Feuchtgebiete

Wo die Muschi stinkt, ist die Seele rein.

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Ein getrockneter Urinfleck, möglicherweise noch durch das ein oder andere Schamhaar und eine Spur Dünnschiss angereichert, ziert die Klobrille einer von Abwasser überschwemmten öffentlichen Toilette in Berlin. Noch nie wurde im Kino – und wahrscheinlich auch sonst nirgendwo abseits von Chemielaboren – so viel Interesse für den Resttropfen eines anonymen Spenders aufgebracht wie in der Anfangsszene von Feuchtgebiete. Als ginge von diesem Fleck ein fieser Zauber aus, lockt er die Kamera immer näher an sich heran, bis er sie schließlich verschluckt und für alle Zeit in Geiselhaft nimmt. Sie, die Kamera, hetzt panisch umher in einer an Tim Burton erinnernden Horror-Fantasie-Welt, behaust von schleimigen Riesenbakterien und fleischfressenden Keimmonstern. Wörtlicher kann man den Titel von Charlotte Roches Kulturpeitsche nicht nehmen als in der filmischen Erkundung des Inneren eines Urinflecks, eines, im wahrsten Sinne, Feuchtgebiets. In dieser hyperanimierten Pipifauna gerinnt der Ekel zum Bild. Und nicht nur der Ekel, auch der Humor und der Body Horror. Die drei wesentlichen Modi, innerhalb deren Regisseur David Wnendt (Kriegerin, 2011) seine Interpretation des Bestsellers spinnt.

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Eines lässt sich anerkennend feststellen: Wnendt hat den Roman ernst genommen. Sehr ernst sogar, zu ernst vielleicht für die gezügelten Sehgewohnheiten der meisten Kinozuschauer. Es wäre ein Leichtes gewesen, das Buch zu demontieren und als selbstgenügsame Skandalheischerei hinzustellen. Stattdessen kommt ein Film von zunächst expliziter Konsequenz heraus. Dass in diesem Umstand sowohl seine Stärke als auch seine Schwäche liegt, war erwartbar. Aber dazu später. Im Zentrum des Geschehens steht Helen, streckenweise brillant gespielt von Carla Juri, die ihren ganz persönlichen Emanzipationskampf gegen die elterliche Erziehungstyrannei führt. Statt dem mütterlichen Credo nachzukommen, dass alle Moral erst mit der frisch geschrubbten Vagina beginnt, setzt Helen alles daran, ihrer Muschi – in ihrem Sprachgebrauch liegt die Betonung auf dem „u“ – so viel Bazillen zuzuschleudern, wie nur irgend auffindbar sind. Dieses Verhalten ist Protest und zugleich Experiment. Nichts fasziniert sie mehr, höchstens noch die glatte Oberfläche eines Avokadokerns, als die eignen Körpersäfte oder besser noch: die von Fremden. Es liegt vielleicht ganz generell der Kern des Eklats auch nicht im Ausscheiden der Körpersäfte, sondern im Wiederaufnehmen des Ausgeschiedenen. Ob sie nun den eigenen Popel futtert, sich das verkrustete Tampon ihrer Freundin Corinna (Marlen Kruse) einführt oder sich ihren obergärigen „Muschischleim“ an den Hals tupft, sind dabei nur Abstufungen des immer gleichen Lustprinzips.

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Als Scheidungskind erfährt sie ein Schicksal, das nicht sonderlich einzigartig ist, und das macht ihre Sekretfixiertheit, ob sie nun krankhaft oder spielerisch ist, trotz aller Widerlichkeit, nahbar. Wenn sie sich an einer Schraube ihres Krankenbetts die genesene Wunde am After wieder aufreißt, sich brutal selbst verstümmelt, in der Hoffnung, ihre geschiedenen Eltern könnten an der Krankenstätte der Tochter endlich wieder zueinander finden, dann weckt das im Zuschauer unweigerlich Mitgefühl. Es ist der Anlage dieses Charakters geschuldet, ihrem profanen Wunsch nach familiärem Seelenfrieden, den einzufordern ein bedingungslos liebendes Kind nun mal das Recht hat, und allem voran der Hauptdarstellerin, dass dieses Verhältnis zwischen absurdem Wesen und ganz gewöhnlicher Einfühlungsdramaturgie derart ausgeglichen sein kann. Von der Freud’schen psychoanalytischen Engführung von Exkret und Eltern-Kind-Beziehung ist nichts zu spüren. Einem solchen Intellektualismus entzieht sich Feuchtgebiete gänzlich, ob nun aus Faulheit oder aus künstlerischem Trotz, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass sich inmitten der Feuchtgebiete ein leider doch unübersehbares Trockengebiet breitmacht: unbelebt, leer und öde. Kurz: Es mangelt an Stoff. Davon gibt es gerade genug, um nicht Porno werden zu müssen, aber zu wenig, um eine interessante Erzählung zu schaffen. In diesem Vakuum hat sich Feuchtgebiete festgefahren.

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Der offensive Voyeurismus, den der Film zelebriert – ein Höhepunkt ist mit Sicherheit eine beinahe zeremonielle Wichsorgie auf eine Spinatpizza, die Pizza als Medium der Vergewaltigungsfantasie – tobt letztlich doch nur im eigenen Haus, und was jemand zu Hause veranstaltet, kann uns eigentlich egal sein. Die barsche Selbstgenügsamkeit ist mittlerweile auch schon kein neuer filmischer Topos mehr, aber selbst sie wird unscharf und schwammig durch die losen Zusammenhänge, die teilweise spröden Konflikte und durch eine zuweilen pubertäre Inszenierung, die leider nicht untypisch ist für das junge deutsche Kino. Kindische Zeitlupen, hysterische Schnitte, unruhige Zappelkamera, symbolschwere Traumbilder sind nur einige Stilmittel einer Filmsprache, die immerzu nahezulegen scheint, das Gesagte bitteschön nicht allzu ernst zu nehmen.

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In dieser Launenhaftigkeit zwischen Story, Skandalrevue und Inszenierung schimmert Angst durch, Angst, vielleicht doch zu weit zu gehen, den Zuschauer doch zu schweinisch zu penetrieren. Angst aber ist das Gift für den Schockierfreudigen, und das ist denn auch die Schattenseite einer konsequenten Verfilmung des Romans. Was der Film zeigt, lässt er versichern. Ob durch die Inszenierung, den Dauer-Off-Kommentar, die schnelle Flucht in eine geistreiche Pointe oder die alltagspoetische Durchdringung, die Bilder von Muschis und Schwänzen werden sogleich entschärft. Der Film schickt sein eigenes Gekicher hinterher, noch bevor uns etwas wirklich konsternieren könnte. Skandal ist das keiner, aber streckenweise spritziger Fäkalhumor.

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