatischer Gewalt: Übler hat die politische Geschichte einer Starpersona selten mitgespielt. (Erwähnung sollte in diesem Zusammenhang Khavns Manila in the Fangs of Darkness von 2008 finden, für den ein nunmehr glatzköpfiger Bembol Roco sich noch einmal auf die Suche macht nach seiner Ligaya – unterdessen meldet sich aber auch der Commander in ihm immer wieder zu Wort...)

Fight For Us verwebt das Politische in einer Weise mit dem Persönlichen, die man als Konzession ans populäre Kino verstehen kann. Dieser Eindruck soll hier auch gar nicht entkräftet werden. Genau diese Anverwandlung des Populären ist schließlich die prototypische Brocka-Strategie. Aber der Austausch geht in beide Richtungen: Auch die populären Formen gehen verwandelt daraus hervor. Jimmy mag zunächst eine reguläre Filmfigur sein, deren gebrochenes Heldentum zur individuellen, ja psychologischen Identifikation einlädt. Am Ende aber ist er nicht mehr Jimmy Cordero, sondern „Danton“, ein zukünftiger Untergrundkämpfer, der alle verfügbaren Identitäten abstreift, um wieder reines Potenzial zu werden.

Trailer zu „Fight For Us“


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