Fieber

Der Vater der Regisseurin Elfi Mikesch war Fremdenlegionär. In einer introvertierten Collage erzählt sie von der Familie unter seiner Ägide und zieht eine denkwürdige Verbindung zwischen österreichischer Geschichte und den französischen Kolonialkriegen.

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Fieber ist ein Film, der eine weitgehend unbekannte Vergangenheit gegenwärtig werden lässt: Auch wenn nicht alle europäischen Nationen am gewaltsamen Projekt des Kolonialismus gleichermaßen beteiligt waren, so gab es doch für junge Männer aus ganz Europa stets die Möglichkeit, bei der französischen Fremdenlegion für ein paar Francs anzuheuern. Die Franzosen hatten dieses Modell bereits früh entwickelt, um den Nachschub an abenteuerhungrigem und von der versprochenen Exotik ferner Länder angezogenem Personal anzuregen. Fieber allerdings dokumentiert das Danach, die Auswirkungen von jahrzehntelangem Krieg und menschlicher Verrohung. Regisseurin Elfi Mikesch, 1940 geborene Weggefährtin von Rosa von Praunheim und Werner Schroeter, hat diese Erfahrungen im Laufe ihrer Kindheit im österreichischen Judenburg in ihrer eigenen Familie gemacht. Der Vergangenheit ihres Vaters, der in Algerien für die Fremdenlegion stationiert war, spürt sie nun mit dokumentarischem Material wie Fotografien und Tagebüchern nach. Gleichwohl kleidet Mikesch die Geschichte in ein fiktionales Gewand. So ergibt sich eine denkwürdige Verbindung: Die französische Kolonialzeit scheint auf einmal mit der deutsch-österreichischen Geschichte mehr zu tun zu haben als gemeinhin angenommen. Das ist die inhaltliche Stärke von Fieber: Mikesch schafft fast nebenbei ein Bewusstsein für die vielfältigen Verbindungslinien europäischer Biografien des 20. Jahrhunderts.

Das Tabu der Kolonialkriege

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Stilistisch ist Fieber ein gewagtes Experiment: Die retrospektive Darstellung von Franzis (Carolina Luzia Cardoso) Kindheit unter der erbarmungslosen Ägide des Vaters (Martin Wuttke) wechselt sich immer wieder mit der Reise der Jetztzeit-Franzi (Eva Mattes) ab, ihres Zeichens Fotografin, die sich auf der Spurensuche nach der Vergangenheit ihres Vaters ins serbische Novi Sad begibt. Dazwischen schieben sich fotografische Aufzeichnungen aus der Kolonialzeit, das Grauen wird aus dem Off, aus den Erzählungen erfahrbar. Diese zögerliche Herangehensweise an das Sujet spiegelt das stumme Tabu, das die kolonialen Kriege Frankreichs noch immer umgibt. Nur von außen her, aus der Perspektive der Fremdenlegionäre, ist eine Annäherung möglich. Eine inhaltliche Aufarbeitung des Themas wie in Fieber wäre in einem französischen Film bis auf den heutigen Tag kaum denkbar. Zu stark sind die Mauern des Schweigens. In seiner Faszination für die Vergangenheit ist Fieber ein Film, der auf den ersten Blick nicht im Hier und Jetzt ist, eine Art Gegenteil des direct.

Morbide Metaphorik

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Trotz aller historischen Aufarbeitung gibt sich Fieber aber auf den zweiten Blick dennoch als Film der Szene: Wie ein im Käfig eingesperrtes Tier wetzt der Vater immer wieder durch die Zimmer der Wohnung, der geschlossene Raum wird zum Inbegriff der unbearbeiteten Traumata. Mit cholerischen Attacken versucht er seine Familie in Schach zu halten. Franzis Bruder (Louis Wagner) ist ihr stummes Pendant, gezeichnet von der latenten Aggression, der auch die Mutter nichts entgegenzusetzen hat außer einer guten Miene zum bösen Spiel. Die Kamera von Jerzy Palacz findet immer wieder zu Franzis Gesicht zurück, in ihren Augen gärt die dunkle Ahnung des Familiengeheimnisses. Mikesch wählt zusätzlich eine morbide Metaphorik, um Franzis Innenleben abzubilden: Erst sehen wir Eva Mattes/Franzi beim Fotobesuch im Schlachthof. Im Leben der jungen Franzi tauchen dann immer wieder abgetrennte Zungen und Ohren auf, von denen das Mädchen seltsam fasziniert ist. Sie kommen vom Vater, der als Brotjob Schweinehälften vom Metzger ausfährt. Wir betrachten das mit einem seltsamen Ekel, bis die kleine Franzi schließlich selbst zum Messer greift und Hand an sich legt – ab diesem Moment spannen sich die Bilder zunehmend an. Das Schneidende, Zerteilende wird zu einer filmischen Erzählweise, als tiefer Riss zwischen dem Menschen mit seiner Umwelt, der irreparabel bleiben wird.

Stilistische Clashs

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Das zerbrechliche visuelle Konstrukt, das Fieber ist, führt auch zu einigen Irritationen. Besonders die junge Franzi sticht durch einen bisweilen hölzernen Duktus heraus und sagt ihre Sätze etwas lehrbuchmäßig auf. Dies mag als Ausdruck des sich abzeichnenden Traumas durchaus beabsichtigt sein, wirkt aber bisweilen ungewollt theatralisch. Die Nebenfiguren hingegen bleiben oft farblos: Die Nachbarin soll die Beziehung der Eltern erotisch infrage stellen, kommt aber in ihrer Rolle zu eindimensional daher, um sich in die psychologisierende und auf Franzi zentrierte Erzählweise zu integrieren. Diese stilistischen Clashs brechen die Ästhetik immer wieder auf und betonen den vorläufigen, collagehaften Charakter von Mikeschs Film. Die sprunghafte Inszenierung eines Traumas, das sich durch die Generationen erhält, wird aber schließlich zu einem Sinnbild für die Befreiung von den Eltern und für Franzis Einsicht, dass nicht nur sie von den Folgen eines Krieges gezeichnet ist. Erst 1999 wurde das serbische Novi Sad im Kosovokrieg von der Nato bombardiert. Kriegserfahrungen in Europa sind kein Faktum aus Geschichtsbüchern, sondern erschreckend aktuell. Von Altersmilde oder biografischer Sentimentalität ist also bei der 76-jährigen Mikesch keine Spur. So ist Fieber in jedem Moment ein Film, der seine eigenen Grenzen sprengt und die Auswirkungen von Krieg und Gewalt insgesamt zu seinem Thema macht.

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