Fenster zum Sommer

Ist Liebe Zufall oder Schicksal? Eine Frau springt jenseits von Raum und Zeit zwischen Ländern und Jahreszeiten, um es herauszufinden.

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Juliane (Nina Hoss) schläft im Sommer ein und wacht im Winter wieder auf. Nicht im kommenden Winter, sondern im letzten. Juliane ist keine exzessive Langschläferin, sie macht ein bedeutungsschweres Nickerchen in ihre Vergangenheit, mit dem Wissen von der Zukunft und der Ungewissheit, ob sie wieder in derselben ankommen wird. Eben war die Übersetzerin noch frisch verliebt in August (Mark Waschke) im sonnigen Finnland unterwegs, und nun findet sie sich neben ihrem „Ex“ Philipp (Lars Eidinger) im frostigen Berlin wieder, mit dem sie seit Jahren zusammen, aber nicht besonders glücklich ist. Auch ihre tote Freundin Emily (Fritzi Haberlandt) ist in dieser surrealen „Twilight Zone“ noch gegenwärtig, und da ihr Unfall im Mai mit dem Kennenlernen von August verknüpft ist, versucht Juliane, den vielleicht zufälligen, vielleicht schicksalhaften Lauf der Dinge zu beeinflussen, sowohl Emilys Tod zu verhindern als auch den zukünftigen Geliebten nicht zu verpassen.   

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Drehbuchautor und Regisseur Hendrik Handloegten schickt die Protagonisten seiner Filme gerne auf Reisen in ihre Vergangenheit oder Zukunft: In seinem mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Langfilmdebüt Paul Is Dead (2000) kommt ein Jugendlicher in den 1980ern einem „Beatles“-Komplott auf die Schliche; als Co-Autor von Good Bye, Lenin! (2002) ließ er die komatöse Hauptfigur den Fall der Mauer verschlafen; sein Drehbuch für Achim von Borries' Liebesdrama Was nützt die Liebe in Gedanken (2004) verortete einen romantisch verklärten Selbstmörderclub in die 1920er Jahre; und in seiner Erinnerungsromanverfilmung Liegen lernen (2003) löst der Pfützensturz eines Beziehungsunfähigen die Rückschau auf dessen erste Liebe während der Ära Kohl aus. Handloegtens Fernsehfilm Ein spätes Mädchen (2007) spielt zwar in der Gegenwart, präsentiert aber eine wie aus ihrer Zeit gefallene Protagonistin, deren Auftreten und Erscheinung einer vergangenen Epoche anzugehören scheint.

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Für Fenster zum Sommer, der lose auf einem Roman der Österreicherin Hannelore Valencak basiert, hat der Regisseur kontraststarke Bilder für die Handlungssprünge zwischen Vergangenheit und Zukunft gewählt. Das in warmen Farben gehaltene, romantische Finnland steht einem tristen, unterkühlten Berlin gegenüber – zwei Welten, die Julianes Gefühlslage, ihre innere Zerrissenheit und unterschiedlichen Empfindungen für zwei ebenfalls sehr gegensätzliche Männer symbolisieren. Wie bereits in Liegen lernen setzt Handloegten auch diesmal mehr auf das Kreieren von Atmosphären, die hier unter anderem dem Film noir entlehnt sind, und auf das detailverliebte, manchmal überstilisierte Gestalten von Schauplätzen, als auf eine logische oder spannungsreiche Entwicklung der Geschichte. Aufnahmen von Straßen, Fluren und Treppenhäusern zeigen, dass es ihm vorrangig um den Weg, die Entscheidungs- und Erkenntnisprozesse seiner Figuren geht, während er die Aufklärung des rätselhaften Zeitsprunges bewusst in der Schwebe hält.

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Obwohl Handloegten in seiner Mystery-Romanze diverse Motive aus klassischen Zeitreisefilmen und aus aktuelleren Variationen wie Déjà Vu - Wettlauf gegen die Zeit (Déjà Vu, 2006), Die Frau des Zeitreisenden (The Time Traveler's Wife, 2009) Die Tür (2009) oder Der Plan (The Adjustment Bureau, 2011) aufgreift, dient ihm das Genre ähnlich wie in Liegen lernen vor allem als Reflexionsmöglichkeit für seine Hauptfigur. Juliane erinnert vage an die ebenfalls von Nina Hoss verkörperte Reisende zwischen den Welten Yella (2007), wird in Fenster zum Sommer aber anders als Christian Petzolds Protagonistin klarer festgelegt und muss bisweilen allzu überdeutliche Dialoge aufsagen, die zusammen mit der recht aufdringlichen Musik den geheimnisvollen Elementen der Erzählung entgegenwirken.

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In erster Linie profitiert die Inszenierung von ihrem durchweg starken Darstellerensemble, in dem Handloegtens Stammschauspielerin Fritzi Haberlandt (Eine Insel namens Udo, 2011) als Freundin Emily für den comic relief sorgt. Im Kern dreht sich das fantastisch anmutende Beziehungsdrama um die uralte Frage, ob Liebe Zufall oder Schicksal ist. Und letztlich kommt dieser Film, der in seinen gelungensten Momenten ambivalent, verschwommen und undurchschaubar ist, zu einer leider eindeutigen Antwort.

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